All-Time Faves (1): Marcus‘ Lieblingsserien

Hinterm Horizont geht's weiter: Claire Fisher (Laura Ambrose) im Serienfinale; Foto: HBO

Listen gehen ja eigentlich immer. Deshalb hier endlich die ultimative Aufstellung der besten Fernsehserien aller Zeiten – nach der streng subjektiven Ansicht des Fortsetzung.tv-Herausgebers. Ohne explizite Rangfolge, aber mit der Tendenz, dass Serien, die weiter oben stehen, auch höher in dessen Gunst rangieren als die auf den hinteren Plätzen.

Six Feet Under: ausgehend von einer perfekten Pilotfolge, die auch als abgeschlossener Kinofilm funktioniert hätte, benutzte Alan Ball fünf Staffeln lang den Alltag einer neurotischen Bestatterfamilie, um von den großen Themen menschlicher Existenz zu erzählen, allen voran: Tod und Familie. Der eine kommt früher oder später garantiert, aber oft nicht so, wie erwartet, ohne die andere geht es im Leben irgendwie auch nicht – mit ihr aber oft ebenso wenig. Die grandios ausbalancierte Mischung aus skurril-schwarzhumoriger Komödie und bewegendem Drama, die Figuren, die so lebensecht sind wie nur wenige fiktive Charaktere und die tollen Schauspieler machen die Serie zu einem Meisterwerk, wie das Medium Fernsehen bisher wohl kein zweites hervorgebracht hat.

Drei der interessantesten Mitarbeiter der Notaufnahme: Schwester Carol (hochschwanger), Dr. Greene, Schwester Abby; Foto: Warner Bros. TV

– ER: das vielleicht glänzendste Beispiel für die goldene Zeit des US-Networkfernsehens. Unter der Oberfläche einer packenden Krankenhausserie verbirgt sich das Porträt eines sozialen Mikrokosmos‘, das mit mehr und engagierteren Kommentaren zu Gesellschaft und Politik der USA gespickt ist als fast alle der modernen sogenannten Qualitätsserien der Kabelsender. „ER“ verbindet die Stärken gelungener Mainstreamunterhaltung (atemberaubende Spannung, Humor, Herzschmerz) mit moralischen Auseinandersetzungen erster Güte und einer Dramatik, wie es sie nur an der Schwelle von Leben und Tod geben kann, und präsentiert einige der menschlichsten Ärzte und Krankenpflegerinnen, die je in einer Klinik gearbeitet haben. Auch wenn das Ansehen der Serie zurecht auf den frühen Staffeln beruht, verkauft sich „ER“ doch bis zum Ende nach 15 Staffeln selten unter Wert.

Gruppenbild mit Zylonen: der Hauptcast der „Galactica“; Foto: Universal

– Battlestar Galactica: Ronald D. Moore hat die TV-Science-Fiction vielleicht nicht neu erfunden, aber doch zu neuen, vorher ungeahnten Höhen geführt. Dass er seine vielschichtige Auseinandersetzung mit politisch-moralischen Debatten und Grundsatzfragen ganz ungekünstelt in eine Space-Soap verpackt, die zugleich eine der spannendsten ist, die es je gegeben hat, ist ein kaum zu überschätzendes Meisterstück. Selten gingen in einem populären Medium Action und Spaß, Phaser und Philosophie so gut zusammen wie in dieser fünfstaffeligen Neuinterpretation des etwas campigen Originals aus den 70ern. Strahlende Helden werden zu ambivalenten Individuen, Roboter fast zu Menschen und am Ende wissen wir: Der Zylone steckt in uns allen.

Manchmal ist das Politische ganz privat: Präsident Bartlet und Stabschef McGarry; Foto: Warner Bros. TV

– The West Wing: am Übergang vom Network-Procedural mit Anspruch zur dahinmäandernden Kabelserie folgt Aaron Sorkin (und sein Nachfolger als Showrunner John Wells) den Zeitläuften und ihren politischen Implikationen aus der Innensicht der Weltmachtzentrale im Weißen Haus. Was wie ein Idealbild einer weisen, fairen und engagierten US-Regierung (und wie eine sehr gut geschriebene Vorlesung über politisches System und Praxis) beginnt, wird im Laufe von sieben Staffeln zunehmend desillusionierter: Selbst der Präsident der USA ist nur ein Mensch, der sich äußeren und inneren Zwängen beugen muss. Martin Sheen spielt ihn trotzdem oder gerade deswegen so, dass er im wahren Leben wohl mit 80 Prozent Zustimmung rechnen könnte. Ihm nicht nach steht ein wunderbares Ensemble großartiger Schauspieler, die ihre Dialoge in geschliffenem Schnellfeuer-Duktus abliefern.

Ein Eldorado verschrobener Individualisten: Die Bewohner von Cicely; Foto: © 1990 Universal City Studios, Inc. All Rights Reserved.

