Wo wir sind, ist immer Libertatia: Starz‘ neues Piratenepos „Black Sails“

Auf in die Schlacht: Captain Flint (Toby Stephens, 2.v.l.) und seine Männer; Foto: Starz

Nach einigen erfolglosen Versuchen, mit Eigenproduktionen in der Liga von HBO & Co. mitzuspielen, könnte US-Pay-TV-Sender Starz jetzt endlich sein großes episches Drama gefunden haben: „Black Sails“ zeichnet ein detailliertes Bild des fortschrittlichen Gesellschaftssystems der Piraten des 18. Jahrhunderts und bietet zugleich Sex, Gore und Entermanöver.

Manchmal ergeben sich in der Popkultur merkwürdige Gleichzeitigkeiten: Während die österreichische Indieband Ja, Panik im Januar 2014 ein Album herausbrachte, das nach Libertatia, der angeblich von Piraten auf Madagaskar gegründeten ersten Demokratie der Neuzeit, benannt ist, startete fast zeitgleich in den USA eine TV-Serie, die sich einem ganz ähnlichen Thema widmet. Denn gleich in den ersten, um 1715 spielenden Folgen von „Black Sails“ diskutieren die Protagonisten um Captain Flint in ihrem Heimathafen auf der karibischen New Providence Island, ob man sich nicht besser einen abgelegenen Flecken Land suchen soll, um eine Nation von Gleichen zu gründen. Das harte Seeräuberleben aufgeben und stattdessen anfangen, Felder zu bestellen, heimisch zu werden – ein schöner Traum. Aber schnell kommen die Einwände: Lassen sich aus Banditen wirklich so leicht Bauern machen? Und vor allem: Würden nicht sofort sämtliche Armeen großer Staaten aufbrechen, um sich das neue Land einzuverleiben? So bleibt vorerst doch nur die Rückkehr aufs Meer, die Suche nach dem nächsten Schatz.

Solche politisch-sozialphilosophischen Diskussionen erwartet man nicht gerade von einer Serie, an der Michael Bay als Executive Producer beteiligt ist. Der Regisseur und Produzent ist vor allem durch Actionkracher wie „Armageddon“ oder die „Transformers“-Filme berühmt-berüchtigt. So könnte man vermuten, auch bei seinem Serienprojekt handele es sich um eine vordergründige Angelegenheit, die hauptsächlich auf Schlachten und ähnliche Schauwerte setze. Tatsächlich beginnt die Pilotfolge auch gleich mit dem Entern eines Handelsschiffs und blutigen Gefechten, die allerdings technisch recht bescheiden wirken. Hier war eindeutig zu viel billige CGI im Spiel. Danach konzentrieren sich die Autoren um Jonathan E. Steinberg und Robert Levine jedoch weitgehend auf die Etablierung ihrer Charaktere und deren komplexe Beziehungen zueinander.

Leben nach eigenen Gesetzen

Da ist zunächst einmal der Kommandant der Walrus, Captain Flint (Toby Stephens), dessen Autorität jedoch von seinen Männern in Frage gestellt wird. Insbesondere sein erster Offizier Singleton, ein furchteinflößender Kerl mit entstelltem Gesicht, empfindet ihn als zu weich und will ihn selbst ablösen. Für zusätzliche Unruhe sorgt John Silver (Luke Arnold), ein junger Schönling, der von der Crew des gekaperten Schiffs zur Walrus stößt und dessen Motive im Unklaren bleiben. Jedoch ist er im Besitz einer entscheidend wichtigen Seite aus dem Logbuch des Handelsschiffs, die schon bald zum umkämpften Objekt wird, weist sie doch den Weg zu einer gesunkenen, mit Schätzen bestückten spanischen Galeone. Wem die Namen bekannt vorkommen: Das ist kein Zufall, soll die Serie doch die Vorgeschichte von Robert Louis Stevensons Romanklassiker „Die Schatzinsel“ erzählen, was bisher aber über einen Insider Joke hinaus noch keinen dramaturgischen Mehrwert liefert.

