Two and an ambitious mini-series

Ist die deutsche Serienlandschaft so entwicklungsbedürftig, dass sie erfolgreicher mit Plagiaten fährt als mit originären Ideen? Oder können es die Programmverantwortlichen den Kritikern ohnehin nicht Recht machen? Brauchen wir wirklich ein „Breaking Bad auf deutsch“?

Ein Kommentar von Jens Mayer

Werden sie bald von Jürgen Vogel und Sascha Hehn gespielt? Jesse und Walter in „Breaking Bad“; Foto: Sony TV

Man könne im nächsten Jahr mit zwei ZDF-eigenen Sitcoms rechnen, meinte Programmchef Norbert Himmler vor kurzem in einem häufig zitierten Interview mit der FAZ. Damit scheint der ehemalige Leiter der ZDF_neo-Planungsredaktion eine Direktive weiter zu führen, die sein Vorgänger, der heutige Intendant, Thomas Bellut, bereits vor zwei Jahren ausgegeben hatte, als er meinte: „So etwas wie Two And A Half Men muss auch in Deutschland möglich sein.“

Größeres Aufsehen erregte aber Himmlers Ankündigung, man wolle „Breaking Bad auf deutsch“ machen, die mit deutlich mehr Spott und Häme statt begeisternden „Endlich!“-Rufen aufgenommen wurde. Aber warum eigentlich – plant das ZDF nicht genau das zu machen, wonach sich Feuilleton und Serienfans hierzulande seit Jahren sehnen?

Es mag daran liegen, dass sich das ZDF damit vollmundig ausgerechnet ein Vorbild ausgesucht hat, das aktuell als das absolute Aushängeschild der gegenwärtigen „US-Qualitätsserien“ gilt. Zudem noch, ohne in den vergangenen Jahren selbst auch nur ansatzweise etwas ähnlich Originelles und erzählerisch Erstklassiges auf die Beine gestellt zu haben. Wahrscheinlich würde Himmler diese Kritik mit den Erfolgen von Das Adlon (Downton Abbey auf deutsch) und Unsere Mütter, Unsere Väter (Band Of Brothers auf deutsch) kontern und sich – nicht zuletzt dank des großen Zuschauer- und Medienzuspruchs – einigermaßen unantastbar fühlen. Wer da moniert, dass die beiden Dreiteiler in punkto Narration und Inszenierung im Vergleich zum von HBO und BBC gesetzten internationalem Standard bestenfalls Mittelmaß seien, gilt als ewiger Miesmacher, dem man es nie recht machen werden kann.

Also anders.

Charakteristisches Eigenleben statt Doppelgängerausgabe

Erinnern sie sich noch an den „deutschen Bruce Willis“? Ob es für Heino Ferchs Karriere hilfreich war, in den 1990ern von den Medien dieses Attribut verliehen bekommen zu haben, ist sicher diskussionswürdig. Die Auszeichnung, die deutsche „Doppelgängerausgabe“ eines US-Stars zu sein, hat Tradition: „Der deutsche Quentin Tarantino“, „Der deutsche Johnny Cash“, „Die deutsche Britney Spears“ usw.

In den meisten Fällen wirkt diese Bezeichnung wie ein künstlerisches Todesurteil, und hat selbstverständlich außerhalb Deutschlands keinerlei Relevanz. Warum sollte man denn auch eine „deutsche Ausgabe“ brauchen, wenn es doch schon ein universell einsetzbares Original gibt?

Vielmehr hat diese Attitüde immer etwas provinziell Bemühtes („Wir-können-das-aber-auch“) und zeugt davon, den Kern des Erfolgs missverstanden zu haben, nämlich eine eigene Identität zu entwickeln. National und international erfolgreiche Künstler aus Deutschland, seien sie im Musik- oder Filmgeschäft tätig, kamen und kommen ohne diesen unsäglichen Zusatz bestens zurecht. Oder wer sind die internationalen Pendants von Tom Tykwer, Franka Potente und Rammstein? Brauchen Till Schweiger oder Dominik Graf solche Beinamen, um hierzulande Millionen zu begeistern?

Das soll nicht heißen, dass man erfolgreiche Formate nicht ebenso erfolgreich für den eigenen Fernsehmarkt adaptieren kann. Im Showbereich ist das schließlich gang und gäbe. Interessant ist aber auch, dass gelungene und beständige Serien-Adaptionen wie Stromberg (das deutsche The Office), Pastewka (das deutsche Curb Your Enthusiasm) oder die Lindenstraße (die deutsche Coronation Street) eben nicht offensiv mit den entsprechenden Vergleichen beworben wurden und von Anfang an ein sehr charakteristisches Eigenleben entwickelt haben. Hier hatten die Macher nämlich verstanden, worin das Prinzip ihrer Vorbilder liegt, dann aber nach ihren eigenen originären Stärken gesucht und sie auch gefunden.

