Eyes wide shut – Mit weit geschlossenen Augen in die Zukunft

Welten treffen aufeinander: Diskusionsteilnehmer mit Moderator Gottschalk und Ministerin; Fotos: Medientage München

Auf den Münchner Medientagen diskutierten Spitzenvertreter deutscher TV-Sender über die Herausforderungen, die die digitale Entwicklung mit sich bringt. Trotz einer selbstbewussten Keynote des Vizechefs der Amazon Studios blieben sie erstaunlich gelassen – zu Unrecht.

Danach saßen sie alle ziemlich entspannt auf ihren bequemen Sesseln und strahlten eine Zuversicht aus, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Dabei hatte vor der Podiumsdiskussion beim TV-Gipfel zum Auftakt der Münchner Medientage, Roy Price, Vizepräsident der Amazon Studios, ein Vortragsfeuerwerk abgebrannt, das einigen der Diskussionsteilnehmern Angst und Bange hätte werden müssen. Vornehmlich vom Programmdirektor des ZDF, Norbert Himmler, oder von Wolfgang Link, dem Vorsitzenden der Geschäftsleitung von ProSiebenSat.1, hätte man erwartet, dass sie nach dem Vortrag von Price vielleicht etwas unruhig werden. Und selbst Thomas Gottschalk, Moderator der Talkrunde, schien am Ende der Gesprächsrunde sehr überrascht, dass keiner seiner Gäste in Angststarre vor Amazon, YouTube oder Netflix verfallen ist, sondern alle sehr relaxed waren und das auch sehr selbstbewusst zum Ausdruck brachten.

Dabei sollten sie und alle anderen Programmverantwortlichen bei den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern beunruhigt sein. Denn sowohl Roy Price als auch sein Kollege Jay Marine, Vizepräsident von Amazon Instant Video in Europa, als Teilnehmer der Talkrunde zeigten die Defizite in der deutschen Fernsehlandschaft in ihren Vorträgen deutlich auf. Aber wahrscheinlich hat es nicht einmal einer bemerkt oder, wenn doch, sich nicht anmerken lassen.

Beeindruckende Rede: Roy Price, Vizepräsident Amazon Studios
Beeindruckende Rede: Roy Price, Vizepräsident Amazon Studios

Denn was Amazon aufgefahren hat an qualitativ hochwertigen Serien, die da in den kommenden Monaten bei Amazon Instant Video ihre Premiere erleben werden, ist beindruckend und doch erst die Speerspitze von dem, was Amazon für die kommenden Jahre noch so alles in der Pipeline hat. Das während des Vortrags von Price gezeigte show reel beinhaltete „Transparent“, „Mozart in the Jungle“, „Hand of God“, „Bosch“, „Red Oakes“ und als neueste Serie „The Man in the High Castle“. Alleine wenn man alle diese vielversprechenden Serien am Stück schauen würde, wäre man ein halbes Jahr jeden Abend und am Wochenende gut beschäftigt. Und das war jetzt nur Amazon. Netflix hat ja auch einiges im Programm und in der Pipeline. Dazu Sky, dessen Senderchef Carsten Schmidt als Einziger in der Runde wirklich relaxed sein durfte. Aber dafür hatte er ja fast 15 lange Jahre genug Blut und Wasser geschwitzt, bis Vorläufer Premiere und später Sky da angekommen ist, wo es heute steht. Und das auch nur durch britisch-amerikanische Hilfe.

Denn zwei wesentliche Punkte, die angelsächsisch und amerikanisch geprägte Unternehmen wie Sky, Amazon, Netflix und auch Apple besser verstehen als alle anderen Teilnehmer im Markt sind:

Punkt 1: Einfacher Zugang, einfache Bedienbarkeit, erschwingliche Kosten

Dazu und sehr wichtig: über alle Plattformen und ohne technische Einschränkungen und Barrieren abspielbar. Es gibt keine Unterschiede, ob ich eine Sendung über einen Smart TV, das Tablet, den Laptop, einen Desktop Computer oder über das Smartphone schaue. Ich kann jederzeit und überall ohne Probleme konsumieren. Die Apps sind technisch ausgereift, die Bedienbarkeit intuitiv und der Preis erschwinglich. Da kann keiner der deutschen Anbieter mithalten. Irgendwo hakt es technisch immer – selbst bei Sky, mit Sky Go einer der Vorreiter in diesem Segment in Deutschland.

Eine ausgereifte Technik ist für Amazon & Co. jedoch elementar, sie ist die Basis für alles, was danach kommt. Ohne eine gute Technik funktioniert ihr Business nicht, lassen sich ihre Strategien nicht umsetzen. Jay Marine hat es in der Talkrunde noch einmal ganz besonders betont. Amazon folgt den Menschen und ist da, wo sie konsumieren wollen. Und das funktioniert nur, wenn die Technik funktioniert. Bei deutschen Medienunternehmen hat die Technik nicht diese Bedeutung und das merkt man ihnen leider auch an.

