Das Böse ist immer und überall: David Schalkos „Altes Geld“ ab heute im ORF

Wie auf einem Gemälde: Die Krankheit des Patriarchen bringt die Familie wieder zusammen; Fotos: Superfilm/ORF

2011 feierte der ORF mit  „Braunschlag“ einen seiner größten Serienerfolge der vergangenen Jahrzehnte. Mit „Altes Geld“ (ab heute auf ORFeins) hat Autor und Regisseur David Schalko noch mehrere Schippen draufgelegt:  Es ist ein ebenso überdrehter wie stilisierter Rundumschlag gegen das menschliche Wesen im Allgemeinen – und die österreichische Gesellschaft im Besonderen.

Rolf Rauchensteiner (Udo Kier) ist reich – sehr reich. Wobei nie so richtig klar wird, womit er sein Geld eigentlich verdient (hat). Es ist scheinbar immer schon da gewesen. Rolf Rauchensteiner ist aber auch krank – todkrank. Diagnose: Hepatitis D, Prognose: vielleicht noch ein Jahr – wenn sich keine neue Leber für den steinalten Patriarchen findet. Da der naheliegende Bestechungsversuch beim zuständigen Beamten Tscheppe (Simon Schwarz) fehlschlägt, bleibt Rauchensteiner nur noch eines: einen skurrilen Wettbewerb unter seinen Kindern auszuschreiben, wer ihm eine Leber besorgt, wird Alleinerbe. Das wiederum will seine zweite Gattin Liane (Sunnyi Melles) verhindern, die eine Affäre mit Rolfs Leibarzt hat und das ganze Komplott überhaupt erst ins Rollen gebracht hat. Denn die Infektion war keinesfalls zufällig.

Der Patriarch hat drei Kinder, höchst unterschiedlich, aber doch in ihrer Dekadenz vereint: Der Älteste, Zeno (Nikolaus Ofczarek, neulich als litauischer Mafiaboss in „The Team“ fehlplatziert, darf hier wieder sein komödiantisches Talent ausspielen) ist spielsüchtig und verschuldet, bei einem mysteriös-irren Unterweltführer, den alle nur den „Kommander“ nennen (inklusive er selbst). Der Jüngste hingegen, Jacob (Manuel Rubey mit absurd blondierter Haartracht), will mit der Familie eigentlich nichts mehr zu tun haben, hat sich nach Zentralafrika zurückgezogen, um Gutes zu tun. Mit Schwester Jana (Nora von Waldstätten) verbindet ihn ein langjähriges inzestuöses Verhältnis – daher kommt auch seine Besessenheit für Analsex. Am uneigennützigsten ist noch Rolfs persönlicher Leibwächter und Auftragskiller Kralicek (Robert Palfrader), der seinem Chef hündisch ergeben ist und erst mal versucht, eine Leber in Afrika aufzutreiben, wobei der Spender nicht zwingend schon tot sein muss.

Tableauartige Einstellungen

Das mag alles schon reichlich abstrus klingen, dabei ist das gute Dutzend Nebenfiguren noch gar nicht erwähnt, die nicht minder skurril sind. Ausgehend von der Anfangssituation entspinnt sich in acht Folgen ein zunehmend verworrenes Netz aus parallelen Handlungssträngen, das quasi alle Bereiche der Wiener Gesellschaft umspannt: Der Bürgermeister ist ein alter Schulfreund des Patriarchen, dem wiederum auch noch eine große Tageszeitung gehört. Die Polizei ist den korrupten Umtrieben der Rauchensteiners auch auf der Spur und ein scheinbarer Vertrauter will in Wahrheit Rache nehmen. Und die eigene Schwester (Rauchensteiners Vater war führender Nazi, die Mutter Jüdin) meldet sich aus Israel, um das kostbarste Familienerbstück in ihren Besitz zu bringen: ein Paar Handschuhe aus Menschenhaut.

„Ein ‚Dallas‘ für Geistesgestörte“, nennt das DVD-Label die Serie im Backcovertext. Man könnte auch sagen: ein „Dallas“ von Geistesgestörten. Nicht nur inhaltlich hat Schalko das Spiel mit den Stereotypen, die lustvoll überzogen und ins Absurde gesteigert werden, auf die Spitze getrieben. Stilistisch dürfte sein Werk im deutschsprachigen Fernsehen absolut einzigartig sein: Viele Einstellungen erinnern eher an Gemälde. In grellen Farben und streng arrangierten Konstellationen stehen die Figuren da nebeneinander oder einander gegenüber, als posierten sie für einen Maler. Zu klassischer (manchmal auch nur klassisch anmutender) Musik schweigen oder monologisieren sie. Oder Udo Kier reißt zu „Absolute Beginners“ von David Bowie in einer von Schalkos berüchtigten Parallelmontagen Blumen aus dem prächtigen Garten seines Anwesens und trägt sie im Mund zu seiner Gattin, woraufhin die Beiden wild mit den Armen schwingend herumtanzen.

