Heimlich & Co.: das neue AMC-Spionage- Drama „Turn“

Mit der im April gestarteten Historienserie um Amerikas ersten Spionagering versucht der US-Kabelsender an seine großen Erfolge „Mad Men“, „Breaking Bad“ und „The Walking Dead“ anzuknüpfen. Der Hype bleibt bislang aber weitgehend aus. Zu Recht?, fragt Marcus Kirzynowski.

Der Feind lauert überall: Abe Woodhull (Jamie Bell) und Anna Strong (Heather Lind) gehen in Deckung; Foto: AMC

Nachdem AMC sich bereits in seiner Westernserie „Hell on Wheels“ der Zeit unmittelbar nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg widmet, springt der Kabelsender mit seiner neuen Eigenproduktion „Turn“ etwa 100 Jahre zurück zu einem anderen bedeutenden Krieg der amerikanischen Geschichte. 1776 tobte in und rund um New York City der Unabhängigkeitskrieg, in dem die Siedler für ihre Loslösung von der britischen Krone kämpften. Letztlich erfolgreich, aber zu diesem Zeitpunkt war das noch nicht abzusehen. Gerade war es nämlich der britischen Armee gelungen, New York City, ebenso wie Long Island und Staten Island von den Aufständischen zurückzuerobern. Während die Großstadt nun als militärische Basis für die Briten diente, waren die Rebellen unter der Führung von General George Washington weitgehend zerschlagen und mussten sich in die Wildnis zurückziehen. Von dort aus führten sie Anschläge auf Einrichtungen des Feindes durch und versuchten, an Informationen über dessen Pläne zu gelangen. „Turn“ erzählt nun die Geschichte des ersten Spionagerings auf amerikanischem Boden, der helfen soll, mittels Informationshoheit das Blatt doch noch zu wenden.

Die Pilotfolge wirft uns mitten hinein in die blutige Auseinandersetzung zwischen Kolonialherren und Kolonisten. Nach einer gewonnenen Schlacht streift ein britischer Soldat übers Feld, um die gefallenen Amerikaner zur Sicherheit noch einmal mit dem Bajonett zu durchbohren. Dabei gelingt es dem verwundeten Ben Tallmadge (Seth Numrich) in letzter Sekunde, ihn zu überwältigen und in dessen Uniform zu entkommen. Ein packender Einstieg in die Historienserie. Leider geht es nicht halb so spannend weiter. Wir lernen nun den Farmer Abe Woodhull (Jamie Bell) kennen, der als Held und Identifikationsfigur für die Zuschauer fungiert. Der lebt mit seiner Ehefrau Mary (Meegan Warner) und dem gemeinsamen Baby zusammen, hat aber anscheinend noch immer Gefühle für seine ehemalige Verlobte Anna Strong (Heather Lind), die inzwischen mit dem örtlichen Gastwirt verheiratet ist. Als es in dessen Kneipe zu einer handfesten Auseinandersetzung mit einem britischen Kommandanten kommt, steht Abe dem Wirt zur Seite. Dank seines Vaters, eines angesehenen Richters, wird der Farmer bald wieder aus britischer Haft entlassen. Aber kurz darauf wird der Kommandant tot aufgefunden – Abe gilt neben dem Wirt jetzt natürlich als Hauptverdächtiger.

Zwei Frauen verkörpern den inneren Widerstreit des Helden

Das hindert ihn jedoch nicht daran, erst einmal einige seiner Salatköpfe zu seinem alten Freund Caleb Brewster (Daniel Henshall) zu schmuggeln, der im Untergrund lebt. Auf dem Rückweg wird Abe gefangengenommen – von Rebellensoldaten, zu denen auch Ben Tallmadge gehört, der sich als weiterer langjähriger Kumpel des Bauern herausstellt. Der versucht nun, Abe als Spion zu rekrutieren, der die Unabhängigkeitskämpfer über die Pläne der Briten aufklären soll. Eher zum Schein geht dieser auf das Angebot ein, um wieder nach Hause zu dürfen. Letztlich ist es Anna, die den Zauderer davon überzeugt, tatsächlich für die Freiheit der Siedler zu spionieren – die Besatzer hätten ihnen schließlich alles genommen.

Während die erste Folge sich ganz auf die Rekrutierung Abes konzentriert und erst gegen Schluss kurz tatsächliche Spionagetätigkeiten zu sehen sind, kommen diese auch in den Folgen 2 und 3 eindeutig zu kurz. Das wirkt ziemlich enttäuschend für eine Serie, die auf einem Sachbuch namens „Washington Spies: The Story of America’s First Spy Ring“ basiert und auch so vermarktet wird. Auch der etwas überstürzt wirkende Vorspann setzt in scherenschnittartigen Motiven ganz auf Spionagetechniken wie Chiffrieren und Dechiffrieren. In der Serie selbst ist davon auch nach drei Folgen noch so gut wie nichts zu sehen. Präsentiert wird stattdessen eine recht dröge Mischung aus Kriegstaktik, Verhör- und Folterszenen und dem inneren Kampf Abes zwischen Sicherheitsdenken und Gewissen. Letzteren personifizieren die beiden Frauen in seinem Leben: die zu Ruhe und Vorsicht mahnende Mary und die nach Freiheit strebende, zum Kampf bereite Anna. Welche von Beiden anziehender wirkt, lässt sich einfach erraten. Während Abe zwar das Potential zu einer vielschichtigen, ambivalenten Figur hätte, von „Billy Elliot“-Darsteller Bell aber zu blass verkörpert wird, bleiben die meisten anderen Figuren eher formelhaft. Allen voran der egomanisch-sadistische britische Captain John Simcoe (Samuel Roukin), der auch eine frühere Inkarnation J.R. Ewings sein könnte. Für Subtilität bleibt bei solchen Knallchargen wenig Platz.

Das Übliche: explizite Gewalt, Sex und lange Dialoge

Rein technisch sieht „Turn“ sehr gut aus, aufwändige Kamerafahrten und Totalen erzeugen einen filmischen Eindruck. Lediglich der Score wirkt manchmal zu penetrant. An der Ausstattung gibt es wenig zu meckern. Bei einigen Szenen auf See macht sich das im Vergleich zum Kino geringere Budget zwar durchaus bemerkbar, insgesamt wirken die Aufnahmen des New Yorker Hafens und der davor liegenden Bucht aber deutlich überzeugender als vergleichbare Bilder etwa in der Piratenserie „Black Sails“.

Das hilft nur leider alles nichts, wenn die Geschichte selbst ebenso wenig zu fesseln vermag wie die Figuren. Die Handlung plätschert nach dem gelungenen Einstieg überwiegend unmotiviert vor sich hin, wobei nicht im Geringsten klar wird, warum wir Zuschauer uns für diese Figuren und ihre Erlebnisse interessieren sollten. Klar, Wendepunkt der amerikanischen Geschichte, Geburt der Nation – aber warum sollte das irgendwen außerhalb der USA scheren? Was wollen uns die Autoren eigentlich erzählen: eine innovative Geschichte über die Abläufe und das Wesen von Spionage oder doch nur die x-te Variante eines Bürgerkriegsepos‘? Zudem pendelt die Serie unentschlossen zwischen kurzen expliziten Gewaltausbrüchen (und deutlich weniger Sex, der aber im Kabel-TV auch längst Pflichtbestandteil zu sein scheint) und endlosen, ermüdenden Dialogen. Damit ist „Turn“ leider nur eine weitere Serie, die das Erbe von „Mad Men“ und „Breaking Bad“ antreten will, dabei aber „Qualität“ mit stilvoller Behäbigkeit verwechselt.

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