Podcast 013: „Borgen“ und andere Politserien

Die dänische Politserie „Borgen“ ging im vergangenen Jahr sowohl in ihrem Herkunftsland als auch im deutschen Fernsehen mit ihrer dritten Staffel zu Ende. Als zweiter herausragender Vertreter des internationalen Booms dänischer Serien nach „Forbrydelsen/Kommissarin Lund“ wurde sie allseits gefeiert.

Politserien gibt es natürlich schon länger, insbesondere „The West Wing“ war vor etwa 15 Jahren weltweit ein großer Erfolg (außer mal wieder in Deutschland) und diente auch als Vorbild für europäische Produktionen wie „Borgen“ (oder „Kanzleramt“). Und die Briten haben mit Satiren wie „The Thick of it“ noch mal eine ganz eigene Art, politischen Alltag in fiktional-serieller Form zu verarbeiten. Das serielle Quartett versucht sich an einer Einordnung dieser und anderer Serien über Politiker, den aufreibenden Regierungsalltag und harte „issues“. Diesmal dabei: Lina Kokaly, Jens Mayer, Hari List und Marcus Kirzynowski. Schnitt: Marcus Kirzynowski, Intro/Outro: Jens Prausnitz.

Link-Tipps:

Der Guardian zu Gast bei den „Borgen“-Machern von DR 1 in Kopenhagen

… und diverse andere Interviews, Reviews und Episodenblogs zur Serie

HBO plant schon ein US-Remake

„Nach der Hochzeit“, ein großartiger Film mit Sidse Babett Knudsen und Mads Mikkelsen

 

11 comments

  1. So liebe Kollegen, vielen herzlichen Dank für diese Außenperspektive. Die hatte ich bitter nötig, darauf komme ich gleich noch zurück. Zunächst aber meine Glückwünsche zu dieser mehr als gelungenen Folge, die mich davon überzeugt hat, dass ich mir BORGEN schenken werde. Euch ist es gelungen die Vorzüge ebenso präzise und nachvollziehbar zu benennen, wie die Abstriche. Es war ein langes Abwägen, ein hin und her, aber am Ende sprechen für mich mehr Argumente dagegen (pseudodokumentarische Wackelkamera mit Reißzooms, was ich schon seit NYPD BLUE nicht gut vertrage – es sei denn es ist wie bei THE THICK OF IT / IN THE LOOP und wird durch lange Einstellungen erzählerisch “motiviert”, also genau das was Lina mit dem Beispiel aus ihrer eigenen Praxis anführt; stellenweise vorhersehbare, antizipierbare Handlung, Soapanteil, zu wenig “harte” Politik, zu didaktisch/pädagogisch wertvoll erzählt) , als dafür (weibliche Hauptdarstellerin, weitere differenzierte Frauenfiguren, Politik in einem kleinen Land, wo sie nicht als übertrieben wichtig “inszeniert” wird, wie in den USA oder Deutschland, sondern auf ein Alltagsniveau heruntergebracht ist). Bravo, Hut ab. Hat Spaß gemacht.

    Eine jüngere Serie fehlt mir noch in der Aufzählung, nämlich die von Starz leider nach zwei Staffeln eingestellte Serie BOSS. Produziert von Gus van Sant, geschrieben von Farhad Safinia und Hauptdarsteller Kelsey Grammer wurde mit einem Emmy für seine Darstellung des mit unheilbarem Demenz ringendem Bürgermeisters von Chicago Tom Kane ausgezeichnet. Als solcher klammert er sich an die Macht, in der durch geschickte Manipulation und Intrigen der demokratische Prozess als nicht mehr existent, weil beliebig manipulierbar vorgeführt wird. Das ist ganz großes Kino auf dem kleinen Bildschirm, voller widerlicher Schweinepriester, die für ihre Ziele über (meist sprichwörtliche, aber auch echte) Leichen gehen. Connie Nielsen spielt die entfremdete Gattin zum Niederknien, einzig die Darstellerin der Tochter (Hannah Ware) nervt mit ihrem vollen Haar und damit einhergehenden Shampoowerbetic. Wärmste Empfehlung meinerseits, und noch so ein Kandidat, dem ein vernünftiges Serienende verwehrt wurde.

