„Sedwitz“-Kritik: 1.06 „Trick Siebzehn“

Es werden immer mehr: fünf Männer und ein Schrank. Foto: ARD

Das Staffelfinale setzt gleich mit einem denkwürdigen Grenzfall ein, der Major Neubert ebenso theoretisch fasziniert wie paralysiert, ehe sich Ralle aufmacht, um die Sache gewohnt pragmatisch anzugehen. Eine großartig unterhaltende Folge, die nicht nur aufgrund ihres gelungenen Cliffhangers nach einer Fortsetzung verlangt.

Jetzt haben wir den Salat. Kaum hat man die Figuren lieb gewonnen, dann ist schon Schluss mit lustig, gerade wenn die dramaturgische Latte signifikant höher gelegt wird, und Pietzsch die Tragweite seiner spontanen Handlung noch gar nicht absehen kann. So viel vorweg: Liebe ARD – die unverschämte Einblendung am Ende taugt nicht als provisorischer Abschluss einer Serie, von der man sich im Sender anscheinend noch nicht sicher sein mag, ob man sie überhaupt fortsetzen will. Offensichtlich ist sie noch nicht ansatzweise auserzählt, sondern hat gerade mal den ersten Akt beendet. “Sedwitz” gehört schleunigst fortgesetzt, auf einem prominenteren Sendeplatz, mit mindestens einer Praline oben drauf, sonst … gehen wir geschlossen nach drüben und nehmen unsere Gebühren mit! Diese Titel sind weder witzig noch eine Pointe, sondern eine bodenlose Frechheit, ein Schlag ins Gesicht der Zuschauer, eine Missachtung der großartigen Leistung des Teams hinter wie des Ensembles vor der Kamera.

Wo wir damit schon eingangs das wichtigste geklärt hätten, können wir uns dem jüngsten Zaubertrick 17 vom Major zuwenden, der fälschlicherweise um den Paragraphen 17b, “Widerrechtliches Überqueren der Staatsgrenze”, erweitert wurde, der bei Ralle zu dessen eigener Überraschung zur Stimmungsaufhellung beiträgt. So wird der gepflegte Grenzübertritt nicht nur zur Routine, sondern das Tunneln an sich als gewinnbringendes Prinzip entdeckt, für jeden anstehenden Devisenhandel:

“Ich hab nur eine Devise.” – “Und die wäre?” – “Soch i ned!”

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, egal ob an Schränke, die LPG-Kasse, Ost- wie Westmark oder Informationen vom Kleinsatelliten – nur Lehrerin Astrid schaut in die Röhre ihres eigenen Illusionsofens, wenn ihr das Leben selbst den Trick erklärt, dem sie aufgesessen ist. Immerhin fällt eine tröstende Umarmung für sie ab, Kerstin hingegen darf eine in ihrer schönen Schlichtheit schon grenzwertige Liebeserklärung entgegennehmen.

Hubert Weisspfennig hat noch eine unerwartete Aussprache mit seiner Geliebten, das letzte Wort ist hier sicherlich auch noch nicht gesprochen und es gibt erste Interessenten zur Tunnelnutzung in der Gegenrichtung. Das will man sehen, wenn die Jugendlichen aus dem Westen auf Ralles Tochter treffen und die Serie insgesamt eine ganze Ecke turbulenter wird, nachdem die Figuren nun mustergültig eingeführt sind.

“Nach Hause? Nach Hause gibt’s nicht, weder für Sie noch für mich!”

Bevor dann kurz vor S(endes)chluss im östlichen Western-Showdown einer umkippen wird, summt noch ein Insekt vorbei und verwirbelt die Luft. Wir sind froh, diese Serie gefunden zu haben, obwohl man sich bei der ARD große Mühe gegeben hat, dass niemand etwas von ihrer Existenz bemerkt. Jetzt richten sich alle Augen auf “Sedwitz”, damit sich der Kaiserwalzer um den Strauß weiterdreht und diese famose Serie nicht als “museale Bestandsreserve” in die Archive aufgenommen wird. Das wäre eine unverzeihliche Sauerei.

“Sedwitz” läuft donnerstags in der ARD um 23 Uhr 30, freitags beim BR um 22 Uhr 45, beim MDR sonntags um 22 Uhr, in der Mediathek, online, als Podcast und auf youtube.

6 comments

  1. Ich kann dem postpubertären Humor dieser Serie nichts abgewinnen. Nicht alles, was irgendwie „skurril“ ist, ist auch automatisch gut. Das scheint mir ein weit verbreiteter Irrtum zu sein.

    1. Zugegeben, ich bin ein bisschen ratlos, ob oder wie ich darauf antworten soll, daher gestatten Sie mir bitte die Nachfrage: Wenn Ihnen der Humor von “Sedwitz” zu postpubertär ist, also zu erwachsen, dann ist vielleicht “Fack ju Göhte” eher was für Sie? Auf Pippikackapupshumor wartet man hier in der Tat vergeblich, tut mir Leid, dass ich nicht deutlich genug darauf hingewiesen habe. Dem Rest Ihres Kommentars stimme ich gerne zu, selbst wenn sich mir weder die Verbindung zu “Sedwitz”, noch zu meinem Artikel erschließt. Ansonsten begnüge ich mich mit der Feststellung von Woody Allen, der Komödie sehr treffend so definiert hat: „Komödie ist Tragödie plus Zeit.“ Das hat doch etwas tröstendes, nicht wahr? Also wenn Ihnen die innerdeutsche Grenze möglicherweise noch zu nahe steht um darüber Lachen zu können, dann warten Sie einfach noch ein bisschen. Das wird schon.

      1. Mit postpubertär meint er glaube ich eher „gerade erst aus der Pubertät heraus“, also gerade nicht sehr erwachsenen Humor – denke ich mal.

        1. Danke für die Hilfestellung, Marcus. Möglich wär’s, erhöht aber leider nicht das Verständnis des Kommentars. Was wäre dann eigentlich in Abgrenzung dazu „erwachsener Humor“ – einer, über den man überhaupt nicht mehr lachen kann? Unterm Strich ist Humor genauso Geschmackssache, wie jedes andere Genre auch, dann gucke ich aber nicht sechs Folgen davon (was der späte Kommentar suggeriert) wenn er mir zu infantil und irgendwie „skurril“ ist, oder? Beispiele wären hilfreich, dann könnte man das alles präziser einordnen und ins Gespräch kommen. Dazu wollte ich meine grundsätzliche Bereitschaft signalisiert haben, darum habe ich mich an einer Antwort versucht.

  2. Hallo Jens,
    ich bin durch ein Zufall auf die Serie gestoßen und habe viel Spaß daran gehabt. Schon der Name behinhaltet soviel Humor.
    Ja ich bin einer von der Gruppe, die auf eine Forsetzung wartet.

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