Wie die ARD schon 1979 HBO voraus war: die vergessene Serienperle „Café Wernicke“

Die Besitzer wechseln hin und her: Bruno Matschinski (Harald Juhnke) und das Ehepaar Lampe (Peer Schmidt, Almut Eggert); Foto: ARD/Anixe

Nur 20 knapp halbstündige Episoden umfasst die ARD-Serie „Café Wernicke“, die 1979 im Vorabendprogramm der sich regional auseinanderschaltenden Sender im Ersten zu sehen war. Aber diese decken nicht nur 27 Jahre deutscher Geschichte ab, sondern entwerfen eine ganze Welt.

Die wechselhaften Zeitläufte von 1925 bis 1952 verdichten sich exemplarisch in den Leben der Mitarbeiter und Stammgäste eines typischen Berliner Cafés, das gleichsam zum Mikrokosmos wird. Hier treffen sich alle: Nazis und Kommunisten, Soldaten und Juden, SS-Offiziere und Widerständler und natürlich die ganz normalen Leute, die irgendwo zwischen Anpassung und (innerer) Opposition versuchen, durch die schwierigen Zeiten zu kommen. Erzähltechnisch nimmt die Serie dabei vieles vorweg, wofür die US-Kabelserien von HBO, AMC & Co. heute so gefeiert werden.

Alles beginnt ganz unspektakulär im Jahr 1925: Die Cafébesitzerin Marie Wernicke (Almut Eggert) versucht nach dem Tod ihres Mannes, finanziell über die Runden zu kommen, aber die Zeiten sind nicht leicht, schon gar nicht für eine alleinstehende Frau. Da kommt ihr das Angebot ihres neuen Konditormeisters Franz Lampe (Peer Schmidt) gelegen, seine Ersparnisse ins Café zu stecken. Und wie es sich damals wohl geziemte, heiraten die Beiden auch gleich. Doch die Schulden wachsen weiter und so übernimmt schon bald der großspurige Geschäftsmann Bruno Matschinski (Harald Juhnke) das Café, der ursprünglich ebenfalls ein Auge auf Marie geworfen hatte. Während die Besitzer bald wieder wechseln und es wirtschaftlich mal bergab (Massenarbeitslosigkeit, Börsencrash), mal wieder bergauf geht (Olympiade), kommentieren am Stammtisch die Gäste die politische Großwetterlage von den Krisen der Weimarer Republik über Hitlers Aufstieg bis zum aufziehenden Weltkrieg: die Journalistin Ingeborg Gruner (Johanna von Koczian), der Maler Bernhard Blumenau (Stefan Behrens), der pensionierte Ministerialrat von Borck (Franz Schafheitlin) und der Lebenskünstler Fritzenstein (Dieter Thomas Heck).

Die ersten Folgen sind atmosphärisch noch eher locker-komödiantisch gehalten, doch das hält nicht lange an. Erst verschärft sich das politische Klima, wenn Nazis und Kommunisten nicht nur argumentativ zunehmend aufeinanderprallen, dann kommt Hitler an die Macht, was die eher linke Journalistin und den Juden Blumenau in Gefahr bringt und schließlich bricht der Krieg aus und einige der Figuren werden eingezogen. Die Stimmung der Serie wandelt sich etwa nach der Häfte völlig, wird immer dramatischer und düsterer. Meisterstücke sind dabei insbesondere die elfte Folge, die von Blumenaus Fluchtversuch über die Grenze erzählt, sowie Folge 13, in der der Sohn der Nachbarfamilie sich freiwillig zur SS melden will: große Tragödien, die in jeweils rund 25 Minuten verdichtet werden. Autor Rolf Schulz schreckt hier nicht davor zurück, auch Stammfiguren sterben zu lassen, um die Schrecken des Regimes zu verdeutlichen. Immer mehr werden die anfangs die Nachrichtenlage nur passiv kommentierenden Stammgäste selbst ins Geschehen hineingezogen, sei es, dass sie an die Ostfront abkommandiert oder zu Hause ausgebombt werden. Mit fortschreitender Handlung weitet sich zudem der Blick der Serie, vom engsten Kreis der Inhaberfamilie, der Angestellten und Stammgäste auf die anderen Hausbewohner und andere wiederkehrende Figuren. In manchen Folgen geraten die eigentlichen Hauptfiguren fast völlig aus dem Blick, wird etwa die Familie des im Haus wohnenden Herrn Elmau (Peter Schiff) zu den Handlungsträgern.