– Northern Exposure: die Serie, die in keine Kategorisierung passt und deren Erfolg in den USA (immerhin sechs Staffeln) deswegen umso erstaunlicher wirkt. Skurrile Comedy um einen Haufen unangepasster Hinterwäldler? Ein Woody-Allen-Großstadtneurotiker-Film auf dem Land? Ein berührendes Drama über den Clash und das trotzdem mögliche und bereichernde Zusammenleben der Kulturen? Ein postmodernes Panoptikum von philosophischen, literarischen, historischen Referenzen? Ja, all das und noch viel mehr.

Die Alltagshelden von New York: Der Cast der ersten Staffel „Third Watch“; Foto: Warner Bros. TV

– Third Watch: John Wells nahm sein aus „ER“ bewährtes Erfolgsrezept des packenden medical drama und mixte es gemeinsam mit Edward Allen Bernero mit einer großen Portion menschlicher Cop-Show und einer guten Prise Feuerwehraction. Das Ergebnis: das Beste aus drei Welten. Spektakuläre Szenen voll knisternder Spannung wechseln sich ab mit humoristischen Einschüben und bewegendem Charakterdrama. Getragen wird das Ganze von einigen der bestgeschriebenen und -gespielten Figuren, seit es Fernsehpolizisten gibt. Fünf Staffeln konnte das hohe Niveau gehalten werden, die sechste war leider nur noch eine normale Cop-Show.

Außerirdische, Außenseiter, Abenteurer: Die Kerncrew der Raumstation DS9; Foto: Paramount TV

– Deep Space Nine: aufbauend auf dem „Star Trek“-Universum und dessen Neuinterpretation durch die „Next Generation“ entwarf die Serie um die gleichnamige Raumstation ein vielschichtiges Gesellschaftporträt von dessen Besatzung und Zivilbevölkerung. Nach und nach lösen sich die Autoren aus dem engen Korsett der in sich abgeschlossenen Episoden, bis sich langsam eine große Erzählung von Krieg und Frieden, wechselnden Allianzen und den Opfern, die jeder bewaffnete Konflikt zwangsläufig mit sich bringt, entfaltet. Im Mittelpunkt: die wohl schillerndste und mit der größsten Charakterentwicklung versehene Crew, die sich je innerhalb der Sternenflotte zusammengefunden hat.

Protegé und Förderer: Peggy Olson, Don Draper; Foto: Lionsgate TV

– Mad Men: Matthew Weiner ist der Mann mit dem Plan. In seiner mit viel Zeitkolorit angereicherten Entwicklungsgeschichte eines Selfmade-Man und seiner Kollegen (und Kolleginnen!) ist kein Detail zufällig, keine noch so kleine Anspielung bedeutungslos. Obwohl auf der Handlungsebene meistens nicht allzu viel passiert, spielen sich innerlich und in den Gesichtern der größtenteils hervorragenden Darsteller ganze Dramen ab. Während sich viele zeitgenössische Serie vergeblich darum mühen, liefern Weiner und sein Team jede Folge Qualität ab – auch noch in der siebten und letzten Staffel.

Sechs der ersten „Skins“-Generation: Maxxie, Tony, Sid, Michelle, Cassie und Jal; Foto: E4

– Skins: vordergründig eine weitere High-School-Serie, die ungewöhnlich freizügig daherkommt. Dahinter entpuppt sich in den ersten beiden, danach unerreichten Staffeln eines der warmherzigsten und berührendsten Dramen der Seriengeschichte mit einigen der am besten geschriebenen (jugendlichen) Figuren, die von jungen Debütanten herzergreifend authentisch verkörpert werden. Zugleich liefern die Erlebnisse von Tony, Sid, Cassie, Effy & Co. einige der überdrehtesten Szenen, die das britische Serienfernsehen hervorgebracht hat. „Skins“ ist wie die Jugend selbst: hemmungs- und respektlos, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt pendelnd, voller Lebenslust und Melancholie – und eine Ode an die Freundschaft, wie man sie vielleicht nur in dieser Lebensphase erleben kann.

The game stays the same: Jäger und Gejagte in „The Wire“; Foto: HBO

– The Wire: zum Schluss noch ein moderner Klassiker, der auf keiner entsprechenden Liste fehlen darf. Meistens mehr soziologische Langzeitstudie als Erzählfernsehen im engeren Sinne, entwirft David Simon in fünf Staffeln ein Gesellschaftspanorama anhand einer einzelnen, aber paradigmatischen US-Stadt der Gegenwart. In Baltimore ist alles mit allem verquickt: die Großdealer und ihre Handlanger, die Bullen und die Politiker, die Lehrer und ihre Schüler, die arbeitslosen und unterbeschäftigten Hafenarbeiter und die stolzen Zeitungsjournalisten, deren Geschäftsmodell auch schon ein Auslaufmodell ist. Mit der Präzision, die sich Simon in Jahrzehnten als Polizeireporter antrainiert hat, und mit großer Sympathie für sein unüberschaubares Figurenensemble erzählt er vom uralten Konflikt zwischen dem Individuum und dem (zu) großen „Äußeren“ – das man in der griechischen Tragödie Schicksal nannte, in unserer modernen Gesellschaft heißt es schlicht: das System.

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