    Da ich mir nach einem Jahr Podcast die Sinnfrage stellte und mit dem Gedanken spielte meinen Hut zu nehmen, habt ihr mich jetzt mit diesem Rotationsprinzip davon überzeugt weiter Zeit für den Podcast freizuschaufeln, spätestens im Juli, wenn ihr mich dann noch haben wollt – brauchen tut ihr mich nicht mehr. Das haben wir dem frischen Wind von Hari zu verdanken, auf den ich mich akustisch wie inhaltlich freue. So können wir gerne weitermachen.

    Am rauschenden Ton habe ich mich wenig gestört, weil ich parallel eh am Staubsaugen war, und am Schnitt hatte ich nichts auszusetzen Marcus, eine solide Leistung. Prima Einstand, und so kommt wider Erwarten doch der Spaß an unserem Format wieder zurück, den ich schon verloren geglaubt hatte. Ich irre mich gerne, und geh in der Wartezeit bis zur nächsten Folge mal meine olle Geige nachstimmen.

    1. Mir ist in „Borgen“ weder eine Wackelkamera oder unmotiviertes Rumzoomen aufgefallen (hab das eher als Hollywood-Standardstil in Erinnerung), noch finde ich den Soapanteil wesentlich höher als in „The West Wing“ (zumindest den Staffeln nach der zweiten) und harte „issues“ werden in einer Folge mehr diskutiert als in einer Woche „Tagessschau“, aber gut, das kann ja jeder anders sehen…

      Bei „Boss“ war ich hingegen nach der zweiten Folge raus, weil das auf mich wirkte wie ein bemühter Versuch, Erfolgskonzepte anderer Pay-TV-Sender wie „Sopranos“, „The Wire“ und fast alles von Showtime (was die unmotivierten Sexszenen angeht) zusammenzurühren, ohne dass man deren Qualitäten auch nur ansatzweise erreicht hätte. Und wenn das nicht übertrieben soapig war, weiß ich auch nicht mehr (die Tochter war doch ein Ex-Junkie, die in der Drogenhilfe arbeitet und sich dann doch wieder in einen Junkie verliebt oder so)…

      Marcus

      1. *seufz* Ich habe nichts von BORGEN gesehen, stütze mich also nur auf das, was ihr erzählt habt und wollte zum Ausdruck bringen, dass ihr das toll vermittelt habt, mindestens jedoch einen entsprechenden Eindruck vermittelt. Das ist doch toll!

        Wärst du bei BOSS etwas länger als zwei Folgen am Ball geblieben, hätte sie dich belohnt. Was da anfangs bemüht wirkt verläuft sich, und die Serie hat ihre eigene Stimme gefunden und Qualitäten, die ich so noch bei keiner der genannten gesehen habe. Allein die Prämisse, dass jemand der seine kognitiven Fähigkeiten einbüßt sich derart an die Macht klammert, ist ein derart fantastisch vom Kopf her stinkender Fisch, der selbst in seinen schwächsten Momenten unsere Politikerelite wie arme deutsche Würstchen aussehen lässt, die nicht mal im Ansatz das Spiel der Medien-Demokratie begriffen haben. Das ist dann wirklich beängstigend – wenn man bei uns wenigstens von einem Tom Kane nach Strich und Faden beschissen würde, hätte das schon was, aber bei uns reicht es eben nur zu einem gefälschten Armutsbericht von notorischen Abschreibern.

  2. Ich muss sagen, das mir Borgen von Anfang an wahnsinnig gut gefallen hat. OK ist keine besonders anspruchsvolle Serie, aber dennoch mal was anderes, und gut gemacht. Ich war froh, als ich die erste Folge Anfang Februar 2012 bei arte gesehen hatte, das es mal keine Krimiserie aus Skandinavien ist. Sidse Babett Knudsen ist eine großartige Schauspielerin. Ich kann Eure Kriterien manchmal echt nicht nachvollziehen, wenn Ihr „Weissensee“ in den Himmel lobt, und Euch Borgen zu seicht ist.

