Quality? What Quality? – Bemerkenswerte Serien abseits des Qualitätskanons (I): „Nashville“

Willkommen im Bluebird Café: das Stammensemble der ersten "Nashville"-Staffel; Foto; ABC/Bob D'Amico

Für das aktuelle „Goldene Serienzeitalter“ werden immer wieder die gleichen Beispiele angeführt: „Breaking Bad“, „Mad Men“, vielleicht noch „Homeland“. Aber auch abseits von HBO, AMC und Showtime gibt es Überraschungen zu entdecken, im Network-TV, bei kleineren Sendern oder in Europa. Heute: eine perfekt durchgeplante ABC-Serie, die wahlweise das „Dallas“ oder das „Treme“ der Country-Szene ist.

Schaut man sich die Pilotfolge der 2012 gestarteten Serie „Nashville“ an, überrascht zunächst einmal, wie perfekt diese inszeniert ist. Eigentlich sollte das für eine Serie eines der großen amerikanischen Mainstream-Networks zwar selbstverständlich sein, ist es aber eben leider schon seit Jahren nicht mehr, wie der Blick auf unfassbar billig wirkende Produktionen wie „The Night Shift“ auf NBC oder die eine oder andere längst wieder abgesetzte Sitcom („Dads“) beweist. Bei „Nashville“ stimmt handwerklich hingegen alles: die Ausstattung, die Kameraarbeit (gerade auch bei den Musikeinlagen),die eigens für die jeweiligen Folgen komponierte Musik, hinter der als Supervisor immerhin der Oscar- und Grammypreisträger („Crazy Heart“, „O Brother Where Art Thou?“) und ehemalige Dylan-Gitarrist T-Bone Burnett steckt, und zumindest teilweise auch die schauspielerischen Leistungen.

Okay, dass Hayden „Rehauge“ Panettiere zwei Mal für ihre Rolle der hippen jungen Countrypop-Sängerin Juliette Barnes für einen Golden Globe nominiert war (und damit einmal mehr als ihre Ko-Hauptdarstellerin Connie Britton), ist natürlich ein schlechter Scherz, aber vielleicht haben eben die oft recht freizügigen Kamerablicke auf ihr Dekolleté den Juroren das Gehirn vernebelt. Brittons darstellerische Leistung als alternder Country-Superstar Rayna James ist jedoch über jeden Zweifel erhaben, und in Nebenrollen finden sich immerhin Namen wie der von Robert Ray Wise, der in „The Wire“ als (ehemaliger) Polizeibezirkschef Howard „Bunny“ Colvin eine der besten Rollen hatte.

Bemerkenswert ist auch, wie Serienschöpferin Callie Khouri (eine weitere Oscar-Gewinnerin, in diesem Fall für das Drehbuch zum Frauenpower-Film „Thelma & Louise“) ihr Werk konzipiert hat. Da wird praktisch für jede Zielgruppe etwas geboten. Neben den üblichen „Wer kriegt wen“-Geschichten des Network-Dramafernsehens und dem gar nicht hoch genug anzusetzenden musikalischen Element (im Gegensatz zu Deutschland ist Country in den USA eben eine Art Volksmusik, die breite Teile der Bevölkerung anspricht) baut sie noch weitere Elemente in ihre Serie ein. So gibt es von Beginn an den übergreifenden Handlungsstrang der Kommunalpolitik, der wohl eher die Zuschauer ansprechen soll, die mehr mit „The West Wing“ anfangen konnten als mit „Grey’s Anatomy“. Dieser wird je nach Bedarf von Woche zu Woche mal mehr in den Mittelpunkt gerückt, um dann wieder, auf ein Minimum der Screentime beschränkt, im Hintergrund weiterzulaufen. Zudem wird der oberflächlich wirkenden erfolgreichen Göre Barnes schon früh in der Staffel eine drogenabhängige Mutter zur Seite gestellt, die der Figur ein menschlicheres Gesicht und erzählerische Tiefe geben soll – was zum Großteil auch gelingt.