Punkt 2: Inhalte, auf Neudeutsch: Content!

Jedoch kein durchschnittlicher Content. Es muss außergewöhnlicher, wertvoller, herausragender Content sein. Eine solide Serie reicht Amazon nicht mehr. Damit lockt man keine Kunden an. 61 Piloten hat Amazon Studios bislang gedreht, 24 Serien sind daraus entstanden. Man hat eine Plattform gestartet, wo jeder Autor oder Produzent seine Serienideen oder fertige Scripts hochladen kann. Alles wird gelesen. Drei neue Piloten und eine ganze Serie wurden davon bereits in Auftrag gegeben.

Weitestgehend gelassen: die Teilnehmer des TV-Gipfels
Weitestgehend gelassen: die Teilnehmer des TV-Gipfels

Das Problem, das sich aus diesem Anspruch für die Wettbewerber ergibt, wird sich erst in den nächsten zehn bis 15 Jahren den Sendern wirklich erschließen: In Zukunft wird sich kaum noch ein Fernsehzuschauer für solide TV-Shows interessieren. Die Messlatte für Fernsehproduktionen wird durch Netflix und Amazon, aber auch durch Pay-TV Sender wie HBO oder die Kabelnetzwerke immer höher gelegt. Wer es sich leisten kann und vor allem wer es sehen will, wird sich nur noch bei diesen Sendern und Anbietern seine Lieblingsserien ansehen. Das hat Folgen – für den ganzen TV-Markt.

Alles sofort und überall

In Deutschland wird dieser Prozess vielleicht noch ein bisschen länger dauern als in den USA oder in den angelsächsischen Ländern, in Skandinavien oder in Benelux, wo Filme und Serien meist schon im Original und nur mit Untertiteln in der Landessprache ausgestrahlt werden. In Deutschland wird erst einmal alles synchronisiert. Doch die junge Generation braucht und möchte das nicht mehr. Sie wird nicht mehr warten, bis eine Show in Deutsch verfügbar ist. Und sie wird sie da schauen, wo sie möchte. Im Netz, auf dem Laptop, auf dem Tablet auf dem Weg zur Arbeit. Vielleicht auch mal auf der Couch. Wenn dann die App oder die Technik nicht mitspielt, ist man als Anbieter ganz schnell aus dem relative set gelöscht. Geduld zählt im Zeitalter von Breitbandinternet nicht mehr zu den größten Tugenden der Jugend.

Aber vielleicht waren die meisten Teilnehmer der Diskussionsrunde deshalb so entspannt, weil es sie in ihrem Berufsleben nicht mehr wirklich betreffen wird, weil es in Deutschland halt immer etwas länger dauert, bis eine Entwicklung sich durchsetzt als anderswo.

Aber spätestens ihre Nachfolger werden sie dafür verfluchen, dass sie damals in Jahr 2015 bei den Medientagen mit weit geschlossenen Augen in die Zukunft geschaut und die Gefahr nicht erkannt haben, die da am Horizont auf sie zugekommen ist. Sie können dann in zwanzig Jahren ja mal bei den Ex-Kollegen aus dem Printmedienbereich nachfragen, wie das so war mit der Online Disruption Anfang des 21. Jahrhunderts. Die ist damals ja auch „ganz plötzlich“ über sie hereingebrochen.

6 comments

  1. Mal abgesehen davon, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts erst mal die Elektrifizierung weiter Landstriche Priorität hatte und dann vom 1. Weltkrieg ausgebremst wurde, eine bachtenswerte Analyse.

    1. Uns seien wir froh drum, sonst werden unsere Medieninhalte irgendwann in New York und LA bestimmt. Von den dollen Industriepartner wie Nestle und Unilever, aber gespart haben wir dann 17,50, Glückwunsch.

      1. Hm, wie war das noch mit der Schleichwerbung für diverse Autohersteller bei „Wetten …dass?“ oder „Marienhof“? Und dann obendrauf 17,50 EUR im Monat für eine durchwachsene Gegenleistung und Transparenz nur im Ansatz, ja ne, klar, da muss man nicht Nachfragen und soll sie einfach mal machen lassen.

        Wer Steuergelder in Milliardenhöhe ausgibt, ist dem Steuerzahler und Fernsehzuschauer Rechenschaft schuldig. Punkt. Dort findet eine Wettbewerbsverzerrung statt, Tochterfirmen werden bevorzugt, die von den gleichen Vorständen geleitet werden, Nebeneinkünfte werden nicht offengelegt … und wir würden eigentlich viel lieber über Inhalte diskutieren, als uns über mafiöse Strukturen zu wundern.

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