„Weissensee“-Kritik: 3.03 „Einer von uns“ & 3.04 „Der Amerikaner“

Der Kampf um freie Wahlen wird von Spitzeln erschwert. Bild: ARD/Julia Terjung

Auch wenn die Mauer offen ist, ist die Stasi noch längst kein zahnloser Tiger: Nach wie vor lässt Falk die Muskeln spielen, um seinen Idealen treu zu bleiben. Langsam wird allerdings auch der Strick um seinen eigenen Hals immer enger – was ihn schlussendlich vor die Frage stellt, wofür er denn wirklich steht.

Im Vergleich zu den Auftaktfolgen schalten „Einer von uns“ und „Der Amerikaner“ (bis kurz vor dem Ende der vierten Episode) einen Gang zurück – klar, man kann die Höhepunkte eines Mauerfalls nicht beliebig oft reproduzieren und nachahmen. Hauptgrund ist jener, dass die dritte Staffel „Weissensee“ in ihrer Mitte nicht so sehr mit einem zentralen narrativen Motor arbeitet, wie sie es in den ersten beiden Staffeln tat – dort war es Julia, die alle Kupfers und Hausmanns am selben Strang (jedoch in verschiedenen Richtungen) ziehen ließ, und die gibt es nicht mehr. Jetzt recherchieren Martin und Katja in Westdeutschland, Falk versucht, die Stasi und ihre Methoden zu retten, und das demokratische Forum hat alle Mühe damit, sich nicht selbst zu zerfleischen. Kleine Nebenplots wie jene über Görlitz oder Martins leichtgläubige Tochter runden den Eindruck ab, dass Staffel 3 zersplitterter als seine Vorgänger ist – genauso wie es die DDR war.

Was „Weissensee“ in seiner dritten Staffel aber nicht verlernt hat, ist es, im Minutentakt diese kleinen Beobachtungen über die Wende und ihrer ProtagonistInnen zu machen, ohne sie mit Posaunen und Trompeten groß untermalen zu müssen. Natürlich gibt es da auch ein paar Ausnahmen: Marlene zu beobachten, die Kassette verbrennen zu wollen, nur um sie sich im letzten Moment umentscheiden zu sehen, wirkt wie ein Fremdkörper in einer Serie, die ihre Botschaften für gewöhnlich organisch in die Geschichte und die Szenen einfließen lassen kann. Das ist allerdings das Problem mit der Marlene-Figur generell: Sie ist die Mutter, die all die Streitereien, Betrüge und Verbrechen der Männer in ihrer Familie erdulden und ihnen standhalten muss – stillschweigend natürlich, wie sich das für einen Fels in der Brandung gehört. Insofern ist ihr Leiden nicht geringer als das der anderen Figuren, sondern schlichtweg mehr nach innen projiziert – da tut sich selbst „Weissensee“ schwer, das zu dramatisieren.

Freiheit

Ihre feinen Beobachtungen webt die Serie in die diversen kleineren Stränge dieser Staffel mit ein: Jede Haupt- und Nebenfigur ist Stellvertreter für Konflikte, die der Fall der Mauer mit sich brachte oder zu enthüllen begann. Martins Tochter Lisa machte etwa bislang noch keinen bleibenden Eindruck und trug noch kaum etwas zur Handlung bei – stattdessen dient sie als Kolorit für das Panorama der Wende: Sie zeigt uns die blinde Euphorie, mit denen glückselige Menschen aus dem Osten den neuen Möglichkeiten des Westens entgegentreten. Dass sie dabei übers Ohr gehauen werden könnte, kommt ihr gar nicht in den Sinn – die Warnungen der Familie werden als spießbürgerlicher Protest gegen die neue Welt in den Wind geschlagen.

Es ist die Freiheit, mit der es gilt, umgehen zu lernen. Görlitz und Lisa werfen sich blindlings ins neue Leben, und man möchte meinen, Martin tut es auch – nachdem er gleich am Tag der Wende ein Stelldichein hatte, ist er jetzt als erster langfristig mit jemandem aus dem Westen vertraut. Und doch ist er so reserviert wie eh und je. Wenn Katja Martin „Warum bist du so traurig?“ und „Warum bist du so misstrauisch?“ fragt, bricht einem das schnell das Herz: einerseits, weil wir anhand der sehr zurückhaltenden Darstellung der Romanze merken (in der vierten Folge sehen wir sie sich erstmals küssen!), dass Julias Tod Martin nach wie vor jagt, andererseits, weil er aus einer Welt stammt, die von Natur aus misstrauisch und geheimniskrämerisch machte. Martin kennt die Kosten des Aufbegehrens am Besten: Zuerst zerbrach Julia im Gefängnis, und selbst danach überrollte sie die Stasi. Da will er jetzt nichts mehr riskieren.

