Sadistische Publikumsabzocke: „The Walking Dead“ Staffel 6.1

Einer kommt trotzdem durch: Nicholas (Michael Traynor) und Glenn (Steven Yeun) in eigentlich auswegloser Situation; Foto: Gene Page/AMC

Die Autoren von „The Walking Dead“ testen in der ersten Hälfte der sechsten Staffel nicht nur die Leidensfähigkeit ihrer Figuren, sondern auch die Geduld ihres Publikums aus. Hari List ist zwar unzufrieden, sieht aber noch Potenzial in der Serie.

Dabei begann alles eigentlich ganz gut. Nach dem Ende von Staffel 5, als Rick im Halbwahn eine moralisch richtige Kugel ins Hirn von Alexandrias Oberarschloch Pete gefeuert hatte, sammelt sich die Gemeinschaft, um der nächsten Bedrohung zu begegnen. Die versammelte Zombiegewerkschaft von Virginia könnte jederzeit die Zusammenrottung im nahe gelegenen Steinbruch auflösen und sich auf den Weg in ihre Richtung machen.

Richtig klug ist der durchgeführte Plan nicht, Murphy’s Law kommt wieder zur Anwendung. Die Wolves greifen Alexandria an und können dort etwas Cast-Bereinigung betreiben. Die von ihnen geläutete Türklingel lässt aber die halbe Zombieherde erst Recht wieder den Weg nach Alexandria einschlagen, die Hirtentruppe, bestehend aus den fähigsten Leuten (also Nicht-Alexandrinern), muss sich aufteilen.

Men on a (doomed) mission. Foto: Gene Page/AMC
Männer mit Mission Foto: Gene Page/AMC

Glenn und Nicholas finden sich alleine und umringt auf einem Müllcontainer wieder. Letzterer beschließt seine jämmerliche Existenz mit einer letzten feigen Tat, die Glenn eigentlich auch das Leben hätte kosten müssen. Gerettet wurde er durch die Diversitätsquote und Steven Yeuns Popularität, die sich noch nicht in überzogenen Gagenforderungen niedergeschlagen haben dürfte. Mit Logik oder so hatte das nichts mehr zu tun.

Überhaupt die Logik: Morgan schafft es schneller als alle anderen zurück in die Stadt und kann mithelfen, die Wolves zu vertreiben. Ja, vertreiben, denn er hat seinen wenig humanistischen Putzfimmel („I have to clear“) inzwischen gegen ebenso unbrauchbaren Pazifismus getauscht. Anders Carol, die eiskalt das halbe Rudel selbst erledigt. Im Finale werden diese beiden Philosophien dann aneinander geraten und Carol wird Recht behalten.

Den entkommenen Wolves läuft Rick über den Weg und entkommt knapp. Seine Cliffhangersituation ist nicht so todsicher unlösbar wie die von Glenn, wird aber in der gleichen „Auge Gottes“-Einstellung inszeniert – es leben die Drohnen!

Der Tanklaster explodiert leider nicht

Daryl, Sasha und Abraham können einstweilen den ursprünglichen Plan zu Ende und die andere halbe Walker-Herde weit, weit wegbringen. Bei der Rückfahrt geraten sie in einen Kugelhagel, werden getrennt und verschanzen sich in einem Büro, wo Abraham eine fesche Admiralsuniform für sich findet. Das nicht nur leicht angedeutete amouröse Potenzial zwischen ihm und Sasha ist aber bei weitem nicht das größte Verbrechen, das die Autoren in dieser Staffel begehen.

Da wäre auch zum Beispiel Daryls „Moralischer“, als er einem Trio die benötigten Insulinspritzen zurückgibt, nachdem er zuvor ihrer Gefangenschaft entkommen war. Als sich ihnen eine Gruppe schwer bewaffneter (und überraschend kompetenter) Männer nähert, gibt er auch noch die Pistole zurück. Er wird es bereuen und findet sich wieder ohne Armbrust und Motorrad im Wald wieder. Der gut gefüllte Tanklaster, mit dem er, Sasha und Abraham die Heimfahrt antreten, verspricht ein feuriges Finale. Eingelöst wird es aber nicht. Sie werden von einer Motorradgang angehalten. Wer, was und warum, die Antworten müssen warten.

