Es kann mehr als eine(n) geben: „Supergirl“ tritt in die Stiefelspuren ihres berühmten Cousins

Emanzipiert oder nicht? Melissa Benoist als Supergirl; Fotos: Warner Bros. TV

Nach Arrow, Flash & Co. ist Supergirl die erste weibliche Titelheldin des aktuellen Superhelden-Booms im US-Fernsehen. Die Kräfte sind die gleichen wie bei Superman, das Kostüm bis auf den Rock auch. Wie leicht fällt es der Maid aus Stahl, sich von ihrem ikonischen Vetter freizuspielen?

„Es kann nur einen geben“ ist ein Motto, das im Universum der DC Comics schon lange nicht mehr gilt. Auf deren ersten und bis heute bekanntesten Helden Superman folgten im Laufe der Jahrzehnte in den Heften Superboy, diverse Doppelgänger von Parallelerden und zeitweise sogar Krypto, der Superhund. Ins Fernsehen hat es jetzt zumindest die Cousine des Stählernen geschafft: Zum ersten Mal steht Supergirl im Mittelpunkt einer TV-Serie.

Wie der berühmte Vetter kam auch Kara Zor-El vom untergehenden Planeten Krypton auf unsere Erde, hielt ihre übermenschlichen Fähigkeiten aber bislang geheim. Unter dem Familiennamen ihrer Pflegeeltern arbeitet Kara Danvers in National City (ein weiterer dieser bei DC üblichen generischen Städtenamen) als persönliche Assistentin der unausstehlichen Cat Grant (Ex-Ally McBeal Calista Flockhart). Die ist die Gründerin und oberste Chefin des Medienkonzerns CatCo und immer heiß auf neue Sensationsgeschichten. Eine solche entwickelt sich direkt vor ihrer Nase, als sich Kara gezwungen sieht, alle Vorsicht fallen zu lassen und bei einem Flugzeugunglück einzugreifen – denn ihre Pflegeschwester Alex (Chyler Leigh, „Grey’s Anatomy“) ist an Bord. Überwältigt vom positiven Medienecho und dem Hochgefühl, der Schwester und deren Mitpassagieren das Leben gerettet zu haben, entschließt sich die 24-jährige Kryptonierin, in die Fußstapfen respektive Stiefelspuren ihres Cousins zu treten. Aber auch das Heldinnendasein will erst gelernt sein…

Chauvi-Phantasie oder weibliches Rollenvorbild?

Neu und originell ist das alles nicht, aber Erfolgsproduzent Greg Berlanti („Arrow“, „The Flash“) und seine Kollegen Ali Adler und Andrew Kreisberg erzählen diese Origin Story im Serienpiloten auf sehr erfrischende Weise. Die düstere Weltsicht, mit der sich die DC-Helden Batman und zuletzt auch „Man of Steel“ Superman in den vergangenen Jahren im Kino präsentierten, ist hier einer fröhlich-bunten Grundstimmung gewichen. Kara ist im Berufsalltag die etwas trottelige graue Maus, fast wie Clark Kent in den alten „Superman“-Filmen mit Christopher Reeves. Optimistisch und energiegeladen wirkt sie hingegen, sobald sie in ihr neues rot-blaues Kostüm steigt, das, wie wir lernen, gar kein S ziert, sondern „das Zeichen des Hauses El“. Die sympathisch-positive Stimmung des Piloten ist nicht nur der Inszenierung von Regisseur Glen Winter zu verdanken, sondern zu einem Großteil der Hauptdarstellerin. Melissa Benoist („Glee“) ist die Idealbesetzung für die Rolle der jungen Frau zwischen Unsicherheit und Selbstbewusstsein, die ihre Zweifel überwinden muss, um ihrer Heldinnenrolle gerecht zu werden. Sie wirkt einfach unheimlich sympathisch, egal, ob sie mit Brille und Bluse gegen die Tücken des Büroalltags kämpft oder in Cape und Stiefeln gegen Superschurken.

Für Diskussionen sorgte nach Sichtung des Piloten die Frage, ob diese Figurenzeichnung nicht chauvinistisch sei. CBS-Chefin Nina Tassler betonte hingegen, die Protagonistin solle als Rollenvorbild für moderne Frauen dienen. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen: Supergirl ist zwar eine (nicht nur körperlich) starke Frau, aber der Reiz einer solchen Serie liegt zum Teil natürlich auch darin, einer attraktiven jungen Frau im knappen Kostüm dabei zuzusehen, wie sie Leute verdrischt. Die Autoren versuchen durchaus, die übermenschliche Heldin menschlich zu zeichnen, um nicht in die Falle zu laufen, sie zu unbesiegbar und damit langweilig erscheinen zu lassen. So hat Kara auch ihre Schwächen und Zweifel, die sie aber beiseite wischt, wenn es ernst wird. Im Privatleben wirkt sie zudem auch nicht schüchterner und ungeschickter als Clark „Superman“ Kent.

