Lückenfüller: Shakespeares schlammige Cocksuckers

Ein hochexzellenter Cast in dieser fast schon wieder vergessenen Perle; Foto: HBO

Es hat nicht sollen sein. Wenn Serien nach wenigen Folgen wieder eingestellt werden, dann ist das traurig, aber kein Grund, nicht trotzdem einen Blick zu riskieren. In dieser Reihe „Lückenfüller“ empfiehlt Hari List kurzlebige Serien der jüngeren Vergangenheit, die euch das Sommerloch und die Wartezeit bis zum nächsten Staffelstart versüßen sollen. Heute: „Deadwood“

Es ist nicht bekannt, wer es zuerst gesagt hat, dass Shakespeare heute für HBO Serien schreiben würde. Da wird dann meist auf die fein verwobenen Figuren aus „The Wire“ oder den tragisch-komischen Helden Tony Soprano verwiesen, aber merkwürdigerweise nie auf die eine Serie, die diese These wie keine zweite untermauern würde: „Deadwood“.

Angesiedelt ist sie im historischen Örtchen gleichen Namens auf dem Gebiet des heutigen South Dakota,  zur Handlungszeit in den 1870ern nicht mehr als eine schlammige Ansammlung von wenigen Häusern und vielen Zelten. Der Goldrausch lässt einen nicht abreißenden Strom von Abenteurern ankommen. Untern ihnen die beiden Partner Seth Bullock (Timothy Olyphant) und Sol Star (John Hawkes), die einen Eisenwarenladen eröffnen und so am Goldsegen mitnaschen wollen.

Dass Bullock (rechts, Timothy Olyphant) genau so schnell schießt wie Wild Bill ( Keith Carradine) wird ihm später den Stern des Sheriffs einbrocken. Foto: HBO
Dass Bullock (rechts, Timothy Olyphant) genau so schnell schießt wie Wild Bill ( Keith Carradine), wird ihm später den Stern des Sheriffs einbrocken. Foto: HBO

Als illegale Siedlung auf Indianergebiet, noch ein Jahrzehnt entfernt von der Aufnahme in die Vereinigten Staaten und der ständigen Bedrohung durch Pocken, Indianer und Blei ausgesetzt, hat sich trotzdem so etwas wie eine funktionierende Struktur entwickelt. Von der Veranda seines Saloons/Bordells „The Gem“ entgeht Al Swearengen (Ian McShane) kein Neuankömmling, dem man wenige Quadratmeter zu Wucherpreisen vermieten könnte. Auf der anderen Seite der Straße betreibt der schmierige E.B. Farnum (William Sanderson) das beste (weil einzige) Hotel am Platz.

Da werden Intrigen gesponnen, gemordet und gemeuchelt, gehurt und gepokert, gesoffen und geprügelt, dass es nur eine Freude ist. Wir sehen eine Kultur, die allen zu jeder Tageszeit und bei jeder noch so staubigen Arbeit den besten Anzug abverlangt und die selbst auf diesem illegalen Gebiet eine Hierarchie aufrecht erhält, in der nach dem weißen Mann lange nichts kommt. Und dabei wird ordentlich geflucht.

Bei der Anzahl der Flüche wird selbst Scorsese rot

Um ordentliche Authentizität bemüht waren die Macher nicht nur bei den Kulissen und den Kostümen, sondern besonders bei der Sprache. So wie die Anzüge – egal mit wie vielen Flicken übersät – sitzen mussten, so sehr war es damals Usus, mehr Worte als notwendig zu gebrauchen, jeden Sachverhalt möglichst höflich und blumig zu umschreiben, um trotzdem nach jedem zweiten Satz ein extrem derbes Wort einzuschieben.

Da die damaligen Flüche aber bei den ersten Leseproben äußerst merkwürdig klangen, entschloss man sich, sie durch für uns gewohntes „Fuck“ und „Cocksucker“ zu ersetzen. Dabei stellt man locker pro Folge die Anzahl der Four-Letter-Words im bisherigen Lebenswerk von Quentin Tarantino und pro Staffel in dem von Martin Scorsese in den Schatten. Wenn man sich einmal an die Frequenz gewöhnt hat, dann bietet die sprachliche Gosse den perfekten Begleiter zur grauslichsten Stadt der Fernsehgeschichte. Schon heute muss einem vor einem Remake für das olfaktorische Fernsehen in der Zukunft grauen.

Es ist dreckig in Deadwood. Beweisführung abgeschlossen. Foto: HBO
Es ist dreckig in Deadwood: Beweisführung abgeschlossen; Foto: HBO

Mit dem Intrigantenstadl von „Deadwood“ hätte Shakespeare seine wahre Freude gehabt – wobei Showrunner David Milch keinen schlechten Job macht. Sprachlich hat man ohne Untertitel kaum eine Chance und auch dem konzentrierten Zuseher erschließen sich viele Zusammenhänge erst beim zweiten Mal. Manche bleiben trotzdem noch offen und man muss sich darauf verlassen, dass die historischen Vorlagen der Figuren tatsächlich so irrational und drehbuch-unfreundlich gehandelt haben.

Dabei begegnen einem einige reale Helden, die man mindestens aus Lucky-Luke-Geschichten kennt. Wild Bill Hickock (Keith Carradine aus der ersten „Fargo“-Staffel) spielte in Deadwood bekanntlich seine letzte, die „Dead Man’s“-Hand (falls Günther Jauch mal fragen sollte: 2 Asse und 2 Achter, alle schwarz). Seine Begleiterin Calamity Jane (Robin Weigert) säuft und flucht sich nach seinem Tod nur noch herrlichst durch die Serie, während sein langjähriger Freund Charlie Utter (Dayton Callie) genauso widerwillig zum Deputy wird wie Seth Bullock zum Sheriff.

Der Doktor (Brad Dourif) ist die einzige moralische Figur, Calamity Jane (Robin Weigert) trinkt dafür umso mehr. Foto: HBO
Der Doktor (Brad Dourif) ist die einzige moralische Figur, Calamity Jane (Robin Weigert) trinkt dafür umso mehr. Foto: HBO

Serienfans können sich – neben den bereits genannten –  über eine riesige Ansammlung von heute bekannten Seriendarstellern freuen: Anna Gunn, Molly Parker, Brad Dourif, Sarah Paulson, Powers Boothe, Kristen Bell, Kim Dickens, Titus Welliver, Stephen Tobolowsky, Paula Malcolmson und viele mehr.

Und wenn dann in der dritten Staffel Brian Cox den exaltierten Chef der neu angekommenen Theatertruppe mimt, dann hat man eine Ahnung, welch großartige Komödie uns in den nicht mehr folgenden Staffeln entgangen ist. Nehmt die sprachliche Herausforderung an, denn das ist fucking Shakespeare, wie er euch gefällt.

„Deadwood“
HBO, 36 Folgen á 50 Minuten
Alle Folgen sind auf Netflix-DE/AT abrufbar

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