Zerbrochene Träume, zerbrechende „Puppen“: Prostitutions- Drama „Matroesjka’s“ startet auf RTL Nitro

Mehr als Puppen: Die zehn betrogenen Frauen um Daria (5. v. l.) und Kasandra (ganz r.); Foto: Independent Productions

Ab morgen (23. Juli) erlebt eine ungewöhnliche Serie ihre späte deutsche Free-TV-Premiere: Unter dem deutschen Titel „Matrioshki – Mädchenhändler“ erzählt die flämische Produktion von 2005 vom Schicksal junger Osteuropäerinnen, die zur Prostitution nach Belgien verschleppt werden. Die Auftaktfolge „Straße der Illusionen“ führt die unterschiedlichen Schauplätze und einen Großteil des ausufernden Figurenensembles auf packende Weise ein.

Alles beginnt wie ein recht herkömmlicher Thriller: An einem dunklen Flussufer zerren ein paar ebenso dunkle Gesellen zwei russische Frauen aus dem Auto. Einer von ihnen zwingt die beiden zum Niederknien – und schießt ihnen in den Hinterkopf. Für die Gangsterbande um den schmierigen Ray van Mechelen (Peter van den Begin) sind die Zwangsprostituierten aus dem ehemaligen Ostblock nicht mehr als Puppen, wie eben jene titelgenden russischen Schachtelpuppen, die man im Deutschen Matrjoschkas nennt (wie die Serie hierzulande auch korrekt heißen müsste, wenn sich deutsche Verleiher und Sender denn um sowas scheren würden): Zwei von ihnen sind nun halt zerbrochen, aber Nachschub findet sich in den armen Ex-Sowjetrepubliken ja mehr als genug.

Einige der jungen Frauen, die von ihrem Schicksal noch nichts ahnen, lernen wir kurz nach dem etwas zu ausbeuterisch inszenierten Vorspann (der die Zuschauer in die unangenehme Rolle der Voyeure in einer Stripbar verweist, zur Musik von – passender Weise – den Sneaker Pimps) kennen. Sie nehmen in der litauischen Hauptsatadt Vilnius an einem Vortanzen teil – im Glauben, es ginge um ein Engagement für eine Tournee durch westeuropäische Discos. Doch schnell häufen sich die Anzeichen, dass es in Wahrheit um etwas ganz anderes geht: Der Vertrag, den die Auserwählten unterzeichnen sollen, ist in Griechisch verfasst, wenn deren Eltern sich weigern, als Bürgen zu unterschreiben, bietet Ray den Mädchen an, das mit sexuellen Gefälligkeiten wettzumachen – und ein belgischer Journalist versucht, sie zu warnen. Sollten sie die Verträge akzeptieren und mit den Belgiern mitfahren, würden sie zur Prostitution gezwungen. Aber wie kann man uns denn zu so etwas zwingen, fragen sich die Frauen – und außerdem ist die Armut hier groß und etwas Besseres als dieses Leben finden wir doch wohl überall, erst recht im goldenen Westen! Da verdrängt man seine Zweifel lieber und hofft auf das Beste. Nur eine der Frauen, Kasandra (Vilma Raubaite), macht da nicht mit und wendet sich an die Polizei. Aber Ray ist auf alle unangenehmen Fragen bestens vorbereitet…

Litauische und flämische Tristesse

Geschickt springt die Auftaktfolge der Serie zwischen den verschiedensten Schauplätzen hin und her: Eben sind wir noch in den heruntergekommenen Mietskasernen von Vilnius, in denen Kasandras Freundin Daria (Zemyna Asmontaite) auf engstem Raum mit Eltern, Geschwistern und Großeltern dahinvegetieren muss, einen Schnitt später schon wieder auf einem flämischen Dauercampingplatz, wo das Zuhause des Kleingangsters Mike und seiner Freundin Esther (Veerle De Jonghe) zwische Glotze und Tiefkühltruhe auch nicht viel einladender wirkt (wenn in letzterer doch wenigstens nur Frikandeln drin wären…). Mit dem Auftreten des Inspektors Clem De Donder (Stany Crets), der die beiden Morde vom Anfang untersucht, finden wir uns fast in einem herkömmlichen Sonntagskrimi wieder, aber schon die nächste Szene kann den Fokus wieder ganz auf die litauischen und russischen Frauen oder die dubiosen Antwerpener Mädchenhändler richten. Klare Hauptfiguren, Helden gar, sucht man vergeblich – nicht nur in der Pilotfolge, sondern in der gesamten Serie.

