Robo-Sex und Einsamkeit: „Humans“ variiert die Themen des Originals

Willkommen in unserem Haushalt: Synth Anita (r.) und ihre neue "Herrin" Laura; Fotos: Kudos/Channel 4/AMC

Ursprünglich sollte das Remake der schwedischen Sci-Fi-Serie „Real Humans“ eine der ersten Eigenproduktionen des Xbox Entertainment Studios werden, nach dessen Ende sprang AMC als Partner für Channel 4 ein. Im UK brach der Serienauftakt bereits Quotenrekorde. Tatsächlich lohnt sich das Einschalten auch, wenn man die Vorlage bereits kennt.

Englischsprachige Adaptionen ausländischer Fernsehserien erschöpfen sich ja leider meistens darin, diese mehr oder weniger eins zu eins nachzudrehen, nur eben mit heimischen Schauspielern und auf Englisch. Diese überwiegend für die eigenen Märkte produzierten Remakes sind dann auch im Normalfall für ausländische Zuschauer weitgehend uninteressant – vor allem wenn diese das jeweilige Original schon kennen. Jüngere US-Adaptionen wie „Gracepoint“ (Vorlage: das britische „Broadchurch“) oder „The Returned“ (nach der französischen Serie) verschwanden entsprechend auch völlig zu Recht schneller wieder in der Versenkung als sie entstanden waren. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Und so kommt dann doch hin und wieder mal eine Bearbeitung daher, die den Vergleich mit der Vorlage durchaus bestehen kann – weil sie sich eben gerade nicht sklavisch an diese hält, sondern zumindest partiell versucht, eigene Wege zu gehen. So jetzt geschehen bei „Humans“, der britisch-amerikanischen Version der schwedischen Erfolgsserie „Real Humans“.

Der Anfang ist noch vertraut: Familienvater Joe (Tom Goodman-Hill) geht mit seiner kleinen Tochter Sophie einkaufen – und bringt einen weiblichen Androiden von der Shoppingtour mit nach Hause. Obwohl das Setting der Serie sich ansonsten nicht wesentlich von unserer Gegenwart unterscheidet, gibt es nämlich einen bedeutenden Unterschied: Humanoide Roboter sind zu ständigen Alltagsbegleitern geworden, sei es als Haushalts- oder Pflegehilfe, als billige Arbeitskraft im Supermarkt oder auch als lebensechte Prostituierte. Joes Gattin Laura (Katherine Parkinson) ist gar nicht angetan von der neuen „Mitbewohnerin“ Anita, die alles besser zu können scheint als sie selbst und ohne zu murren den Haushalt mit links schmeißt. Wesentlich mehr angezogen von Anita fühlt sich Teenie-Sohn Toby (Theo Stevenson), den die attraktive neue Zimmernachbarin gleich in pubertäre Gefühlsverwirrung stürzt. Spätestens bei seiner mittleren Schwester Mattie (Lucy Carless) beginnen die deutlichen Abweichungen vom Original: Die ist hier nämlich eine rebellische Schulversagerin, die trotz hoher Intelligenz keinen Sinn darin sieht zu lernen, weil die Synths (so heißen die Androiden diesmal) ihr doch eh die Arbeitsplätze wegnehmen würden. So entpuppt sich Mattie später als relativ radikale Synth-Gegnerin, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckt, bevor sie doch noch zu Anitas Verbündeter wird.

Gerafftes Erzähltempo und zusammengelegte Figuren

Ein großer Androiden-Freund ist hingegen der ältliche George Millican (William Hurt), dessen engster Vertrauter ein veraltetes (und leckgeschlagenes) Modell namens Odi ist. Auch hier haben die Autoren Sam Vincent und Jonathan Brackley einige Änderungen vorgenommen: Der Pensionär ist diesmal nicht der etwas naive Vater von Laura, sondern ein (ehemals?) brillanter Wissenschaftler, der selbst an der Entwicklung der Synths mitgearbeitet hat. Die Ironie des Schicksals will es, dass im Alter ausgerechnet ein Synth der Einzige ist, der sich überhaupt noch um ihn kümmert. Die Dame vom staatlichen Gesundheitsdienst will den treuen Odi (Will Tudor) aber schleunigst durch ein neueres Modell in Gestalt der resoluten Vera (Rebecca Front) ersetzen. Was im schwedischen Original mehrere Folgen brauchte, um sich zu entwickeln (das skurrile Beziehungsdreieck George-Odi-Vera) wird in „Humans“ bereits innerhalb der Auftaktfolge etabliert.