Heuschnupfenkranker Kommissar

Natürlich ist es nicht nur unfair, sondern auch unseriös, bereits im Vorfeld davon auszugehen, dass die angekündigten neuen Produktionen des ZDF scheitern werden. Vielmehr hoffe ich sogar aus tiefstem Herzen, dass man dort aus Fehlern gelernt und bei Erfolgsgeschichten aufgepasst hat, so dass es irgendwann weder fragwürdiger Vergleiche noch des Attributs „anspruchsvoll“ bedarf, um neue fiktionale Produktionen anzukündigen.

Ich zitiere immer wieder gerne die frustrierte Aussage des Autors Orkun Ertener (KDD, Die Chefin), der spekulierte, der Versuch einer deutschen Breaking Bad-Version ende unweigerlich mit den Abenteuern eines heuschnupfenkranken Kommissars. Ertener war in den vergangenen Jahren überwiegend für das ZDF tätig und hatte sich im Jahr 2012 eine kreative Auszeit gegönnt. Sicher hatten auch die Verantwortlichen seines Senders zuvor das Interview gelesen, in dem dieser Satz fiel. Wäre es nicht eine smarte Idee, ausgerechnet ihn mit der Umsetzung von „Breaking Bad auf deutsch“ zu beauftragen und ihm dabei jegliche kreative Freiheit zu lassen, bevor das Unternehmen auf „Dr. Specht on Viagra“ hinausläuft?

Link-Empfehlungen:

Klaus Raab hat schon mal spekuliert, wie die Entwicklungsarbeit der neuen anspruchsvollen ZDF-Serie aussehen könnte und liefert beim „Freitag“ jetzt schon das Making-Of.

Das Schweizer Fernsehen nimmt sich die dänische Serienproduktion zum Vorbild.

7 comments

  1. Ich finde, man kann nur hoffen, dass das Gerede von einem „deutschen Breaking Bad“ nur metaphorisch gemeint war. Welchen Sinn hätte es, dieses oder ein ähnliches Setting jetzt auf eine deutsche Serie zu übertragen? Besser als das Original kann es ohnehin nicht werden. Es muss wirklich was Originäres und Originelles her und kein plumper Ideenklau.

    Vielleicht aber bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen und das ZDF schickt, nachdem alle Gremien, Räte und Fiction-Redaktionen unter Ausschluss des Gesamtpublikums einen rentneraffinen Minimalkonsens zur bestmöglichen Lösung erhoben haben, eine Best-Ager-Waldorf-Hauswirtschaftslehrerin ins Rennen, die durch dem massenhaften Verkauf von selbstgebackenen Haschplätzchen im Schwarzwald die Delphintherapie für ihre taubstumme, von epileptischen Anfällen gepeinigte Nichte finanzieren will. Hauptsache es menschelt.

  2. Ich denke, es ist falsch, diese Aussage, ein „deutsches Breaking Bad“ zu machen, zu wörtlich zu interpretieren: es kann hier nicht darum gehen, eine deutsche Adaption von „Breaking Bad“ zu machen. Das hat Himmler sicherlich nicht so gemeint, insofern verstehe ich auch den Spott nicht, der hier über ihn ausgeschüttet wird. Das Vorhaben, eine horizontal erzählte Serie nach dem Vorbild der viel gelobten amerikanischen „Qualitätsserien“ à la „Breaking Bad“ zu entwickeln, finde ich absolut lobenswert.

    Schon von vornherein zu unken, dass das nichts werden wird, ist billig und kleinmütig. Freuen wir uns doch lieber, dass beim ZDF offenbar der Wille da ist, die überkommenen Erzählschemata der deutschen Serie zu erneuern. Ob das was wird oder nicht, sollten wir beurteilen, wenn wir das Ergebnis gesehen haben.

    1. Grundsätzlich richtig und ich hatte Himmler auch so verstanden wie du. Es ist halt nur nicht besonders geschickt, beim quasi ersten Versuch in modernem Erzählen gleich die bei Fans derzeit beliebteste US-Serie als Vorbild zu nennen. Eine Nummer kleiner hätte es sicher auch getan und da braucht man sich über den Spott nicht zu wundern. Ich werde aber, sollte da tatsächlich was Gutes rauskommen, sicher einer der Ersten sein, der allen diese Serie empfiehlt (mache ich bei KDD auch schon seit Jahren).
      Marcus

    2. Natürlich wird es keine deutsche Adaption von „Breaking Bad“ geben, da bin auch ich mir ziemlich sicher. Es geht doch eher um die gewählten Vergleiche, dieses ständige „eindeutschen“ gerade angesagter Formate. Selbst wenn diese Vorbilder nur als „Inspiration“ dienen ist das m.E. bereits ein zwiespältiger kreativer Ansatz. Restliche Kritik am Text („billig“, „kleinmütig“) nehme ich an, obwohl ich – wie im letzten Absatz nachzulesen ist – auf das Ergebnis gespannt bin und Abbitte leiten werde wenn es die Befürchtungen Lügen straft. Schließlich wollen wir doch wahrscheinlich alle einfach nur das Gleiche: Mitreißende Geschichten, die in unserer Lebenswelt verankert sind bzw. die uns etwas über uns und das Leben erzählen.

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