    1. Da sind wir ja schon zu Zweit, Michael. Ich konnte die Kriterien meiner Kollegen ja diesmal auch nicht nachvollziehen, da „Borgen“ für mich auch eine der unterhaltsamsten und auch, was die behandelten Themen betrifft, anregendsten Serien der letzten Jahre war. Mir kommt es ein bisschen so vor, als seien Viele inzwischen so stark auf die sogenannten Qualitätsserien der US-Kabelsender fixiert, dass sie alles andere, was von der Machart ein bisschen mainstreamiger ist, gleich als seicht empfinden.

      Marcus

  3. Hallo ihr beiden,
    also, ich mag sehr gerne auch Serien die aus Großbritannien, Frankreich, Schweden, Österreich, Neuseeland, Australien, Israel und und und…kommen, und ich liebe Serien, die Hardboiled und Trash-Faktoren haben – und „Soap“-Faktoren müssen überhaupt nichts Schlimmes sein – fast alle guten Serien haben diese Aspekte, weil sie uns weiter in die Story zieht und mit den Figuren mitfiebern lässt (cheap thrills), ich finde sie bei BORGEN halt einfach nicht unterhaltsam sondern nicht gut erzählt, häufig nervig und etwas plump. Und das finde ich halt sehr schade, weil die Serie ja sonst wirklich tolle Vorraussetzungen und Aspekte hat. Und WEISSENSEE – speziell die zweite Staffel – haben wir ja auch nicht unbedingt in den Himmel gelobt, sondern genau solche Dinge auch kritisiert, wenn auch vielleicht nicht so ausführlich. Und dass Marcus den Begriff US-„Qualitätsserie“ (den ich ohnehin selten und ungern benutze) stets negativ nutzt, und da ja vielleicht auch ein bisschen zur Verallgemeinerung neigt, bringt uns doch auch nicht weiter 😉
    Herzliche Grüße,
    Jens M.

    1. Ist mir noch gar nicht aufgefallen ;). Ich mag den Begriff eigentlich überhaupt nicht und habe ihn, soweit ich mich erinnere, in den torrent-Heften auch nie verwendet. Dass ich ihn jetzt manchmal als Negativbegriff benutze, daran bist du nicht ganz unschuldig. Ich muss nämlich immer an die Frage von Marc Conrad in deinem Interview denken, wer denn eigentlich bestimme, was Qualität ist. Inzwischen hat sich die Bedeutung dieses Begriffs für mich echt ins Umgekehrte entwickelt, vergleichbar mit dem „Qualitätskino“, über das sich Truffaut & Co. in den späten 50ern lustig gemacht haben.

  4. Wie Ihr schon sehr richtig bemerkt habt, wurde Borgen im Dänischen Fernsehen (Hauptprogramm) Sonntags zur besten Sendezeit ausgestrahlt. Diesen Mut würde ich mir im Dt. Fernsehen auch mal wünschen. Wenn man dies berücksichtigt, und bedenkt wie klein Dänemark ist und welches Budget wohl für eine solche Produktion bereit gestellt wird, finde ich die Serie grandios und finde das Ihr auf hohen Niveau „meckert“. Was sind denn Eure kriterien? Das kommt mir ab und zu mal so vor wie bei mir, als ich alle Staffeln von „The Wire“ und „Homicide“ am Stück angeschaut habe, und mir danach keine andere Krimiserie mehr gefallen hat, weil diese Serien die Messlatte derart hoch gelegt haben. Genau das gleich passierte mir bei „Heimat“ und dt. Serien. Man muss halt ab und zu abstriche machen. Man kann doch nicht „Im Schleudergang“ (BR FS) mit „die Snobs“ (ulmen.tv)vergleichen. Obwohl das beides gute dt. Comedyserien sind. Aber vielleicht setzt bei Euch genauso wie bei mir langsam der Frust ein, weil z.Z. keine einzige gute Serie gestartet ist. Egal ob es „the red road“ oder „true detective“ usw hat mich nichts so richtig vom Hocker gerissen. Jeder freut sich nur noch auf fortsetzungen z.b. von „rectify“ oder „ray donovan“. Oder liege ich so falsch?

