Der ganz normale Wahnsinn: Showtimes „Happyish“

Der unbedingte Zwang, glücklich zu sein: Familie Payne (Sawyer Shipman, Steve Coogan, Kathryn Hahn); Foto: Showtime

Die Showtime-Comedy „Happyish“ hat bereits vor Ausstrahlung der ersten Folge im April eine Entwicklungs-Odyssee hinter sich gebracht: Urspünglich Philip Seymour Hoffman auf den Leib geschrieben, verstarb der nach Dreh des Piloten überraschend. Schließlich entschied sich der Sender, die Rolle neu zu besetzen und die Serie mit Steve Coogan doch noch zu drehen.

Nun ist also der britische Komiker („I’m Alan Partridge“, „The Trip“) der 44-jährige Werber Thom Payne, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Seine negative Grundeinstellung verbessert sich nicht gerade, als ihm in der New Yorker Agentur, in der er Creative Director ist, zwei wesentlich jüngere neue Chefs vor die Nase gesetzt werden: Gustaff und Gottfrid. Die sehen aus wie die Helden eines skandinavischen Epos, finden nichts wichtiger als Twitter und Instagram und halten kulturell alles für einen verstaubten Klassiker, was älter ist als fünf Jahre. Das führt zu einer erheblichen kulturellen Kluft, vor der sich der mittelalte, eher bildungsbürgerliche Thom wiederfindet: So haben die Neuen zum Beispiel alle Konferenzräume nach Schriftstellern benannt, aber Raum Miller steht nicht etwa für Arthur oder Henry, sondern für den Thom gänzlich unbekannten Comicautor Frank („Er hat Batman geschrieben“ ist die naive Erwiderung seiner Assistentin). Thom sieht seinen Job ab sofort permanent bedroht, hat aber auch keine Lust, sich wie andere Kollegen zu verbiegen, um jugendlicher rüberzukommen. Zu Hause läuft auch nicht alles rund: Ehefrau Lee (Kathryn Hahn), eine Künstlerin aus einer jüdischen Familie, hat ihre eigenen Probleme, vor allem mit ihrer dominanten Mutter, und Sohn Julius (Sawyer Shipman) ist zwar hoch intelligent, aber eher socially awkward  und übersensibles Mobbing-Opfer.

Bei einem Creative Director einer New Yorker Werbeagentur denkt man als Serienfan natürlich sofort an „Mad Men“, aber mit dessen doch recht glorifizierendem Bild der Werbeindustrie hat „Happyish“ nichts gemein. „Forget Mad Men“, sagt Thom dann auch gleich zu Beginn der Auftaktfolge in seinem Off-Kommentar. In der (Serien-)Realität ist Advertising ein zynisches Geschäft und wer nicht bei jedem Trend dabei ist, ist morgen schon weg vom Fenster. Aber auch Thom selbst ist eher ein Anti-Don-Draper: Gegen seine Depressionen nimmt er Prozac, was sich aber schädlich auf seine Libido auswirkt und das harmonische Eheleben gefährdet. Oder wie Thom es ausdrückt: „Das ist die Wahl, die man im Leben hat: glücklich und schlaff oder deprimiert und hart.“ Seine Lebenssituation erinnert eher an die von Mark Duplass’‘ Brett in der HBO-Comedy „Togetherness“: Obwohl er Frau und Kind liebt und einen gut bezahlten, angesehenen Job in der Kreativbranche hat, fragt er sich mit Mitte 40 ständig, ob das etwa schon alles war, was er vom Leben erwarten kann. Und kommt zu dem Schluss, dass er alles andere ist als glücklich, eben nicht happy, sondern nur happy-ish.

Sehr speziell in Stil und Humor

Erzählt wird das in einem Stil, den man wohl nur als sehr speziell bezeichnen kann: Dass Thom oftmals per Off-Stimme seine Gedankenwelt offenbart, ist in Serien kein ungewöhnliches Mittel, dass ihm die animierten Zwerge aus seinen Werbespots auch in der „Realität“ (in seinen Tagträumen) begegnen, hingegen schon. Auch Gattin Lee unterhält sich urplötzlich mit dem überdimensionierten Amazon-Paket, das ihre Mutter dem Enkel geschickt hat – wobei das berühmte Logo des Versandhändlers wie ein Mund zu sprechen beginnt. Die Animationsstile wechseln dabei fröhlich, von klassischen 2D-Sequenzen über mit den Schauspielern agierende Figuren wie in „Roger Rabbit“ bis zu einem CGI-Gecko in 3D, der auch aus den „Madagascar“-Filmen stammen könnte. Die Szenen brechen anfangs oft urplötzlich ab, worauf eine kurze Schwarzblende folgt. So wirkt die Handlung zerstückelt, was aber auch dem Alltag der Hauptfiguren entspricht. In späteren Folgen tritt auch mal Moses persönlich auf oder Lee darf in einer herrlichen Musical-Sequenz singend ihrem Hass auf Disney-Animationsfilme und deren kitschige Songs Ausdruck verleihen.