Perfekte Musik, anschlussfähig für die Charts

Außerdem verfolgt die Serie eben von Beginn an nicht nur das Leben der Super-(Erfolg)reichen, sondern erzählt in einer parallel laufenden Handlung auch von zwei Normalbürgern, die an ihrem künstlerischen Durchbruch arbeiten: der Kellnerin Scarlett O’Connor (Clare Bowen) und ihres Kollegen und love interests Gunnar Scott (Sam Palladio). Es ist dann auch bemerkenswert, dass deren Musikeinlagen eigentlich fast immer dem doch sehr kalt durchkalkulierten und oft überproduzierten Countrypop der beiden formalen Hauptprotagonistinnen künstlerisch überlegen sind.

Die Serie setzt aber überhaupt auf die ganze Bandbreite dessen, was man gemeinhin (gerade noch so) unter Countrymusik zusammenfassen kann: von intimen akustischen Balladen, die im originalgetreu nachgebauten  Bluebird Café (einem der Hotspots der realen Countryszene der Stadt) vorgetragen werden, über die poppigeren Uptempo-Nummern von Rayna James bis zu den fast gar nicht mehr nach Country klingenden Teeniepop-Schnulzen Juliette Barnes‘, die auch mit dem deutschen Chartgeschmack kompatibel wären (wenn die Serie denn hierzulande außerhalb des Pay-TV-Nischenangebots laufen würde).  Dass sich die bald nach Serienstart begonnenen Soundtrack-Veröffentlichungen mit den Originalsongs, gesungen von den DarstellerInnen selbst, auf Anhieb hoch in den Billboard-Charts platzieren konnten (und später sogar noch Weihnachtsalben mit eigens neu eingesungenen Versionen bekannter seasonal tunes nachgeschoben wurden), überrascht daher kein wenig.

Über solche Szenen stolpert man im Straßenbild von Nashville ständig: Männer mit Gitarren, Frauen mit langen Beinen; Foto: ABC
Über solche Szenen stolpert man im Straßenbild von Nashville ständig: Männer mit Gitarren, Frauen mit langen Beinen; Foto: ABC

Über weite Strecken erinnert die erste Staffel an eine andere jüngere US-Serie, die ebenfalls einen Ort (in diesem Fall einen Stadtteil) als Titel trägt und sich um die weltweit bekannte Musikszene einer Stadt dreht: HBOs „Treme“. Was dort die Blues- und Black-Music-Szene von New Orleans ist, ist hier eben die Country-Szene von Nashville, die spätestens seit dem gleichnamigen Film von Robert Altman auch im Ausland jedem Nichtfan ein Begriff sein dürfte. Und ebenso wie in David Simons und Eric Overmyers Serie kommen auch hier die Stadtpolitik und die Korruption ebenso ins Spiel wie die diversen beruflichen, künstlerischen und privaten Fehlschläge der Musiker. Von der Kontinuität zwischen beiden Serienuniversen zeugen nicht zuletzt die Auftritte von Michiel Huisman, der hier wie dort einen Musiker spielt, und auch Robert Wise, wenn der auch gar nicht in „Treme“ dabei war, sondern eben nur in Simons Vorgängerserie „The Wire“.

Die Gesetze des Network-Fernsehens

Dabei wählt „Nashville“ naturgemäß (it’s not HBO, it’s network TV) einen anderen stilistischen und erzähltechnischen Ansatz als „Treme“. Statt scheinbar endloser und zufälliger Aneinanderreihungen alltäglicher Vorkommnisse zeigt uns die Serie eine auf Mainstream gebürstete Version des Musikerlebens: schnelle Szenenwechsel, großes Pathos und alles schön bunt und aufregend. Welcher Ansatz einem persönlich besser gefällt, ist wohl rein subjektivem Geschmack überlassen. Was man den Machern schon vorwerfen kann, ist, dass ihre Serie nach einigen Folgen doch arg in Richtung Primetime-Soap abdriftet. Spätestens, wenn aus der anfänglichen Dreiecksbeziehung von Gunnar, Scarlett und deren Freund innerhalb weniger Episoden eine Fünfecksbeziehung geworden ist, fühlt man sich eher an „Melrose Place“ erinnert als an die genannten Vorbilder. Die lange Strecke, die eine Network-Dramaserie wie „Nashville“ jede Staffel erzählerisch zurücklegen muss – mit 21 respektive 22 Episoden – hat aber eben auch zur Folge, dass sich die Partner-wechsel-dich-Spielchen relativ schnell in Richtung Unglaubwürdigkeit entwickeln, wo etwa eine lediglich 13-teilige „Mad Men“-Staffel es sich auch mal leisten kann, eine Nicht-Beziehung über die ganze Staffel auszuwälzen.