Das Figurenensemble verdoppelt sich, als die Walrus auf New Providence Island einläuft, einer paradiesisch anmutenden Enklave, die als Zufluchtsort der Piraten dient. Hier führt die resolute Eleanor Guthrie (Hannah New) das Regime, stellvertretend für ihren Vater, den britischen Gouverneur der Bahamas. Der dient längst nur noch vordergründig der Krone, unterstützt in Wahrheit aber die Seeräuber, deren Beute er verkauft. In gewisser Weise ist der Inselhafen schon jetzt eine frühe Form der sozialen Utopie, die Flint vorschwebt: Die Piraten leben hier nach eigenen Gesetzen, ohne Einfluss des Mutterlandes. Und diese Gesetze gelten für alle Männer gleichermaßen, auch für Schwarze, die woanders versklavt würden. Auch auf den Schiffen der Renegaten gilt die Regel „Ein Mann, eine Stimme“ und der Captain hat nur solange die Macht, wie er die Mehrheit seiner Besatzung hinter sich weiß.

… und eine Buddel voll Rum

So entpuppt sich „Black Sails“ schnell als erstaunlich ambitioniertes Gesellschaftsporträt, das viel mehr character driven als action driven ist. Zwar wirken die schier endlosen Dialoge manchmal etwas ermüdend, aber es fasziniert schon, ein so detailliertes Bild einer vergangenen Epoche gezeichnet zu bekommen. Verglichen mit anderen aktuellen Serienbearbeitungen historischer Stoffe kann die historische Genauigkeit durchaus überzeugen. Natürlich sprechen auch hier alle Figuren Englisch, aber zumindest mit unterschiedlichsten Akzenten, was die Sache glaubwürdiger macht als etwa bei den „Musketeers“ der BBC, wo alle Franzosen lupenreines Oxford Englisch reden. Weniger gelungen sind leider die Kulissen, denen man ansieht, dass sie aus Kostengründen überwiegend am Computer erstellt wurden. Auch die Hafenstadt wirkt er wie ein Studionachbau als on location gedreht. Für Schauwerte sorgen stattdessen brutale Kämpfe und zwischen heftig und übertrieben schwankende Sexszenen – immerhin sind wir hier im US-Pay-TV. Rundum gelungen ist der Musikscore, für den man mit Bear McCreary („Battlestar Galactica“, „The Walking Dead“) den derzeit wohl angesagtesten Komponisten für TV-(Genre-)Serien gewinnen konnte. Der ruft schon mit der Titelmelodie Assoziationen zu Toten Manns Kisten und Buddeln voll Rum auf.

Bisher hatte der Bezahlsender Starz mit seinen eigenproduzierten Serien – abgesehen von „Spartacus“ – nicht allzu viel Glück. Ob das Politdrama „Boss“ oder die 50er-Jahre-Mafia-Serie „Magic City“: Vieles schien bei den Vorbildern HBO oder AMC abgeschaut, wirkte eher wie ein bemühter Abklatsch von Erfolgsserien wie „The Wire“, „Die Sopranos“ oder „Mad Men“ als wie eine originelle Eigenschöpfung. Ausgerechnet mit diesem Piratenepos aus Michael Bays Produktionsschmiede scheint der Sender jetzt endlich auf gutem Weg, aus dem Schatten der Branchenprimen zu treten. Auch wenn die Serie vor allem produktionstechnisch noch weit von ähnlich angelegten Epen wie „Game of Thrones“ entfernt ist, die Mischung aus langatmiger Exposition und plötzlichem Beischlaf oft noch zu beliebig wirkt, hat sie doch ein originelles Konzept mit großem Potential. In der fünften Folge gelingt es den Machern erstmals, dieses voll auszuschöpfen: Während die Diskussionen auf New Providence Island eskalieren, sticht die Walrus endlich wieder in See. Das folgende Entermanöver ist gleichermaßen packend wie realistisch inszeniert und kann (bis auf die Totalen der Schiffe) auch tricktechnisch überzeugen. Wenn es die Autoren schaffen, die einzelnen Elemente ihrer Show auch künftig so gut auszubalancieren, könnte sich „Black Sails“ noch zu etwas ganz Großem entwickeln.

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