Martin ist vorsichtig geworden. Auch wenn Falk und seine Eltern nicht offen etwas gegen Katja einzuwenden haben, erweckt die Beziehung mit einer Westdeutschen, die zudem noch Journalistin ist, unweigerlich einen verdächtigen Eindruck – und das mal ganz abgesehen davon, dass sie Beweise für Falks Verantwortung an Robert Wolffs Verschwinden besitzt. Dass die Stasi nun entmachtet sei, ist ein Irrtum, wie er an Katjas geplündertem Habgut sieht – und so fühlt sich Martin natürlich darin bestätigt,  dass die Angst, bespitzelt zu werden, schlichtweg Teil von ihm ist. Martin mag sich nun als frei wägen, weil er in den Westen kann – doch die Kräfte der DDR sind nach wie vor präsent. Dazu gehört auch, dass Martin sie dort sieht, wo sie eigentlich gar nicht sind: Es ist nicht Paranoia, die Martin Katjas Recherche-Methoden im Affekt als „Stasimethoden“ bezeichnen lässt, sondern ein Bewusstsein für die Verantwortung, die die Freiheit abverlangt.

Obwohl er sich dessen gar nicht so ganz im Klaren ist, ist sein Misstrauen in die plötzlich so viel schönere Welt gerechtfertigt. Weil er sich von seinem Bruder vergewissern lässt, dass dieser nichts mit dem Ableben Wolffs zu tun habe, geraten jede Menge Figuren in Schwierigkeiten: Katja wird beraubt und Görlitz erpresst. Vielleicht ist das einer der deprimierendsten Aspekte von Martins Geschichte, die an Unglücken nicht arm ist: Er versucht einfach bloß, sein Leben selbst zu gestalten, doch erreicht trotz guter Absichten immer wieder bloß das Gegenteil. Die Lektion aus den 80ern, der DDR: sicherheitshalber einfach die Klappe halten.

Die Begegnung mit den Eltern seiner Tochter gerät da fast ein wenig in den Hintergrund, weil es mit den anderen Themen der Serie nur flüchtig etwas zu tun hat. Sie hängt weder mit der Stasi noch mit der Wende zusammen und fühlt sich damit ein wenig wie aus einem anderen Film an – wäre da nicht Julia, die sich im Gesicht der kleinen Anna wiederspiegelt. Trotzdem sind diese Szenen bislang bloß „recht nett“, und es bleibt abzuwarten, ob sich hier noch etwas wirklich Spannendes ergibt.

Wie weit die Parteitreue reicht

Während sich die Gebrüder Kupfer bislang die Hauptrollen großteils geteilt haben, übernimmt Falk in der dritten Staffel inoffiziell die alleinige: Er hat nicht nur überall seine Finger im Spiel – vielmehr ist er es auch, der zur Wende hin deutlich mehr gefordert wird. Der Opportunismus, den er am Ende von „Ein neues Leben“ gezeigt hat, erweist sich als wenig produktiv: Anstatt wirklich mit dem Feind zusammenarbeiten zu können (oder wollen), scheint die eigentliche Hauptaufgabe darin zu liegen, die eigenen Verbrechen der Vergangenheit zu kaschieren. Davon abgesehen kann Falk nicht widerstehen, den Klassenfeind auch jetzt höchstpersönlich noch zu bekämpfen, um das Unausweichliche hinauszuzögern.

