Mehr als die Summe der einzelnen Teile: die neue Netflix-Serie „Sense8“

Acht Hauptfiguren aus allen Winkeln der Erde: das Ensemble von "Sense8"; Foto: Netflix

Mit seiner Expansion nach Europa und lokalen Eigenproduktionen will sich Netflix seit geraumer Zeit zum globalen Marktführer der Streamingdienste aufschwingen. „Sense8“ bildet dabei den nächsten logischen Schritt: Acht Figuren aus den unterschiedlichsten Winkeln der Erde ringen in der Serie der Wachowski-Geschwister um die Bedeutung ihrer Identität. Die Kritik zur gesamten ersten Staffel.

Darum geht’s: Die acht Hauptfiguren, die sogenannten Sensates, finden über Kontinente hinweg eine emotionale und telepathische Verbindung zueinander. Langsam lernen sie zu sehen, was die anderen sehen, und zu fühlen, was die anderen fühlen. Die Kommunikation reicht vom flüchtigen Erblicken im Spiegel über transatlantisches Geflirte bis hin zur Leihgabe der eigenen Fähigkeiten, um die Probleme anderer zu lösen. Praktischerweise befindet sich im achtköpfigen Team eine Superhackerin, eine Kampfkunstmeisterin, ein Starschauspieler und ein Autoexperte – die anderen vier Köpfe glänzen eher durch ihre emotionalen Dilemmata und Support. Über Kultur- und Sprachbarrieren hinweg wird ihnen klar: Niemand muss die Lasten dieser Welt alleine tragen – besonders sie nicht.

Über seine zwölf Stunden Laufzeit beschäftigt sich „Sense8“ intensiv damit, was es bedeutet, sich selbst zu sein und zu definieren – über Religion, Geschlecht, Hautfarbe, Einstellungen und so weiter. Das tut die Serie oft auf sehr poetische Art und Weise, gelegentlich aber auch mit dem Holzhammer: Als sich die Sensates dank ihrer erhöhten Hirnleistungen kollektiv an ihre jeweiligen (äußerst graphisch dargestellten) Geburten erinnern, werden sie als logische Konsequenzen ihrer Geburt charakterisiert – die Mutter des Schauspielers schaute beispielsweise während der Geburt fern (das klingt so unglaublich wie es dargestellt wird). Insgesamt kommt die Botschaft von Toleranz und Selbstbestimmung allerdings sicher an. Am auffälligsten ist dabei wohl die Geschichte der transsexuellen Nomi – die Intoleranz ihrer Mutter ist zwar doch recht dick (haha) aufgetragen, ihre überwiegend emotional gelungenen Szenen beweisen jedoch, dass da mit viel Feingefühl herangegangen wurde – kein Wunder, erlebte Lana Wachowski ja eine ähnliche Geschichte am eigenen Leib.

Ein Fest für die Sinne 

Die Mythologie ist vielleicht nicht einzigartig, aber äußerst faszinierend umgesetzt. Über die gesamte Staffel hinweg gelingt es der Serie, die Magie dieser übernatürlichen und vor allem -sinnlichen Kontakte immer wieder einzufangen. Episode 4 endet beispielsweise damit, dass die Sensates erstmals gemeinsam dasselbe Lied hören, ausgerechnet das ausgelutschte „What’s Up?“ von 4 Non Blondes. Die Sensates assoziieren die unterschiedlichsten Dinge zu diesem Lied: Entspannung, Erlösung, Verwirrung, Verbundenheit, Freude – und beginnen dann, alles auf einmal zu spüren. Die Verbundenheit durch Musik wird so zu einem unerwarteten emotionalen Highlights der Serie.

Die immer wieder spürbare Verbundenheit der Figuren funktioniert nicht zuletzt aufgrund der sich über alle zwölf Stunden erstreckende Aufmerksamkeit für clevere, nahtlose Übergänge der Kameraeinstellungen, zwischen denen wortwörtlich Kontinente liegen. In einem Moment etwa sitzen Cop Will und DJane Riley in Chicago, im nächsten in exakt selber Position und Kamerawinkel in einem Londoner Pub. Zudem können die Sensates einander (und gelegentlich auch sich selber) als bloße Zuseher erscheinen; insgesamt erlaubt das Serienkonzept den Regisseuren jede Menge Raum zum Experimentieren, und das Resultat bereitet jede Menge Vergnügen.