Nachdem das Wolves-Problem fürs Erste erledigt scheint, warten die verbliebenen Alexandriner auf das Eintreffen der Vermissten. Maggie macht sich beinahe wieder auf eine sinnbefreite Suche nach Glenn (weil Liebe und so), beschließt aber dann, den Rest der Staffel auf einer Aussichtsplattform zu verbringen (und ist dort am Ende immer noch). Der Rest der ursprünglichen Bewohner Alexandrias ist eher unwichtig, die einzige neu etablierte (und grundsympathische) Figur Denise wird auch gleich für ihre neugewonnenen Charakterkonturen bestraft (wenn auch noch nicht mit dem Tod).

Leider dann doch nicht. Foto: Gene Page/AMC
Zwischen Ron und Carl eskaliert die Situation im Finale noch ohne Konsequenzen. Foto: Gene Page/AMC

Im C-Plot der Staffel erleben wir einen Kindergarten. Leider kann eine postapokalyptische Serie nicht auf die Kinder verzichten, will sie sich noch einen Schimmer von Zukunftsoptimismus bewahren. Es scheint aber auch den Autoren von „The Walking Dead“ unmöglich zu sein, brauchbare Jugendliche zu schreiben. „Carl’s Creek“ mit dem unerträglichen Pubertäts-Dreieck zwischen Carl, „JSS“-Enid und dem gerade halbverwaisten Ron steigert sich bis zum Finale weit über jede Akzeptanzgrenze hinaus (selbst Enid läuft davor davon) und man hofft inbrünstig, dass einer der beiden Burschen den anderen abknallt. Diese Hoffnung bleibt dann knapp aber doch (vorerst) unerfüllt. Der Wesley-Crusher-Pokal in der Kategorie „Most hated child on TV“ geht aber an Rons Bruder Sam, dem die letzten offiziellen Worte vor dem Abspann im Finale gehören. Und die sollten eigentlich allen Involvierten (und damit der Serie) das Leben kosten.

Fazit

Stoff, Thema, Aufbau und Figuren hätten noch so viel zu bieten (dazu einmal später mehr), aber man lässt sich einfach zu viel Zeit. Staffel 6.1. spielte (ohne Zeitsprung zu Beginn) an einem einzigen Tag. Die Tode waren fast durch die Bank von unwichtigen Alexandrinern, die eigentlich nur für ihre Naivität bestraft wurden und Ricks Argumente untermauerten. Die angebissene Deanna (kein Verlust, weder für die Handlung noch von der darstellerischen Qualität von Tovah Feldschuh, aber die einzige Figur von Relevanz) ist während der rollenden Credits noch immer nicht definitiv tot.

Ab Folge 2 hat man die stilistische Kreativität von der Auftaktepisode wieder sein lassen und hält sich nicht mehr mit Farbwechseln und mehreren Zeitebenen auf. Schade! Die Sets und Gore- und Splattereffekte lassen wie immer nichts zu wünschen übrig und auch an wirklich grauslichen Beißern (Kanal!) mangelt es dieser Staffel nicht.

Die optische Raffinesse kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man hier das Publikum bis zur Schmerzgrenze abzockt. Auch wenn man es hier mit der erfolgreichsten Fernsehserie seit langem zu tun hat, jede Episode mit einem massiven, eigentlich nicht mehr auflösbaren Cliffhanger enden zu lassen ist bestenfalls unkreativ, schlimmstenfalls purer Sadismus. Für letzteren spricht, dass die jeweilige Auflösung  um Wochen oder sogar Monate auf sich warten lässt. Und wie viele Logiklücken sind eigentlich auch in einer Zombieserie noch okay? Es ist zu befürchten, dass wir es in den nächsten Staffeln herausfinden werden.

Bitte verzeihen Sie mir die Austriazismen.

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