Wenn Stringer Bell gesungen hätte – ABCs wohl gewagtester Flop

„Cop Rock“ war eine kurzlebige Show, die auf den ersten Blick eine Inspiration für „The Wire“ hätte sein können, beim genaueren Hinsehen allerdings zu sehr over the top war. Steven Bochcos ABC-Serie von 1990 war nämlich quasi eine Mischung aus „Hill Street Blues“ und „Fame“. Hari List gefällt sie aber eigentlich ganz gut.

Sie räumen auf den Straßen auf, aber sie singen auch: der Main Cast von "Cop Rock"; Foto: Bob D'Amico/ABC

Es beginnt mit einer Drogenrazzia. Die Tür wird mit Hilfe eines Wagens aus der Angel gerissen, das Haus gestürmt, nicht gerade zärtlich werden die Bewohner darin in Gewahrsam genommen und auf einer Matratze findet sich eine Konsumentin, die ihr Kind umklammert (Kathleen Wilhoite, die später in „ER“ als Susan Lewis‘ Schwester eine ganz ähnliche Rolle spielen sollte). Als Mutter und Kind getrennt werden, ist sie besorgt: „ She don‘t take regular formula, she only takes dry formula“. Ein ambivalenter Satz, den man aus Network-Serien nicht unbedingt gewohnt ist – ein Junkie kann eine besorgte Mutter sein? Als die Beamten die Verhafteten aus dem Haus führen, skandiert die Menge: „In these streets, we got the power“. Dann der Titelsong. Überraschend gut, von und mit Randy Newman.

Es folgt die Verhandlung über die Untersuchungshaft. Die Gefängnisse sind voll, deshalb werden die frisch Verhafteten vorerst auf freien Fuß gesetzt. Schnitt. Die Cops stoppen einen Kleinlaster, die Insassen wehren sich und erschießen einen von den Blauhemden. Der Schütze entkommt. Sein Partner bekommt eine Privatstunde in Polizeibrutalität, aber den entscheidenden Hinweis gibt die Mutter in Geldnot, die inzwischen ihr Kind zurückbekommen hat.

Geld ist grün

Zwischendurch lernen wir die Bürgermeisterin von L.A. kennen. Sie will dem Ermordeten zu Ehren ein Gefängnis bauen lassen und lässt sich von einem dubiosen Anwalt Geld vorbeibringen, das in einem besonders schönen Grün aus dem Koffer strahlt. Gleichzeitig findet eine Gerichtsverhandlung statt, bei der Detective LaRusso eine Tirade auf das Arschloch auf der Anklagebank loslässt, bevor es schuldig gesprochen wird.

Dass LaRusso ordentlich angepisst ist, dass sein Kollege ausgerechnet von einem der Freigänger erschossen wurde, ist verständlich. Und Selbstjustiz ist offenbar doch eine Lösung. Allerdings erkennt der Vorgesetzte, was los ist und öffnet damit die Story für die nächsten Folgen.

Zum Schluss sehen wir noch einmal die Mutter, wie sie ihr Baby in den Armen hält, um es im nächsten Moment an einen fremden Mann für 200 Dollar zu verkaufen. Allerdings nicht, ohne ihm zuvor ein Abschiedslied zu singen.

Singen? Ja, es wird auch gesungen. Wie sonst könnte sich die Bürgermeisterin für ihre Bestechlichkeit rechtfertigen und von ihren Beratern gesagt bekommen, dass das völlig ok ist. Und gibt es überhaupt eine andere Möglichkeit für Geschworene, ein Urteil zu sprechen, als sich dabei in einen Gospelchor zu verwandeln, während Richter und Verteidiger mit einstimmen? Dass ein Vater sich seine Sorgen über die Tochter von der Seele singt, wenn sie spät nach Hause kommt, haben wir alle schon erlebt und „We got the power“ kam einem schon am Anfang zu rythmisch vor, als dass das ein spontaner Mob einfach nur gerufen hätte, es war eher ein Rap.

Ein historischer Moment

Es muss wohl einer der großen historischen Momente des Fernsehens gewesen sein (vielleicht auch nur ein Treppenwitz der Geschichte), als Steven Bochco bei den Verantwortlichen von ABC diese Serie genehmigt bekam. Zuvor schon mit „Hill Street Blues“, „L.A. Law“ und „Doogie Howser, M.D.“ erfolgreich, wurde diese Mischung aus anspruchsvollem Cop-Drama und Musical ein grandioser Flop. Dabei erhielt die Serie sogar fünf Emmy-Nominierungen und gewann zwei der Preise – unter anderem Randy Newman für seine Songs in der Pilotfolge.

Bochcos Karriere hat „Cop Rock“ nicht geschadet, mit „NYPD Blue“ gelang ihm gleich darauf ein weiterer langlebiger Cop-Show-Hit. Die elf Episoden sind bis heute nicht auf DVD erhältlich. Schade eigentlich, denn schlecht geschrieben ist die Serie nicht.

Eine faire Chance

Auch einige der Musikstücke – meist eigens für die Serie geschrieben – sind wirklich gut. Ein großes, vielfältiges Ensemble und mehr als nur eine Storyline, die im Piloten eröffnet und später weiterverfolgt wird oder worden wäre. Ist das nicht genau das, was heute von gehobenen Dramaserien erwartet wird? Anfang der 1990er war das Gesamtkonzept offenbar noch nicht reif genug, dem Publikum gefiel „Cop Rock“ nicht.

Die Grundidee war gelinde gesagt mutig und mag jetzt, fast 25 Jahre später, in der Umsetzung teils lächerlich oder gar erbärmlich wirken. Trotzdem hat sich „Cop Rock“ zumindest eine faire, retrospektive Betrachtung im „Goldenen Zeitalter der Serien“ verdient – das eben ohne solche Vorläufer auch nicht möglich gewesen wäre, was man häufig vergisst.

„Cop Rock“ (1990), ABC; 11 Folgen
von Steven Bochco und William M. Finkelstein, Musik: Randy Newman u.a.
Nicht auf DVD oder über VOD erhältlich, aber auf
You Tube verfügbar.

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