Supergirl mit Schwester und "Chef" in der Alien-Behörde
Supergirl mit Schwester und „Chef“ in der Alien-Behörde

Für die Kenner des Superman-Mythos haben die Serienmacher viele kleine Referenzen eingebaut, die manchmal etwas überhand nehmen. So steht Kara der beste Kumpel ihres Cousins zur Seite, James „Jimmy“ Olsen, deutlich gereifter als etwa in „Lois & Clark“ und nun von dem Afro-Amerikaner Mehcad Brooks gespielt. Er dient nicht nur als Ratgeber, sondern auch als (ein) love interest für Kara. Außerdem fallen ständig Namen wie Lois Lane, Perry White oder der Daily Planet und Karas Pflegeeltern werden von Ex-Superman Dean Cain und Helen Slater gespielt, die 1984 im Kinofilm das Supergirl-Kostüm trug. Diverse aus den Comics bekannte Superschurken sind zudem für die erste Staffel angekündigt oder bereits aufgetaucht.

Grundsätzlich scheint die Serie dabei dem Schema „Gegenspieler der Woche“ zu folgen, wobei übergreifende Handlungsbögen in den ersten Folgen behutsam angedeutet werden. So wird Karas böse Tante von Krypton wohl eine größere Rolle spielen und auch ihr neuer Vorgesetzter beim Department of Extra-Normal Operations – einer Regierungsbehörde, die sich mit Außerirdischen und ähnlichen Vorkommnissen beschäftigt – scheint mehr zu sein als er vorgibt. Diesen Hank Henshaw spielt der aus den ersten beiden „Homeland“-Staffeln bekannte David Harewood, wohl auf Leiter von Regierungsorganisationen festgelegt. Mit ihm, Leigh und Flockhart weist das Ensemble einige Starpower auf, wobei Newcomerin Benoist ihre TV-Kollegen bislang mühelos an die Wand spielt.

Potential vorhanden, Ausführung unterschiedlich

Die Serie spielt immer wieder auf meist witzig-charmante Art mit popkulturellen Anspielungen, sei es, dass Kara sich mit ihrer Schwester die neue „Homeland“-Folge ansehen will oder dass Cat Agent Henshaw mit Agent Mulder anspricht. Für eine Fernsehproduktion absolut überzeugend sind die Spezialeffekte ausgefallen, sei es auf dem Planeten Krypton, dessen Design sich an „Man of Steel“ orientiert, sei es etwa bei der Flugzeugrettung in der Pilotfolge. Die Zutaten für eine unterhaltsame Superheldenserie sind also alle vorhanden: eine sympathische Heldin, gute Darsteller, Humor, gelungene Effekte und Actionsequenzen. Ob die Abenteuer der Maid aus Stahl auch auf Dauer zu fesseln vermögen, hängt vor allem davon ab, ob es den Autoren gelingt, die Ausgangssituation ausreichend zu variieren und weiterzuentwickeln.

Hier stellen sich nach der dritten Folge langsam Zweifel ein, bietet diese doch leider nicht mehr als einen beliebigen durchgeknallten Superschurken, der am Ende besiegt ist, und weitere endlose Diskussionen, was eine Frau tun muss, um aus dem Schatten ihres berühmteren heldenhaften Cousins zu treten. Sollte es bei den immer gleichen Kämpfen gegen andere Kryptonier und sonstige Bösewichte der Woche bleiben, angereichert mit ein wenig Liebesleben und Berufsproblemen, könnte das Konzept trotz aller ursprünglichen Frische schnell langweilig werden. Dass das Potential aber nicht schon nach der Pilotfolge aufgebraucht war, zeigt dann die (wegen der Pariser Terroranschläge um eine Woche verschobene) vierte Episode, die wieder mit überzeugenden Actionszenen und einem cleveren gesellschaftlichen Kommentar zur Vereinbarung von Familie und Beruf aufwarten kann. Mit dieser Mischung könnte sich „Supergirl“ tatsächlich dauerhaft von ihren zahlreichen männlichen Kollegen in Strumpfhosen abheben.

Die neuen Folgen können zurzeit unter anderem bei Amazon Instant Video käuflich erworben werden. Dieser Text erschien zuerst bei wunschliste.de.

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