Vielmehr dienen die ausgebeuteten Frauen als Identifikationsfiguren für die Zuschauer (Frage: Was würde ich in ihrer jeweiligen Situation machen?), während einem mit zunehemnder Laufzeit aber auch die zwischen billigem Prolltum in Ballonseide und skrupellosem Gangsterleben pendelnden Verbrecher irgendwie ans Herz wachsen – der alte „Sopranos“-Zwiespalt. Das Drehbuch schafft es aber – mit Hilfe der Schauspieler -, diese im Ansatz erst einmal lächerlich wirkenden Gangster mit ihrem absurden Gossenslang (ohne Untertitel versteht bei der Originalfassung wahrscheinlich selbst ein Niederländer wenig) und ihrer Großmaulattitüde zu mehr als Abziehbildern zu machen, jedem von ihnen seine Individualität und manchmal sogar einen Anflug von Menschlichkeit zu verleihen. Insbesondere van Begin ist großartig als Hirn der Bande, das die ganze Zeit so wirkt, als hätte es sich seinen Kleine-Jungs-Traum vom bösen Buben und Frauenaufreißer erfüllen können.

Vielsprachig und düster

„Matroesjka’s“ macht es seinen Zuschauern nicht einfach – nicht, was die Identifikation mit den (oder einseitige Verdammung der) Figuren angeht, aber auch nicht mit den ständigen Sprach- und Schauplatzwechseln. Die Pilotfolge ist schon mal mindestens viersprachig – Flämisch, Englisch, Russisch, Litauisch, ein wenig Deutsch wird auch gesprochen -, und danach wird es nicht viel anders. Aber auch der moralische Standpunkt muss immer wieder neu ausbalanciert werden. Dabei lassen die Autoren Mark Punt und Guy Goossens allerdings nie einen Zweifel daran, wem ihre Sympathien gelten – den Frauen. Auch wenn die Serie manchmal etwas zu sehr auf die körperlichen Reize der osteuropäischen Schauspielerinnen setzt, was in einer Geschichte über Zwangsprostitution zwiespältig wirkt, nimmt sie zu dem Thema doch eine klare Haltung ein.

Die erste Episode endet mit einem eindringlichen Schockeffekt: Von Weitem sehen wir den Bus mit den neu angeworbenen Frauen und ihren Zuhältern an einem mit Schnee bedeckten Friedhof vorbeifahren und in einer Kurve verschwinden. Es ist derselbe Friedhof, auf dem Daria und Kasandra in einer früheren Szene spazieren gegangen sind, tief in ihre Wintermäntel verkrochen, und ihre Optionen diskutiert haben. Die vorsichtige, kritische Kasi und die deutlich naivere Daria, die nicht auf ihre Freundin hören wollte und nun im Bus nach Belgien sitzt. Die Kamera fährt langsam zurück und weitet den Blick auf einen Abfallcontainer, dessen Inhalt hier nicht verraten werden soll. Damit ist der Ton gesetzt für einen Zehnteiler, der so düster ist, dass der Vergleich mit HBO-Serien nicht von der Hand zu weisen ist.

Die erste Staffel läuft ab dem 23. Juli mittwochs gegen 23 Uhr in Doppelfolgen auf RTL Nitro. Sie ist auch als deutsche DVD-Box erschienen. Eine zweite, teilweise in Thailand spielende Staffel, ist nur als Import-DVD-Box mit englischen Untertiteln erhältlich.

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