Sturm auf die Gehirne: Die britische Zombie-Miniserie „Dead Set“ bei RTL Crime

Nicht nur in den USA wandeln die Untoten erfolgreich über die Fernsehschirme. Die Briten haben sich in den vergangenen Jahren gleich mehrmals an Zombie-Serien versucht: Bereits knapp fünf Jahre vor dem diesjährigen „In the Flesh“ lieferte Charlie Brooker seine medienkritische Variante, in der Zombies ins „Big Brother“-Haus einfallen. Jetzt kommt die Serie ins deutsche Pay-TV.

Von Denis Kundic

Running Dead: Die Untoten schlurfen diesmal nicht; Fotos: Zeppotron/Sony Home Ent.

Eine Wand voller Bildschirme, das „Big Brother“-Haus unter Dauerobservation. „37 Minutes to go, minions! Do you even know what a minion is? No? Don’t look offended then“, treibt Produzent Patrick (Andy Nyman) seine Untergebenen an. Es ist dieser zynische Geist, der die lustlosen Praktikanten an den Reglern seufzen lässt, weshalb der kleine Monitor seine breaking news unbeachtet ins Nichts sendet. Keine Zeit für die Welt da draußen, denn eine Bewohnerin zieht aus, die Fanmassen vor den Zäunen jubeln und buhen, die anstehende Live-Show muss reibungslos ablaufen…

So lässt Großbritanniens derzeit erfolgreichster Medienkritiker,  Produzent und Autor Charlie Brooker seine Zombie-Miniserie „Dead Set“ beginnen. Ob in Zeitungskolumnen, im Radio oder im Fernsehen – überall seziert Brooker die Mechanismen der Medien; er hinterfragt, vergleicht und reflektiert die Wirkungen auf die Zuschauer, um die Techniken zu destillieren, die uns unterhalten und gleichzeitig beeinflussen sollen. Vor allem seine Sendungen „Screenwipe“ und „Newswipe“ nehmen sich in einer Mischung aus Oliver Kalkofes „Mattscheibe“ und John Stewarts „Daily Show“ das Fernsehen bzw. die Nachrichten zur vernichtenden Analyse vor; jedoch immer darauf bedacht, Aufklärerisches unterhaltsam und nicht etwa Unterhaltung aufklärerisch zu präsentieren. Aber Brooker wagt auch Fiktion, wie etwa die Ende letzten Jahres gezeigte Miniserie „Black Mirror“, die in drei für sich genommenen Teilen den zukünftigen Umgang mit Technologie dystopisch ausleuchtet, ohne in reißerischen Kulturpessimismus zu verfallen.

Dem Erfolg von „The Walking Dead“ (für das „Dead Set“ sicherlich den Grundstein gelegt hat) ist es wohl zu verdanken, dass das deutsche Publikum in den späten Genuss der fünfteiligen Miniserie kommt, die in Großbritannien bereits 2008 ausgestrahlt wurde. Deshalb klingt die Prämisse heute etwas überholt: Während einer Live-Sendung  von „Big Brother“ erreicht ein Virus das von Fans belagerte Gelände der Show und verwandelt den Zuschauermob in einen Zombiealbtraum, was zunächst mal – und hier liegt der Witz – für die Insassen des BB-Hauses unbemerkt bleibt.

Zugeständnisse ans Budget

Im Gegensatz zu Deutschland hatte das Orwellsche Reality-Format in Großbritannien 2008 immer noch große Resonanz und die vergangene Staffel war gerade einen Monat vorbei, als „Dead Set“ kurz vor Halloween an den Start ging. Der amerikanische Gruselfeiertag wird auch angemessen bedient: Zum Entzücken des gore-Freundes geht es in „Dead Set“ äußerst blutig zur Sache, was für eine TV-Serie, auch wenn sie nur auf dem digitalen Channel 4-Ableger E4 ausgestrahlt wurde, in dieser expliziten Weise erst einmal doch erstaunt. Brooker weiß, dass eine Zombieserie nicht nur von Andeutungen leben kann, deshalb werden wir neben all den verteilten Innereien unter anderem auch Zeuge einer Private-Torrez-Gedächtnis-Enthauptung („Day Of The Dead“), womit Brooker sich respektvoll vor den Genreklassikern verneigt.

Die Bildästhetik wird von der „dokumentarischen“ Wackelkamera beherrscht. Die Bilder der Jagd- und Splatterszenen werden in impressionistische Mosaikstücke zerlegt, aber vom Schnitt glücklicherweise wieder semantisch nachvollziehbar arrangiert. Inhaltlich macht das Wackelbild allerdings keinen Sinn.

