Kalter Krieg à la RTL: „Deutschland 83“

Umstritten: "Deutschland 83"; Foto: RTL / Conny Klein

Lange erwartet, mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht: Heute startet RTL endlich seine ambitionierte Eigenproduktion über die Hochzeit des Kalten Krieges und einen jungen Spion zwischen DDR und BRD. Ist diese nun mehr „The Americans“ oder mehr „Alarm für Cobra 11“?

Die Namen der DDR-Spione klingen eher nach Loriot: Tischbier heißt ein Verbindungsmann in Bonn, Schweppenstette einer in der Zentrale des Auslandsgeheimdienstes. Da kann man schon froh sein, dass Hauptprotagonist Martin Rauch einen „normalen“ Namen bekommen hat. Auch sonst verkörpert der von Jonas Nay gespielte Martin den DDR-Durchschnittsbürger, der mehr mit seinem Privatleben beschäftigt ist (Freundin, nierenkranke Mutter) als mit der Staatsdoktrin und der großen Weltpolitik. Jedenfalls bis er von seiner Tante als Westspion rekrutiert und an wichtiger Stelle in die Bundeswehr eingeschleust wird.

Es ist schon bemerkenswert, wie stark sich die verschiedenen deutschen Sender, die sich in diesem Herbst mit ersten (oder zweiten) Versuchen hervortun, endlich an die internationale Entwicklung im Bereich „Qualitätsserien“ anzuknüpfen, dann letztlich doch ihrem jeweiligen Image treu bleiben. Während es beim ZDF ohne Morde und Kommissare anscheinend nicht geht (siehe „Blochin“), setzt VOX beim „Club der roten Bänder“ vor allem auf Emotionen, wie auch bei den US-Serien und -Spielfilmen, die den Sender in den 1990ern groß gemacht haben. Und RTL hat mit „Deutschland 83“ eine Dramaserie produziert, die trotz aller erzählerischen Ambition vor allem eine gut gemachte Spannungsserie mit Actionsequenzen ist.

Action-, nicht character-driven

Obwohl sie vorab in den USA bei SundanceTV lief (was für RTL vor allem ein grandioser Marketingcoup war), ist sie meilenweit von jenen Serien entfernt, die dort sonst so laufen – ruhig erzählte und kunstvoll inszenierte Indie-Serien wie „Rectify“ oder „Les Revenants“. Die RTL-Produktion setzt hingegen weniger auf Atmosphäre und Charakterentwicklung als vielmehr auf eine herkömmliche Spannungsdramaturgie: Wird Martin die geheimen Unterlagen aus dem Büro seines Vorgesetzten abfotografiert haben, bevor der zurückkommt? Trifft er rechtzeitig im Ost-Berliner Krankenhaus ein, um seine Mutter zu retten? Das erzielt meist die gewünschte Wirkung, auch wenn es dramaturgisch manchmal etwas holpert.

Als Zeitporträt der frühen 1980er Jahre im geteilten Deutschland funktioniert die Serie dagegen nur bedingt. Dazu sind die Details etwas zu klischeehaft (hat in den 80ern wirklich jeder den „Spiegel“ gelesen?) und die Nebenhandlungen manchmal zu soapig. Es ist halt nicht „Mad Men“ (und soll das auch gar nicht sein). Das historische Setting dient im Grunde nur als Anlass für eine Spionage-Thriller-Handlung, wie sie sich auch zwischen allen möglichen anderen verfeindeten Staaten ergeben könnte.

Liebe in der DDR: Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
Liebe in der DDR: Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)

Gut und Böse sind hier relativ eindeutig verteilt, einen Hans Kupfer wie in „Weissensee“ sucht man auf Seiten der DDR-Spione vergeblich. Immerhin gibt es aber in der ersten Folge einmal etwas nachvollziehbare Kapitalismuskritik, als der seit Jahren im Westen lebenden Tischbier dem Neuankömmling Martin mit Blick über Bonn vermittelt, dass Konsum der einzige Wert sei, der im Westen zähle.

Epische Charakterdramen wie in „Weissensee“, der anderen großen Serie über die jüngere deutsche Geschichte, wird man in der Erzählung von Anna und Jörg Winger vergeblich suchen. Stattdessen bietet sie professionell inszenierte Actionsequenzen, einen ständig von äußeren Geschehnissen getriebenen Protagonisten und vor allem in den Nebenrollen überzeugende Darsteller (allen voran Ulrich Noethen als autoritärer Bundeswehrgeneral, der den Kalten Krieg zu Hause am Wohnzimmertisch fortsetzt, aber auch Maria Schrader und Sylvester Groth).

Verglichen mit dem, was auf RTL sonst so an eigenproduzierten Serien läuft, den Explosions-Posterboys von „Alarm für Cobra 11“ oder den hölzern gespielten und inszenierten Dialogen in „Block B“ (vor einigen Monaten der erste Versuch des Senders einer ambitionierteren Serienproduktion), ist das ein gewaltiger Fortschritt. Nach internationalen Maßstäben ist es dann aber doch eher mit einer Serie von ABC Family oder TNT vergleichbar als mit den wahren Lieferanten von „Qualitätsserien“. Sollte RTL damit seine Zuschauer überzeugen statt zu vergraulen, wäre das nach dem schönen Erfolg von VOX mit „Club der roten Bänder“ durchaus ein mutmachendes Zeichen für andere Sender, dass man im Rahmen seines Images auch moderner erzählen kann, als es in Deutschland jahrzehntelang Usus war.

RTL zeigt die erste Staffel ab dem 26. November, jeweils donnerstags ab 20 Uhr 15 in Doppelfolgen.

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