Man muss es Netflix einfach lassen: Das Konzept und die dafür zur Verfügung gestellten Mittel von „Sense8“ klingen wie die reinste Serienutopie. Konzipiert und geschrieben wurde die erste Staffel von den Wachowski-Geschwistern („Die Matrix“) und J. Michael Straczynski („Babylon 5“), Regie führte neben diesen zudem unter anderen auch Tom Tywker (bereits Ko-Regisseur der Wachowskis bei „Cloud Atlas“). Gedreht wurde vor Ort in San Francisco, Chicago, Mexiko-Stadt, London, Reykjawik, Berlin, Nairobi, Mumbai und Seoul. Die Authentizität der Multikulturalität ist einzigartig und zum Glück auch jeden Cent wert: „Sense8“ ist ein Fest für die Sinne. So schön hat man die Erde schon lange nicht mehr eingefangen, schon gar nicht in Serien: Gigantische Feste voller glückseliger Menschentrauben, weitreichende Häuserschluchten sowie imposante Gletscherlandschaften sind nur einige der vielen visuellen Highlights der Serie. Höchstens „Game of Thrones“ kann „Sense8“ in Sachen Opulenz das Wasser reichen – und das auch nur auf Zehenspitzen. Einziger Makel: Das Intro ist eines der miesesten der letzten Jahre – lang, belanglos und unoriginell.

Nicht im Bild zu sehen: die wunderschöne Kamerafahrt. Foto: Netflix
Nicht im Bild zu sehen: die wunderschöne Kamerafahrt

Sehr gelungen ist im Übrigen auch die Sprachausgabe: Originalton ist zwar Englisch, sämtliche Schauspieler sprechen allerdings mit dem jeweiligen Dialekt ihres Landes. „Sense8“ findet dadurch die perfekte Kombination aus lokalem Hauch und Praktikabilität. Wie die Sensates miteinander kommunizieren, wird ebenfalls erklärt. Zusatzplus: Max Riemelt, der den Sensate aus Berlin verkörpert, synchronisiert sich selbst.

Starkes Konzept, schwache Figuren

In „Sense8“ geht es um die Verbindungen zwischen den Menschen – dass wir als Menschheit mehr sind als bloß die Summe der einzelnen Teile, weil uns die Gemeinschaft und die sozialen Verbundenheiten zu Höchstleistungen auflaufen lassen. Selbiges könnte man über die Serie selber ebenfalls behaupten: Am besten funktionieren die zwischenmenschlichen Begegnungen und Beziehungen der Sensates, am wenigsten die einzelnen Geschichten. Das hat die unterschiedlichsten Gründe, fällt aber vor allem bei der deutschen Geschichte rund um den Juwelendieb Wolfgang auf – dessen Charakterisierung (bzw. Darstellung durch Max Riemelt) ist so schwammig, dass nie wirklich klar wird, was er denkt oder tut oder überhaupt will. Die anderen sieben Figuren sind klarer definiert, haben aber auch allesamt so ihre Probleme.

Es ist leider nicht zu übersehen, wie einige Figuren nur so vor Klischees strotzen. Der gute Polizist Will, der sich im Verlauf der Staffel zwar (wenig überraschend) zur wichtigsten Figur wandelt, wird in den ersten beiden Folgen aber denkbar hölzern als Sympathiefigur eingeführt: Er ist der einzige Cop, der einem angeschossenen schwarzen Jungen das Leben retten will, alle anderen Beamten schließen einfach ihre Augen davor – uff. Dann ist da die Inderin Kala, die ihren Verlobten nicht heiraten möchte. Oder der Kenianer Capheus, dessen Mutter natürlich todkrank ist und sich die teuren Medikamente nicht leisten kann. Kurios auch die Rolle der koreanischen Sun, die zwar Tochter eines Großunternehmers ist, insgeheim aber auch eine Kampfkunstsportlerin sondergleichen – wie das zusammenpasst, bleibt die Serie schuldig. Insgesamt wachsen einem die Figuren zwar bis zum Staffelfinale einigermaßen langsam ans Herz, besonders bewegend ist aber nur ein Bruchteil der erzählten Geschichten.

Ein Problem, das damit zu tun hat und das dieser ersten Staffel von „Sense8“ innewohnt: das Pacing. Der Trailer erweckt den Eindruck, dass die Serie wesentlich actionlastiger wäre als sie tatsächlich ist. Nicht, dass die Action-Szenen schlecht wären (im Gegenteil – die Regie ist einfach phänomenal) – aber viele gibt es nicht, besonders in der ersten Hälfte der Serie. Rileys Geschichte etwa entpuppt sich schlussendlich als emotional tiefstgehende, hadert zu Beginn aber mit groben Pacing-Problemen – ihre Geschichte trat auf der Stelle, um den anderen Sensates genügend Rampenlicht zu bringen.