Bestes Beispiel dafür, dass die Stasi, nun als „Amt für nationale Sicherheit“ bekannt, wie in alten Zeiten agiert, ist das Demokratische Forum. Einmal mehr ist es Falk, der an allen Ecken und Enden Missgunst und Zwietracht sät. Er spielt das Forum mit Hilfe von Franks Erpressung untereinander aus, er erpresst den auf frischer Tat ertappten Görlitz dazu, ihn vor den Augen der Öffentlichkeit mit der alten Mär, die Befehle seien bloß von „irgendjemand da oben“ gekommen, zu decken, er vernichtet höchstpersönlich Katjas Beweise für die Ermordung Robert Wolffs (denkt er zumindest) und er zerstört zum mindestens dritten Mal mit einem Schlag Dunja Hausmanns mühevoll wieder aufgebautes Leben. Stets ist er dabei ein Meister darin, diese Aktionen zu rationalisieren. Das sind dann oftmals die beeindruckendsten Zeilen der Autoren (in Folge 3 noch Serienschöpferin Annette Hess, ab Folge 4 Regisseur Friedemann Fromm) – wie mühelos und geschickt Falk Geschichten zurechtbiegen kann ist eines von „Weissensees“ größten Kunsstücken.

Erich Mielkes Rede stößt von allen Seiten auf wenig Liebe. Bild: ARD/Julia Terjung
Erich Mielkes Rede stößt von allen Seiten auf wenig Liebe. Bild: ARD/Julia Terjung

Um Falks Motivation zu ergründen nimmt sich „Weissensee“ hier bewusst die Zeit, Original-Ausschnitte von der berüchtigten Rede des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, vor der versammelten Volkskammer auszustrahlen: „Ich liebe… Ich liebe doch alle… alle Menschen… na ich liebe doch… ich setze mich doch dafür ein“, stammelt dort dieser, und erntet dafür mächtig Häme – von der einen Seite aufgrund der widersprüchlichen Taten des Mannes, von der anderen dafür, dass er die Stasi vor aller Öffentlichkeit bloßstellt. Man braucht nicht zu rätseln, um zu erfahren, auf welcher Seite sich Falk befindet – Hans Kupfer hingegen ist da schwieriger zu lesen.

Der Amerikaner

„Der Amerikaner“ ist einer der spoilerhaftesten und gedankenlosesten Episodentitel der Serien-Gegenwart, der den großen Moment der Folge im Alleingang zunichte zu machen versucht – man darf sich glücklich schätzen, wenn man den Titel nicht vorher irgendwo zufällig liest. Die Rückkehr von Robert Schnyder ist davon abgesehen allerdings unheimlich gelungen: „Weissensee“ greift dabei nicht nur ein paar lose Enden der ersten Staffel auf, sondern wirft durch Schnyders Ultimatum auch genau jene Frage auf, auf die die Serie anscheinend schon seit ihrem Beginn hingesteuert hat – ohne, dass wir davon wussten. Ein absolut brillanter Schachzug: Nachdem Falk jedes Familienmitglied auf die eine oder andere Art an die Partei verraten hat, ist er nun selber an der Reihe. Was ist ihm also wirklich wichtiger: die Partei-Ideologie oder das eigene Wohlergehen?

Schon in der Kritik zu den ersten beiden Folgen lag der Vergleich zwischen „Breaking Bad“-Walter-White und „Weissensee“-Falk nahe, hier gleichen sich auch die (möglichen) Endstationen ihrer Reisen: Nun gilt es noch festzustellen, ob der Protagonist respektive Antagonist wirklich selbstlos agierte, oder ob er es tat, weil er Gefallen daran fand – weil er gut darin ist, Böses zu tun. Zu Beginn der Staffel schien die Serienstruktur noch in gewohnten Bahnen zu laufen, und auch die Intrigen beim Demokratischen Forum verliefen dank Erpressung wie eh und je – hier betritt die Serie aber neues Terrain, weil sie dem uneinsichtigen Falk erstmals einen Spiegel vorhält: So fühlt es sich also an, mit Stasi-Methoden erpresst zu werden. Die Ironie, dass Falk mit seinen eigenen Waffen geschlagen werden könnte, ist nicht bloß klug konstruiert, sondern fühlt sich auch unheimlich zufriedenstellend an – wieder einmal beweißt „Weissensee“, was für ein Händchen die Serie für Cliffhanger besitzt.

„Weissensee“ wird vom 29. September bis 1. Oktober täglich in Doppelfolgen um 20 Uhr 15 im Ersten ausgestrahlt. Fortsetzung.tv wird  die Serie jeden Fernsehabend pünktlich direkt nach der Sendung mit einem Artikel begleiten – wir hoffen, ihr seid dabei! Nach Ausstrahlung werden alle Episoden für sieben Tage in der ARD Mediathek zur Verfügung stehen.

 

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