Nach dem fulminanten Auftakt der ersten beiden Folgen fühlt man sich mit zunehmender Staffellaufzeit dann leider doch so, als hätte man zu schnell zu viel Zuckerwatte in sich hineingestopft. Darüber helfen die oftmals wirklich emotional mitreißenden Musiknummern zwar immer wieder hinweg, aber etwas weniger Schmalz wäre auf Dauer doch besser gewesen (am schlimmsten sind die beiden halbwüchsigen James-Töchter, eines der schrecklichsten Beispiele für Typecasting der jüngeren Seriengeschichte – die kleine Niedliche und die brave Ältere, wobei mich beide in ihrer all american Properkeit einfach nur aggressiv machen). Dafür, dass diese Diskrepanz zu großen Teilen den Network-Bossen anzulasten ist, spricht zumindest die Begründung T-Bone Burnetts, warum er der Serie seiner Ehefrau Callie Khouri nach Staffel 1 als Executive Music Producer den Rücken gekehrt hat: „Some people were making a drama about real musicians‘ lives, and some were making a soap opera, so there was that confusion. It was a knockdown, bloody, drag-out fight, every episode.“ (im Interview mit dem Hollywood Reporter)

Zusammenfassend könnte man nach einer halben Staffel „Nashville“ auch sagen: „Es war schrecklich süß und perfekt auf meine Geschmacksnerven abgestimmt – aber einfach lecker.“ Danach braucht man allerdings erst einmal eine Woche ausschließlich serielles Schwarzbrot.

DIe ersten beiden Staffeln sind bei Netflix DE/AT verfügbar. Die 4. Staffel startet am 23. September auf ABC.

3 comments

  1. Ein herrliches guilty pleasure Ding. Ich kuck Nashville einfach als Unterhaltung und da funktioniert die Serie prima. Ich find sogar die Songs echt mitreißend, obwohl mir der ganze Country-Kram sonst viel zu künstlich ist. Aber in der Serie verpackt kann ich den gut ab. Die zwei Töchter sind grauenvoll. Die bleiben nicht immer die Brave und die Süße aber die Entwicklung, die die machen, ist nicht besser, haha, vor allem die Große ist einfach nur nervig und unglaubwürdig. Und einfach nur glamour bleibt das Musikbusiness auch nicht. Da wird schon noch einiges passieren. Aktuell läuft im übrigen die 3. Staffel bei FOX. 😉

  2. Freut mich, dass du das mit den Töchtern ähnlich siehst. Ich hatte ja schon befürchtet, dass ich als mysogyn beschmipft werde, wenn ich sowas schreibe. Wobei sich die beiden Darstellerinnen ja größerer Beliebtheit zu erfreuen scheinen. Wenn man z.B. bei der Google-Bildersuche nach Nashville sucht, werden einem auffällig viele Fotos angezeigt, auf denen nur die Töchter drauf sind – meist strafverschärfend mit Gitarre und Mikrofon.

  3. Die Töchter sind doch die einzigen in dieser Serie, die erträgliche Musik machen. Zur Serie selbst muss ich sagen, dass ich nach der unterhaltsamen ersten Staffel, die auch schon starke Soap-Elemente hatte, wirklich entsetzt von den Ereignissen in der zweiten war. Unglaublich. Irgendwann hatte jeder mit jedem geschlafen, eine Psychomutter kam ins Spiel, am Schluss wurde sogar den amerikanischen Soldaten gehuldigt und vor einem Spiegel gebetet… das nackte Grauen.

    Trotzdem befürchte ich, dass ich mich nicht davon abhalten kann, mir auch noch die dritte Staffel von dieser Grütze anzusehen.

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