Die Erzählstruktur nimmt im Grunde all das mindestens 20 Jahre vorweg, wofür alle Welt seit Ende der 1990er die modernen HBO-Serien aus den USA so liebt und lobt: die Mischung aus abgeschlossenen Episoden- und übergeifenden Handlungsbögen, die einen langen Zeitraum überspannende Erzählzeit (hier mehrere Jahrzehnte, das gibt es nicht mal bei „Mad Men“!), die Spiegelung des Politischen im Privaten bzw. des gesellschaftlichen Rahmens im Schicksal der „kleinen“ Figuren und nicht zuletzt die Ambivalenz mancher Charaktere. Allen voran der von Harald Juhnke herrlich verkörperte Gernegroß Bruno Matschinski, der einem Tony Soprano oder Don Draper zur Ehre gereicht: Anfangs nicht viel mehr als ein aufgeblasener Fatzke, der einem gehörig auf die Nerven fallen kann, wird er erst aus Opportunismus (und Geschäftssinn) zum NSDAP-Mitglied, hilft dann aber doch dem Juden Blumenau, wird schließlich selbst eingezogen und vermisst, verliert aber nie sein großes Maul und sein übersteigertes Ego. Sympathisch ist er einem mit der Zeit irgendwie doch.

Vom Aufwand her ist diese deutsche Vorabendserie natürlich nicht mit den heutigen Großproduktionen aus Hollywood zu vergleichen, macht aber aus der Beschränkung das Beste: So beginnt etwa jede Folge mit der gleichen Einstellung, einer Totalen der Straße vor dem Café, meist mit an der Haltestelle einfahrender Straßenbahn. Dadurch wird auf recht subtile Weise die sich ändernde Situation veranschaulicht, wenn plötzlich Braunhemden passieren oder einige Folgen später die Geschäfte von den Bombardierungen zertrümmert sind. Obwohl die meisten Szenen im Café oder anderen wiederkehrenden Innenräumen spielen, gibt es doch auch immer wieder solche, die on location gedreht wurden, im Park, auf der Pferderennbahn etc. Oder eben, nach dem Krieg, auf den Trümmerhaufen. Zu loben sind aber vor allem die Bücher von Rolf Schulz (der alle Folgen geschrieben hat), sowohl was die Gesamtkonzeption betrifft als auch einzelne Episoden, die sehr effizient und auf den Punkt ihre Geschichte erzählen und eine Aussage vermitteln, ohne jemals belehrend oder pathetisch zu wirken.

Dass all das im Rahmen einer Unterhaltungsserie im Werberahmenprogramm gelang, ist schier unglaublich, wenn man sich anguckt, wie das heutige Serienprogramm von ARD und ZDF so aussieht. Deutsche Geschichte lässt sich ja heute angeblich nur noch in Form großer „Event-Mehrteiler“ à la „Tannbach“ fiktional behandeln. Oder gleich indem man die im Zweiten Weltkrieg kämpfenden Wehrmachtssoldaten posthum entschuldet, weil sie ja „Unsere Mütter, unsere Väter“ sind. In „Café Wernicke“ sind die Figuren keine Helden, sondern einfach Menschen, die sich meistens irgendwie durchlavieren und manchmal dann eben doch das moralisch Richtige tun. Eine solche Serie wäre heutzutage im Programm der großen Öffentlich-Rechtlichen völlig undenkbar. „Wir waren mit allem schon einmal wesentlich weiter“, erinnerte Dominik Graf in seinem Dokumentarfilm „Es werde Stadt!“ über die Geschichte des Grimme-Preises und den Niedergang des deutschen Fernsehens. Er hat so Recht, möchte man nach 20 Folgen dieser Serie bedauernd ausrufen!

Die Serie ist bei Lighthouse auf DVD erschienen und wird ab Dienstag, den 13. Januar um 20 Uhr 15 noch einmal von Anfang an auf Anixe wiederholt.

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