„Masters of Sex“-Kritik: 3.12 „Full Ten Count“

Eins, zwei, Polizei ...; Foto: Lionsgate TV

Das Staffelfinale macht zwar nicht wieder gut, was man in den vorherigen Folgen so schmerzlich vermisst hat, aber vieles besser. Trotzdem bleibt es in seinem offenen Schluss ähnlich unbefriedigend wie jenes der Vorgängerstaffel und verdient, im größeren Zusammenhang wahrgenommen zu werden.

Als die erste Staffel ausgestrahlt wurde, hat die Showrunnerin Michelle Ashford in Interviews betont, dass die Planung der Serie auf vier Staffeln ausgelegt sei, und diese Struktur tritt nun verstärkt zu Tage. Da die vierte Staffel zusammen mit der dritten bestätigt wurde, gönnte man sich den Luxus, kein Finale hinlegen zu müssen, dass einen selbst für den Fall befriedigt zurücklassen würde, dass es keine weitere geben sollte. Als Virginia am Ende der zweiten ihre Kinder an den Ex-Mann verlor und ihr nur die Arbeit, die Klinik und Bill Masters blieben, war das bitter. Die dritte Staffel nun nimmt Bill alles: Viginia, die Kinder, die Klinik. Er ist nicht nur angezählt, sondern hat den Boxkampf verloren und gesteht sich seine Niederlage ein.

Diese ist insofern ein Triumph, weil er Virginia seine Liebe gestanden hat und sie tatsächlich einmal gehen lässt, sie nicht für seine Bedürfnisse instrumentalisiert oder manipuliert. Somit ist dieses Finale der Plotpoint auf lange Sicht, von dem aus es nur eine triumphale Rückkehr und Wiedergeburt in einer weiteren Reinkarnation und hoffentlich abschließenden Staffel geben kann. Das fühlt sich trotzdem grausig an und sieht auch so aus.

Außercharakterliche Wahrnehmungen

Problematisch ist das Desinteresse an den Nebenfiguren, allen voran Tessa, die nicht einmal mehr einen Auftritt haben darf, stattdessen darf Virginia’s Papa als Babysitter (für ein Baby, das man gar nicht mehr zu Gesicht bekommt) einspringen und als symbolischer Priester die Expresstrauung von Virginia und Dan bezeugen. Wohlgemerkt nachdem die bekloppten Christen Amok gelaufen sind und Virginia Nora im sehenswertesten Moment der Folge mit ihrem Umzugskarton ausgeknockt hat.

Wahrscheinlich soll das romantisch sein, genauso wie die anderen Klischeeszenen: Bill hetzt Dan und Virginia mit dem Taxi hinterher, wie sie sich am Flughafen nach ihm umdreht, dann auf dem Rollfeld … mit sexueller Befreiung hat das nichts mehr zu tun und wirkt komplett unrealistisch. So tauscht Virginia nur einen Ring durch einen anderen aus, statt ringfrei zu sein. Im Ring kann sie nur zu Boden gehen, so geht sie mit Dan direkt nach Mordor, aller Warnungen zum Trotz. Jetzt tauscht sie Klinik und Kinder gegen ihr “Glück”, das dann eben doch auf ein Entweder-oder hinausläuft, obwohl Dan vorgibt, ebenso wichtig für sie sein zu wollen wie die Klinik. Warum sie letztere dann trotzdem einfach kampflos aufgibt, erschließt sich mir nicht und ist komplett out-of-character.

Das gilt auch für Nora, deren Kollaboration mit den Fundamentalchristen so gar nicht zu ihrer bisher gezeigten Offenheit passt, die dann ja nur gespielt gewesen sein kann, ganz ohne Glaubenskonflikt. Wer’s glaubt.

Die Hoffnung (auf bessere Bücher) stirbt zuletzt

Libby darf wieder ein bisschen Hysterie tanzen, nachdem ihr zweiter Liebhaber so ähnlich über Nacht verschwindet, wie der erste überfahren wurde, und nun ein “zu vermieten” Schild den Platz von Paul einnimmt. Das ist ganz schön armselig, die Szene zwischen ihr und Bill auf der Polizeistation war trotzdem ganz gut anzusehen, denn so offen hat man sie noch nie miteinander reden hören – nur dass Libby es nicht fertigbrachte, ihrerseits eines ihrer Verhältnisse einzugestehen, stattdessen lässt sie ihr Glück auf der Strecke bleiben, sie macht weiter auf Märtyrerin für die Familie, dabei könnte sie offiziell mit Paul glücklich werden, Sohn Johnny gibt sich urplötzlich so verständnisvoll, dass er diesen Schlenker der Erwachsenenwelt auch noch geschluckt hätte.

Einziger Lichtblick bleibt wieder Betty, die immerhin Barton Scully gegen dessen Widerstände ins Glück mit dem Ultraschallassistenten führt. Ihre eigene Beziehung ist den Autoren aber keine Szene mehr wert. Stattdessen ist sie dem Stress der Reportermeute und sich unkooperativ zeigender Chefs gleichermaßen ausgesetzt und schlägt sich natürlich brillant. Sie bleibt die einzige Figur dieser Staffel, die sich tatsächlich durchweg erwachsen gibt (gut, mit einer schlecht geschriebenen Ausnahme), verantwortungsbewusst handelt, den Laden am Laufen hält und ihren schlagfertigen Humor behält. Für Betty schalte ich wieder ein, aber Bill und Virginia müssen sich mein Vertrauen erst wieder von Grund auf erarbeiten. Auch wenn ich als Zuschauer jetzt schwer in den Seilen hänge, das Handtuch werfen mag ich noch nicht, mein Glaube an das starke Ensemble hält mich noch eine Weile bei der Stange. Jens Prausnitz

Wegen Zeit- und Motivationsmangels diesmal nur ganz kurz von mir meine Einschätzung des Staffelfinales: Ja, das war unterhaltsamer als das meiste, was wir diese Staffel über sonst so vorgesetzt bekommen haben. Schauspielerisch war es überwiegend sogar erstklassig. Dann verhindern aber Plot- und Charakterwendungen, die aus dem Nichts kommen (Nora), und ein Ende, als wollten die Macher die Schlussszene aus „Casablanca“ parodieren (oder imitieren?) doch, dass ich davon noch eine Staffel mehr sehen will. Mir scheint, als könnten sich Autoren und Produzenten nicht entscheiden, ob sie ein anspruchsvolles Charakterdrama mit gesellschaftlich relevanten Fragestellungen machen wollen, eine cheesy Soap mit Konflikten aus dem Nichts oder eine 08/15-Unterhaltungsserie mit konventioneller Spannungsdramaturgie (Geliebter auf Taxi-Jagd, um noch rechtzeitig die Geliebte am Flughafen zu erwischen). Alles zusammen geht jedenfalls nicht auf. Marcus Kirzynowski

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