Laut Aussagen der Produzenten existieren Pläne für fünf Staffeln – das klingt zwar verheißungsvoll für die Zukunft der Serie, doch leider sieht man der ersten Staffel auch an, wie sehr sie das zurückhält: Die Haupthandlung rund um die Jagd auf die Sensates, die durch ihren Evolutionssprung natürlich von großem Interesse für skrupellose böse Organisationen sind, kommt nur äußerst schleppend in die Gänge, während die einzelnen Geschichten oftmals hin- und herschwappen, ohne wirklich Vorwärtsmomentum zu erzwingen. Wenn sich Kala zum zwanzigsten Mal überlegt, ob sie ihren Verlobten, den sie nicht liebt, wirklich heiraten soll, lässt einen das schon mal auf die Uhr schauen. Es passt ja durchaus zur Thematik der Serie, dass sie so einen holistischen Ansatz der Narration wählt und deshalb auf eine klassische Episodenstruktur großteils verzichtet – genaugenommen ist sie dafür auf Netflix natürlich perfekt beheimatet. Bloß, eine Episode hineinzuschnuppern, reicht nicht, um Gefallen an der Serie zu finden. Nur bedeutet das eben auch, dass gerade zu Beginn der Serie einiges an Leerlauf und sogar auch Langeweile entsteht, weil sich die Etablierung der Settings auf mehrere Stunden Spielzeit beläuft.

Die Sensates genießen einen gemeinsamen Sonnenuntergang.
Die acht Sensates, v.l.n.r.: Wolfgang (Max Riemelt), Kala (Tina Desai), Lito (Maguel Ángel Silvestre), Capheus (Aml Ameen), Nomi (Jamie Clayton), Will (Brian J. Smith), Riley (Tuppence Middleton) und Sun (Doona Bae)

Am Ende der Staffel nimmt „Sense8“ dann endlich Fahrt auf. Ohne große Spoiler zu liefern, sei gesagt: Die Staffel baut auf ein fulminantes und wirklich eindringlich schönes Finale hin, das beinah die gesamte letzte Folge überspannt. Es macht wirklich Freude, in einer sehr langen Actionsequenz zu sehen, wie die Sensates gelernt haben, einander auszuhelfen. Das Finale findet dann zudem eine gute Balance aus Resolution und Cliffhanger. Wichtiger ist jedoch, dass es vermittelt, dass die Zeit, die man mit den Figuren verbracht hat, es Wert gewesen ist; dass die Figuren erfolgreich gelernt haben, miteinander zu arbeiten – und eben, dass sie mehr sind als bloß die Summe ihrer Teile. Die Botschaft der Serie steht an vorderster Stelle, und diese kommt schlussendlich erfolgreich rüber.

Ein unvollkommenes Werk Marke Wachowski

Insgesamt hinterlässt „Sense8“ einen sehr ambivalenten Nachgeschmack. Auffällig ist, wie viel nicht wirklich rund läuft bzw. schlichtweg unausgegoren wirkt: Zu oft muss man den Kopf schütteln, wenn man einfach bemerkt, dass da ruhig noch ein paar weitere Überarbeitungen von Nöten gewesen wären, und gelegentlich sind die Dialoge geradezu lächerlich schlecht – das steht in starkem Kontrast zum gut durchdachten Konzept und den wunderschönen Bildern. Zudem eben ärgerlich: Die einzelnen Geschichten sind, mit der Ausnahme von jenen von Nomi und Riley, einfach nicht interessant genug, um die gelegentliche Langeweile zu vermeiden.

Und doch – oder gerade deshalb? – ist „Sense8“ unverkennbar eine Wachowski-Produktion. Die Werke der Wachowski-Geschwister zeichnen sich oftmals durch ihre großen Ideen dahinter aus – egal ob „Matrix“, „Cloud Atlas“ oder das unglückliche „Jupiter Ascending“, all diese Werke strotzen nur so vor spannenden Science-Fiction-Ideen, die die Grenzen zwischen Menschheit und Menschlichkeit auszuloten versuchen – wie gut deren Umsetzung gelingt, das ist dann eine andere Frage. Aber: Es ist doch besser, etwas Großartiges zu probieren und zu scheitern als bloß ständig erfolgreichen Durchschnitt zu produzieren. Bei solchen Experimenten handelt es sich meist um finanzielle Misserfolge, weshalb sie auch einen Seltenheitswert bieten. „Sense8“ ist ein solches Werk mit Seltenheitswert, das etwas Ambitioniertes probiert, dann aber in der Umsetzung krankt. Die Serie ist kein Desaster, aber wird bis auf die Kinematographie mit wohl wenig Preisen überhäuft werden.

In diesem Sinne handelt es sich bei „Sense8“ um einen Fall wie etwa „The Leftovers“ – fehlerhaft und unvollkommen, aber zu einzigartig, um das Werk zu ignorieren, und zu ambitioniert, um ihm keine Chance zu geben. Wer „Cloud Atlas“ mochte, wird auch an der Serie seinen Gefallen finden. Gewöhnliche Kost lieferten die Wachowskis auch auf der großen Leinwand selten – „Sense8“ passt insofern perfekt in ihr Ouvre.

Die komplette erste Staffel steht bei Netflix zur Verfügung.

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