Sehr speziell ist zudem auch der Humor, den Serienschöpfer Shalom Auslander hier präsentiert. Der steht in der jüdischen Tradition, der sich etwa auch Woody Allen seit jeher bedient, legt aber noch einige Schippen drauf, was etwa den hemmungslosen Umgang mit Religion oder dem Holocaust betrifft. Erkennbar verarbeitet Auslander hier seine eigene Sozialisation, ist er doch als Sohn orthodoxer jüdischer Eltern aufgewachsen und sagt von sich selbst, er wäre erzogen worden „wie ein Kalbskotelett“. Es ist aus der Außenperspektive immer wieder faszinierend zu sehen, wie US-amerikanische Pay-TV-Sender nicht davor zurückschrecken, Serien zu produzieren, deren Humor auf gesellschaftliche Minderheiten zugeschnitten ist – in Deutschland nach wie vor völlig unvorstellbar, da die Sender hier immer noch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner abzielen. In „Happyish“ darf hingegen auch mal minutenlang über eine jiddische Redewendung gescherzt werden. (Die Einschaltquoten sind allerdings in den USA nach der Auftaktfolge dermaßen stark eingebrochen, dass als unwahrscheinlich erscheint, dass Showtime eine zweite Staffel bestellen wird.)

Die großen Fragen menschlicher Existenz

Bemerkenswert ist das Ensemble, das einige prominente Schauspieler versammelt: Neben Coogan und Hahn auch Bradley Whitford (unvergessen als stellvertretender Stabschef Josh Lyman in „The West Wing“) als ebenso zynischen (aber mit weniger Skrupel ausgestatteten) Vorgesetzten und Freund von Thom und Ellen Barkin als Headhunterin mit dem herrlichen Namen Dani Kirschenbloom. In wiederkehrenden Nebenrollen sind etwa noch Andre Royo (der Junkie „Bubbles“ aus „The Wire“) und Molly Price (Officer Yokas aus „Third Watch“) zu sehen – ein Fest für jeden Freund ambitionierter US-Serien. Coogan macht seine Sache in der Hauptrolle ohne Zweifel gut, sein ausgeprägter britischer Akzent unterstreicht zudem treffend das distinguierte Außenseitertum, das er sich selbst auferlegt hat. Trotzdem kommt man wohl nicht umhin, sich die Frage zu stellen, wie die Serie ausgesehen hätte, wenn Hoffman die Rolle noch (weiter) hätte spielen können. Es lässt sich leider nur erahnen, wie toll er darin gewesen wäre.

Auch ohne Hoffman ist „Happyish“ aber eine durchaus gelungene Comedy, die versteckt hinter einem anfangs etwas gewöhnungsbedürftigen Stil die großen Fragen menschlicher Existenz dekliniert: Gehört man mit Mitte 40 schon zum alten Eisen? Ist Gott ein Zyniker? Welchen Sinn hat es, Kinder zu bekommen, wenn sowieso alle Menschen sterben müssen? (Und welchen, jeden Morgen mit dem Vorortzug zur bedeutungslosen Arbeit zu fahren?) Und sollte man trotz allem nach seinem persönlichen Glück streben oder sich besser mit einer Art „Glücklichkeit“ zufrieden geben? Woody Allen hat auf der komödiantischen Auseinandersetzung mit diesen Fragen ein filmisches Lebenswerk aufgebaut – warum also nicht eine Comedyserie daraus machen?

„Happyish“ Staffel 1 (10 Folgen), zurzeit sonntags auf Showtime.

Dieser Text erschien zuerst auf wunschliste.de.

One comment

  1. Shalom Auslander als Serienautor??? Das muss ich sehen!

    Der Mann hat einen fantastischen Humor, und sein autobiographisches Buch „a foreskin’s lament“ ist so witzig, ehrlich, schlau und schwarz, dass man es lieben muss. Auch als Hörbuch zu empfehlen (gelesen von Alexis Krüger), hier ein Besprechung: http://www.buecher-magazin.de/rezensionen/hoerbuecher/erzaehlungen-und-romane/eine-vorhaut-klagt

    Und wer noch mehr von ihm lesen will, wird es nicht bereuen, und kann ja auf seiner Homepage durch ein paar Texte stöbern und herzhaft lachen: http://www.shalomauslander.com/writing.html

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