Themenreihe Webserien (I): Traue niemals einem Schnauzbart- träger!

In unserem nächsten Podcast möchten wir über Webserien sprechen: Sind sie die Zukunft des filmisch-seriellen Erzählens, lösen sie das herkömmliche Fernsehen mehr und mehr ab oder sind sie doch nicht mehr als nette Ablenkungen für Zwischendurch? Zur Einstimmung stellen wir einige der besten Produktionen in Rezensionen vor. Zumindest, was das Budget angeht, brauchen sich manche neuere Webserien wie „The Power Inside“ schon einmal nicht vor ihren TV-Pendants zu verstecken. Das liegt dann meist daran, dass es sich um PR-Projekte großer Unternehmen handelt. Für die abgefahrene Sci-Fi-Horror-Parodie konnten Toshiba und Intel nicht nur gute Leute hinter der Kamera gewinnen, sondern auch Harvey Keitel für eine Rolle davor.

„Rette den Barbier, rette die Welt!“ – oder so ähnlich: Harvey Keitel (l.) und Mitstreiter; Foto: Toshiba/Intel

Es beginnt klassisch, mit einer Szene, wie man sie schon Dutzende Male in diversen Horror- und Alieninvasionsfilmen gesehen hat: Ein junges Paar hat ein Date und nutzt die Abgeschiedenheit und romantische Aussicht eines hoch gelegenen Parkplatzes am Rande der Stadt, um sich im Auto näher zu kommen. Doch plötzlich fällt eine Horde ekliger großer Spinnen über die Verliebten her. Als sie merken, dass es gar keine Spinnen sind, ist es schon zu spät: Die merkwürdigen Wesen haben sich im Gesicht ihrer Opfer festgesetzt und die Kontrolle über deren Bewusstsein übernommen. Der Gag: In einem menschlichen Gesicht sehen die Aliens aus wie Schnauzbärte – oder, bei Frauen, wie buschige Augenbrauen.

Die Webserie „The Power Inside“, eine Gemeinschaftsproduktion von Toshiba und Intel, die im vergangenen Herbst in sechs Teilen veröffentlicht wurde, zieht ihre Zuschauer bereits mit der ersten Szene in die Handlung und ihre skurrile Atmosphäre hinein – und lässt sie bis zum Ende der letzten Episode nicht wieder los. Gut, das ist in diesem Fall zugegebener Weise leichter als bei einer normalen Staffel, da die ganze Serie nicht länger dauert als eine herkömmliche TV-Dramafolge, nämlich etwa 50 Minuten. Erstaunlich ist aber, dass die Macher es schaffen, in dieser begrenzten Zeit nicht nur das Tempo fast kontinuierlich hoch zu halten, sondern dabei auch noch eine komplette Geschichte mit Exposition, Wendepunkten, ruhigeren Charaktermomenten, animierten Flashbacks und fulminantem Finale zu erzählen, die in sich weitgehend stimmig bleibt und die auch genügend Stoff für eine 13-teilige TV-Miniserie hergegeben hätte.

Beeindruckende Liste von Kreativen

(Anti-)Held der Geschichte ist Neil, ein schluffiger Twentysomething, der sich wundert, warum er im Leben einfach nicht weiterkommt. In der Zeitungsredaktion, in der er seit Jahren arbeitet, halten ihn alle für den Praktikanten (in Wirklichkeit ist er für die Kleinanzeigen zuständig), sein Schwarm übersieht ihn und seine Ersatz-Vaterfigur ist ausgerechnet sein Friseur – oder besser Barbier, denn eine akkurate Rasur ist in dieser Welt extrem wichtig. Die Szene, in der Neil denkt, jetzt endlich einmal eine bedeutendere Aufgabe in der Redaktion übernehmen zu dürfen, stellt einen frühen Höhepunkt der Serie dar. Als er dann doch einmal über seinen Schatten springt und für seine süße Kollegin Ashley eine Party schmeißt, endet die schnell im Chaos. Allerdings weniger wegen Neil selbst oder seinem nerdigen besten Kumpel Ari, sondern weil die Alieninvasion bereits so weit fortgeschritten ist, dass auch zu der Fete verdächtig viele Schnauzerträger auftauchen. Zwar ist der Barbier schnell zur Stelle, aber was der Neil dann über dessen Schicksal offenbart, wirft den jungen Mann doch erst einmal etwas aus der Bahn…

Man kann den beiden geldgebenden Unternehmen hinter diesem Projekt nicht vorwerfen, sie hätten gekleckert statt geklotzt: „The Power Inside“ sieht richtig gut aus, nicht wie eine dieser typischen Webserien mit Wackelkamera und schlechter Beleuchtung, sondern eher wie eine größere Hollywood-Produktion. Selbst die Special Effects sind absolut state of the art. Auch die Liste der Kreativen ist beeindruckend: Immerhin haben mit Josh Gordon und Will Speck zwei Oscar-nominierte Regisseure (für ihren Kurzfilm „Culture“) die Inszenierung übernommen. Kult-Schauspieler Harvey Keitel hat sichtlich Spaß in seiner Rolle des weisen (aber auch reichlich skrupellosen) Barbiers und Mentors und liefert eine Art Best-Of einiger seiner bekanntesten Filmfiguren ab. Auch die jungen Darsteller sind hervorragend besetzt: Craig Roberts fiel bereits als nerdiges love-interest von Effy in der letzten „Skins“-Staffel positiv auf und führt diese Rolle im Grunde als Neil fort, Analeigh Lipton könnte man aus Hollywood-Genrefilmen der etwas schrägeren Art wie „Green Hornet“ oder „Warm Bodies“ kennen, deren oberflächlichen Serien-Boyfriend Reid Ewing aus „Modern Family“.

Die neuesten Notebooks ins beste Licht rücken

Inhaltlich liefert die Serie meist genau die richtige Mischung aus überdrehtem Indiehumor, alternativer Romantikkomödie und SciFi-Horrror-Parodie, lediglich in der (überlangen) Abschlussepisode wird es mit dem esoterisch-apokalytischen Überbau etwas zu weit (oder besser zu lang) getrieben. Großartig sind auch die comicartigen visuellen Elemente, von der animierten Vorgeschichte des Alienangriffs bis zu den Schlusssequenzen jeder Folge, in der die vorangegangene Handlung jeweils noch einmal in gezeichneten Panels samt Sprechblasen paraphrasiert wird.

Natürlich produzieren Großkonzerne wie Intel und Toshiba so eine Webserie nicht ohne Selbstzweck, sondern auch um ihre Produkte in ein positives Licht zu setzen. Und so kommen Neil und seine Mitstreiter selbstverständlich bei ihrem Kampf gegen das Böse nicht ohne die neuesten Notebooks aus, in denen die Technologie der Finanziers steckt. Das stößt aber, wenn man die Geldgeber kennt, nicht weiter unangenehm auf, da sich die Geräte absolut organisch in die Handlung einfügen. Sagen wir es einmal so: Solange so ein Ergebnis dabei entsteht, sehe ich Dutzend Mal lieber einen Laptop pro Folge durch die Luft sausen als einen BMW oder Volkswagen durch den „Tatort“ kurven.

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