Der (Anti-)Held, das unbekannte Wesen: „Walter White & Co“ untersucht die neuen Heldenfiguren

UVK Verlagsgesellschaften

Wieso lieben eigentlich so viele Serienfans moralisch fragwürdige Figuren wie Walter White, Tony Soprano oder Dexter Morgan, die dealen, morden und betrügen? Kathi Gormász widmet sich in ihrer Studie „Walter White & Co“ den neuartigen Heldenfiguren moderner US-amerikanischer Autorenserien.

Character-driven ist wohl die Eigenschaft moderner Autorenserien, die Kritiker als ihr Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal neben „horizontal erzählt“ am häufigsten nennen. Nicht die vordergründige Handlung bestimmt den Sog der meisten dieser Premiumserien wie „Die Sopranos“, „Mad Men“ oder „Breaking Bad“ (oft passiert ja auch überhaupt nichts), sondern die Faszination, die von ihren Hauptfiguren ausgeht. Tony Soprano dürfte eine der bekanntesten fiktionalen Figuren der vergangenen 15 Jahre sein und Walter White alias Heisenberg hat es sogar als Kopf auf T-Shirts und Tassen geschafft. Und das obwohl diese Antihelden mit fast allem brechen, was man früher für die Identifikation mit einer Serienfigur vorausgesetzt hätte: Sie sind oft moralisch „böse“, selbstbezogen und noch nicht einmal auf den ersten oder zweiten Blick sympathisch.

In ihrer jetzt als Buch erschienenen Dissertation beschäftigt sich die auch schon als torrent-Autorin aktive Kathi Gormász mit den Prozessen, die uns diese eigentlich dunklen Figuren trotzdem lieben lassen – sowohl auf Produktions- als auch auf Rezeptionsebene. Dabei geht es um die Figur als Rolle und die Figur als fiktives Wesen, ebenso wie um verschiedene Realitätskonzepte. Dabei zeigt sich, dass die Art, wie die Macher ihre Figuren darstellen wollen, nicht zwingend damit übereinstimmen muss, wie wir Zuschauer sie empfinden. So war Vince Gilligan selbst überrascht und bestürzt, dass der von ihm erfundenen Skyler White so viel Hass in Internetforen entgegenschlug, obwohl er sie nie als unsympathische Figur angelegt hatte.

Mit allgemeinem Frauenhass alleine ist dieses Phänomen nicht zu erklären, eher damit, dass die Identifikation der Zuschauer durch die Gewichtung gezielt auf die (meist männlichen) Hauptfiguren gelenkt wird. So kommen uns der Meth-Koch und der Mafia-Boss emotional näher – auch wenn wir ihnen im wahren Leben lieber nicht begegnen würden.

Vieles, was die Autorin im einführenden Teil über die Geschichte des US-Fernsehens und seiner diversen „Goldenen Zeitalter“ zusammenfasst, wird für Insider nicht allzuviel Neues bieten, liest sich aber trotzdem interessant. Hier widmen sich einzelne Kapitel auch Serien außerhalb des üblichen Qualitätskanons, vor allem der Abschnitt über „Dallas“ ist erhellend. Arg trocken und für Nicht-Wissenschaftler eher anstrengend ist der Teil über verschiedene Aspekte der Figurenbindung geraten. Spannend wird es da, wo Gormász sich anhand konkreter Serienfolgen und -szenen einzelnen Figuren widmet: den geliebten Verbrechern ebenso wie als Kontrast den ungeliebten Ehefrauen und Verlobten von Skyler White bis Rita Bennett aus „Dexter“. Als Gegenentwurf für eine allseits beliebte weibliche Figur führt sie Tammy Taylor aus „Friday Night Lights“ an und zieht einen interessanten Vergleich zur ebenfalls von Connie Britton gespielten Trainer-Gattin in der Filmvorlage. Darum, wie die Autoren der Footballserie und von „The Wire“ gezielt mit den Erwartungen des Publikums brechen, geht es im abschließenden Teil über Nebenfiguren.

Angenehm ist, dass hier nicht nur eine Wissenschaftlerin schreibt, die kühl ein Forschungsobjekt analysiert, sondern sich die Autorin immer wieder selbst als großer Serienfan zu erkennen gibt. Ihre Seitenblicke auf andere Serien zeugen von jahrelanger auch privater Beschäftigung mit der Materie. Auch – oder gerade – weil manche Thesen fragwürdig erscheinen (Ist Walter Whites Ermordung eines Drogendealers für die Zuschauer wirklich leichter zu akzeptieren als die indirekt durch ihn verursachte Entlassung eines „unschuldigen“ Schulhausmeisters?), lädt das Buch ein, als Serienfan seine emotionale Involviertheit selbst zu hinterfragen. Deutlich wird auf jeden Fall: Durch die lange Zeit, die wir mit ihnen verbringen, bieten viele dieser modernen (Anti-)Helden viel mehr Gelegenheit, sich mit ihnen zu identifizieren, als der herkömmliche Kinoheld.

Kathi Gormász: „Walter White & Co. Die neuen Heldenfiguren in amerikanischen Fernsehserien.“ UVK Verlagsgesellschaften 2015. 264 Seiten, 39.00 Euro

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