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Wie der Adaption auch insgesamt ein Hang zur Straffung anzumerken ist – was in diesem Fall dem Erzähltempo zu Gute kommt. So gelungen „Real Humans“ in seinem Weltentwurf auch war, so war der große Schwachpunkt der Serie doch die Überzahl der parallel laufenden Handlungsstränge, von denen eben leider nicht alle gleichermaßen interessant ausfielen. Diesen Fehler haben Vincent und Brackley behoben, indem sie teilweise mehrere Handlungsträger einfach zu einer neuen Figur zusammenlegen. So ist der androidenfeindliche Arbeiter Roger hier ersatzlos weggefallen, den Konflikt, der sich ergibt, weil dessen Ehefrau sich von einem feschen männlichen Synth betüdeln lässt, muss an seiner Stelle der Polizist Peter durchleben (Neil Maskell, der skurrile Killer Arby aus „Utopia“), der für die Spezialeinheit für Androidenkriminalität arbeitet. Insgesamt tut die Konzentration auf weniger Hauptfiguren und Handlungsstränge der Geschichte sehr gut, im Mittelpunkt steht nun ganz klar die Durchschnittsfamilie Hawkins, an deren verschiedenen Mitgliedern die ebenso alltäglichen wie philosophischen Fragestellungen des Originals durchdekliniert werden: Darf man einen menschlichen Androiden behandeln wie eine Sache? Verliert der Mensch durch die perfekte Funktionalität der „intelligenten“ Arbeitsmaschinen an Wert? Oder ist es nicht gerade die sich entwickelnde Individualität, die auch die Synths erst zu wertvollen Wesen macht, eben zu Personen?

Die sinnfreie Schönheit des Mondes

Es ist die Figur der Anita (in Wahrheit Mia), die paradigmatisch für diese Fragen steht. Während sie ihrer neuen Herrin Laura unheimlich ist und auf sie wie eine Bedrohung für deren Kinder wirkt, zeigt sich schon bald, dass Anitas Verhalten über ihre Programmierung hinauszugehen scheint – spätestens als sie abends völlig „sinnfrei“ im Vorgarten die Schönheit des Mondes bewundert. Gemma Chan wirkt in der Rolle noch nicht ganz so faszinierend wie Lisette Pagler im Original, macht ihre Sache zwischen erotischer Ausstrahlung und unterkühltem Verhalten aber zweifellos gut – wie es auch sonst bei den Schauspielern nichts zu meckern gibt. William Hurt sticht naturgemäß aus dem Ensemble der sonst noch weitgehend unbekannten Darsteller heraus. Faszinierend ist wie schon in der schwedischen Version, wie „natürlich“ unnatürlich die Androidendarsteller agieren, wie sie es schaffen, ihnen etwas nicht Menschliches zu verleihen, ohne gleich wie C-3PO zu wirken.

Bei einigen Elementen ist nach den ersten Folgen noch nicht so recht klar, wohin die Autoren damit eigentlich wollen. So gibt es neben Dr. Millican noch einen zweiten Wissenschaftler (Danny Webb), der eine zentrale Rolle zu spielen scheint, bislang aber noch nicht mehr zu tun hatte als raunend von sich zu geben, dass die Synths ein neuer Strang der Evolution seien. Was es mit dem merkwürdigen Mischwesen Leo (Colin Morgan) auf sich hat, der trotz seiner Menschlichkeit über eine Strom-Aufladebuchse verfügt und mit einem Androiden auf der Flucht ist, können sich Kenner der Originalserie hingegen schon eher denken. Die Beiden sorgen auch für die meiste Action in der ansonsten eher ruhig erzählten Serie.

„It’s not Network-TV, it’s AMC.“

Auffällig ist, dass Channel 4 und AMC deutlich expliziter als ihre schwedischen Kollegen bei SVT sind, wenn es um die sexuellen Implikationen ihres Sujets geht. Die britische Version des hormongesteuerten Teenagers Toby darf seine Anita nicht nur anstarren, sondern versucht gleich, ihr an die Brust zu fassen, seine Schwester macht mehrere Bemerkungen übers Masturbieren und auch der Cybersex mit Androidinnen wird hier freizügiger in Szene gesetzt als in der Vorlage, frei nach dem (abgewandelten) Motto: „It’s not Network-TV, it’s AMC.“

Wie das Original zeigt „Humans“ eine Welt, die die logische Weiterentwicklung unserer eigenen ist. Die Fragen, die die Serie dabei aufwirft, sind sicher alles andere als neu – aber immer noch mindestens so zeitgemäß wie zu den Zeiten von Issac Asimov (dessen moralische Robotergesetze auch zitiert werden). So lange die Autoren und Produzenten diese so gekonnt in eine fiktionale Form gießen wie hier, ist auch gegen die x-te Auseinandersetzung damit nichts einzuwenden. „Humans“ erweist sich darüber hinaus als der seltene Fall einer Serienadaption, die man sich auch als Kenner der Vorlage mit großem Unterhaltungswert ansehen kann – eben weil die Autoren durchaus an wichtigen Stellen eigene Wege gegangen sind. Spätestens ab Folge 4, wenn die Handlung zu rund drei Vierteln vom Original abweicht, steht die Serie weitgehend auf eigenen Beinen.

Zurzeit sonntags bei Channel 4 und AMC. Dieser Text erschien zuerst auf wunschliste.de.

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