Zwischen hölzernem Spiel und überzeichneter Satire

Anders als der Serienvorgänger „Braunschlag“ ist „Altes Geld“ von einer großen Künstlichkeit geprägt, nicht nur in der Bildgestaltung, auch in den Dialogen. Diese klingen oft eher wie aus einer Aphorismensammlung als wie aus dem Alltag gegriffen. In ihrer trockenen Art entbehren sie zwar nicht einer gewissen Komik, meistens bleibt einem das Lachen aber eher im Hals stecken. Höchst unterschiedlich sind die schauspielerischen Leistungen ausgefallen: Während alle drei Kinder hervorragend besetzt sind (Rubey als süffisanter Melancholiker, der an seiner Herkunft verzweifelt und ihr doch nicht entkommen kann, Ofczarek als großer Kind mit naivem Blick auf die Welt und von Waldstätten als unterkühlte Femme Fatale zwischen Nymphomanie und Suizid), agiert das Elternpaar aus Melles und vor allem Kier dermaßen hölzern, dass man sich permanent fragen muss, ob das Absicht (Fassbinder-Hommage, Verfremdungseffekt?) oder Unvermögen ist. Kier spricht seine Dialogzeilen mit dem unverkennbaren Kölschen Akzent einfach so weg, als höre er sie selbst gerade zum ersten Mal. In den Nebenrollen ist dann – mal wieder – die Creme de la Creme des österreichischen Schauspiels versammelt, von Palfrader und Maria Hofstätter (in einer kleinen Nebenrolle) bis zum „ewigen Bösen“ Johannes Krisch als Kommander. Simon Schwarz variiert seine immer gleiche Rolle des jovialen Politikers/Beamten hier aber vielleicht einmal zu oft.

Zwischen Zuneigung und Abscheu: das Ehepaar Rauchensteiner (Sunnyi Melles, Udo Kier)

Eines muss man Schalko lassen: Er hat kein „Braunschlag 2“ abgeliefert, keine Variation seines bislang größten Erfolgs. Und der ORF zeigt einmal mehr den Mut, eine Serie produzieren zu lassen, die im deutschen Fernsehen undenkbar wäre, hätte man dort schlicht viel zu viel Angst, Stammpublikum und Politik gleichermaßen vor den Kopf zu stoßen. Aber teilweise hat sich Schalko in seinem eigenen Anspruch dann doch arg übernommen. Richtig lustig ist „Altes Geld“ leider überwiegend nicht, dafür insbesondere im Mittelteil manchmal sehr mühsam. Und die Satire läuft diesmal meist seltsam ins Leere. Waren deren Ziele in „Braunschlag“ noch klar erkennbar, die Parallelen zur österreichischen Politik und Gesellschaft auch für Deutsche offensichtlich, ist sie diesmal so überzeichnet, dass gar nicht mehr klar wird, gegen wen sie sich eigentlich richten soll. So pflegt der Wiener Bürgermeister à la „Lars und die Frauen“ eine Beziehung zu einer Puppe, das jüdische Museum ist genauso korrupt wie alle anderen und ein kleiner grüner Beamter arbeitet gleich an der Weltverschwörung. Außerdem sind alle käuflich und alles ist mit allem verwoben – so what? Auch die Lust am Tabubruch wirkt diesmal eher wie ein Selbstzweck (Nazivater! KZ! Inzest! Burkaträgerinnen!). Sympathisch ist zudem so gut wie keine der zahlreichen Figuren, was einem das Interesse an der Handlung zusätzlich erschwert. Auch das war bei „Braunschlag“ noch anders, wo sich hinter den egozentrischen Fassaden eben doch Menschen wie du und ich offenbarten.

Letztlich ist „Altes Geld“ ein ebenso ambitioniertes wie im Ergebnis seltsam ambivalentes Werk, man könnte auch sagen: auf hohem Niveau gescheitert. Faszinierend ist es irgendwie trotzdem.

ORFeins zeigt die Serie ab heute jeweils montags um 20 Uhr 15. Zum Start gibt es eine Doppelfolge.  Auf DVD ist sie bei Hoanzl erhältlich: 375 Min. T.: Deutsch/Hörfilmfassung. UT: Deutsch, Englisch. Bonus: Hinter den Kulissen. Oder per Video-on-Demand auf flimmit.com.

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