Angriffsfläche bietet auch ein anderer Punkt: Die Zombies in „Dead Set“ sind keine „Walker“, sondern „Runner“. Was als Dogmatikdiskurs (dürfen Zombies rennen?) der verschiedenen Untoten-Konfessionen Ausmaße bis ins Unendliche annehmen kann, hat hier sicherlich, wie auch die Wackelkamera, den einfachen Grund, dass der production value den Machern eigentlich keine andere Wahl ließ, als hektisch, nah am Körper und fragmentarisch zu sein.

Will auch ins Haus: eine Infizierte

Trotz dieser Neuerungen ist „Dead Set“ George Romeros „Dawn of the Dead“ (1978) am nächsten, da beide die Kombination von Schutz suchenden Menschen in der Falle mit gesellschaftskritischem Subtext als Ausgangslage für ihren „Feldversuch“ wählen. Vor allem gelingt es, der Hybris der Parodie zu entgehen und damit aus dem Inneren des Formats heraus (so spielt etwa die echte BB-Moderatorin Davina McCall sich selbst) einen unvoreingenommenen Blick auf die Strukturen der Fernsehsendung und den Geist der Medienwelt zu öffnen. Der Meute, die draußen vor dem Haus ihren Favoriten unterstützen möchte, geht es durch ihr Bekenntnis gleichzeitig um die Ausgrenzung der unbeliebten Bewohner, was die Produktion durch die Auswahl der allabendlichen Ausschnitte forciert und beeinflusst. Da ist zum Beispiel Joplin (Kevin Eldon), der heimlich von allen Gollum genannt wird und nach dessen Blut die buhende Menge vor den Zäunen lechzt, wann immer er auf den Großbildleinwänden erscheint, während andere Bewohner mit frenetischem Jubel begrüßt werden.

 

Absurdität des Starkults

Die Serie treibt die Absurdität dieses Starkults auf die Spitze, indem sie fragt: Was geschieht, wenn die Meute ihre Beute erwischt? Und was bleibt am Ende übrig? Hier weist „Dead Set“ sogar über Romero hinaus auf Marco Ferretis Klassiker „Das große Fressen“ (1973), wo ein bourgeoiser Haufen enttäuschter Seelen sich zu Tode konsumieren will. Der Trick des kapitalistischen Systems ist die Erfindung eines Mangels, einer nicht zu erreichenden Begierde, die es durch Konsum aufzufüllen gilt – und dieser Konsum ist grenzenlos.

Die verschwimmende Grenze zwischen freiwilligem untot anmutenden Gebaren und der späteren tatsächlichen Mordlust ist aber nur der erste Aspekt, auf den es Charlie Booker ankommt, denn „Dead Set“ ist mehr als nur die Bloßstellung der Zielgruppe des sogenannten Unterschichtenfernsehens: Wenn Produzent Patrick den Untoten mit derselben misanthropischen Wortgewalt die Pest an den Hals wünscht, mit der er zuvor seine Mitarbeiter erniedrigt und beleidigt hat, dann offenbart uns die aufkommende Empathie, die wir Zuschauer für ihn haben, den seidenen Faden, an dem unser Wertesystem hängt. Der plötzliche Ausbruch des Virus löscht jede soziokulturelle Vielfalt aus und hinterlässt einen dualistischen, sozialdarwinistischen Blick auf die Zukunft, der uns Lebende gegen die Untoten stellt. Für jemanden wie Patrick, der seit jeher nach Kriegsrecht lebt, ist es deshalb auch am einfachsten, sich auf die neue Situation einzustellen.

Hier wird eine politische Dimension schmerzhaft spürbar: Der Grad zwischen Altruismus und tierischem Selbsterhaltungstrieb, auf dem wir tänzeln, ist schmal. Worauf Brooker hinaus will, ist die Erkenntnis, dass wir nicht nur die leer starrenden Untoten vor und auf den Bildschirmen sind, sondern dass wir uns freiwillig in diese ausweglose Situation bringen, indem wir diese Art Fernsehen produzieren. Trotz des nicht mehr ganz so aktuellen Bezugs bleibt dieses Kleinod der Zombie-Filmgeschichte ein Highlight des Genres und ein rasantes und kluges Fernseherlebnis. (aus torrent 1/2013)

GB 2008 B.: Charlie Brooker; P.: C. Brooker, Angie Daniell; R.: Yann Demange. Mit: Jaime Winstone, Andy Nyman, Riz Ahmed u.a. DVD/BluRay bei Sony: 143 Min. T.: Englisch/Deutsch; UT: Deutsch; Extras: Entfallene Szenen, Interviews, Feature über die Special Effects, Begehung des BB-Hauses u.a., ca. 19 €

Ab dem 22. September sonntags um 21 Uhr auf RTL Crime.

Denis Kundic ist Autor und Regisseur für Film, Funk und Theater. Zudem betreut er die Internetseite Drehbuchcourier über das Schreiben für bewegte Bilder.

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