  5. Hmmm…also ich vergleiche Borgen – so wie jede andere Serie – erst einmal überhaupt nicht, sondern schaue sie mir nach den Kriterien an, nach denen ich mir jeden Film und jede Serie auch anschaue. Es gibt ja schon durchaus erst einmal Kriterien, die man grundsätzlich festlegen kann, Was erzählt die Serie und wie erzählt sie es? Und da spielt es für mich keine Rolle, ob die Serie im dänischen Hauptprogramm zur Hauptsendezeit läuft oder im US-Pay-TV um 23 Uhr. Bei Borgen habe ich ja auch kein Problem damit WAS erzählt wird (im Gegenteil, das finde ich toll), sondern eben WIE es (teilweise!) gemacht wird. Und das ist mir für eine Serie mit einem solchen Anspruch und (ich wiederhole mich) mit einer solchen Prämisse oftmals sehr holzschnittartig und zu einfach konstruiert. Ich erwähne ja, dass ich fast bei jeder Folge nach 35 Minuten auf die Uhr geschaut habe und gestöhnt habe, dass es nun noch weitere 25 Min. dauert, weil die Folge m.E. auch gut in 10 Minuten zum Ende hätte gebracht werden können.

    Natürlich kritisiert man auf hohem Niveau, mag ja sein, aber das ist doch kein Argument dafür es nicht zu tun. Gerade, wenn ich mir überlege, welche Kritik gerade andere unserer besprochenen Serien abbekommen haben (mein letzter Podcast war ja der GoT-Cast), da fand‘ ich mich wirklich noch sehr fair 😉 Was neue Serien angeht, kann ich gar nicht so viel sagen, ich schaue gerade aus anderen Gründen wieder TWIN PEAKS und LOST (und letzteres ist ja letztendlich auch eine Soap…), ansonsten hat mich TRUE DETECTIVE ab Folge 4 oder 5 komplett vom Hocker gerissen. Die Euphorie für FARGO kann ich nicht nachvollziehen, dafür muss ich ohnehin noch DOWNTON ABBEY und SONS OF ANARCHY (auch beides Serien, die „Soap“-Charakter haben, aber grandios erzählt) aufholen, und zig andere. MAD MEN war toll, HANNIBAL super, GoT auch… und es gibt noch genug ungesehenes nachzuholen, vor allem aus anderen Ländern – warte auch sehr gespannt auf LES REVENANTS S02! Ich denke, es wird schon nach das ein oder andere kommen, dieses Jahr. Vielleicht sind wir alle zu ungeduldig geworden, und erwarten zweimal im Halbjahr einen neuen Klassiker…

  6. „Vielleicht sind wir alle zu ungeduldig geworden, und erwarten zweimal im Halbjahr einen neuen Klassiker…“ – da hast Du wohl recht. Wahrscheinlich ist die Lücke die Breaking Bad bei mir gerissen hat doch ziemlich groß. „warte auch sehr gespannt auf LES REVENANTS S02!“ – da freue ich mich auch schon sehr drauf! Jeder Jeck ist anders und Geschmäcker sind nun mal verschieden, ich bin aber trotzdem der Meinung, das man bei der Bewertung einer Sache in dem Fall einer Serie sich nicht frei machen kann von den Umständen der Entstehung. Ich habe selbst mal Plattenkritiken für einen Radiosender verfasst, und konnte mich auch nicht davon frei machen. Das habt Ihr z.B. beim Podcast von „Weissensee“ und ich glaube „Braunschlag“ auch nicht gekonnt. Du hast doch nicht genau die selben Kriterien wenn Du Twin Peaks und Les Revenants bewertest. vg, Michael

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