Die makabere Schönheit eines Axtmords: die „Verbrechen“ des Ferdinand von Schirach

Die Kurzgeschichten des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, veröffentlicht in den Büchern „Verbrechen“ (2009) und „Schuld“ (2010), galten bislang vor allem wegen ihrer lakonischen Sprache als visuell schwer umsetzbar. So äußerte der Autor selbst seine Skepsis, als das ZDF vor einiger Zeit eine Miniserie auf Basis von „Verbrechen“ ankündigte. Nach ihrer TV-Premiere im April sind die sechs Episoden nun auf DVD erschienen.

Von Alexander Kords

Prominente Besetzung: Edgar Selge als Mörder; Foto: ZDF/Studio Hamburg

Bekanntermaßen werden die Standards für Serien vornehmlich von US-Produktionen gesetzt. Daher verwundert es auch nicht, dass neuere deutsche Serien gerne mit denen aus den USA verglichen werden. So hat der vom ZDF produzierte Weltkriegs-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Ähnlichkeiten mit der HBO-Serie „Band of Brothers“, und „Lerchenberg“, der Blick hinter die ZDF-Kulissen, orientiert sich zumindest in Sachen Setting an NBCs „30 Rock“. Demgemäß müsste man „Verbrechen“ in die Riege von Kriminaldramen wie „CSI“ oder „Bones“ aufnehmen – mit einem entscheidenden Unterschied: „Verbrechen“ verzichtet weitgehend auf die Ermittlungen von Polizei und Kriminologen und begleitet vielmehr die Täter unmittelbar beim Begehen ihres Unrechts. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) geht das Konzept grandios auf.

Doch der Reihe nach: Die sechsteilige ZDF-Serie „Verbrechen“ basiert auf der gleichnamigen Sammlung von Stories des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, die sich ab August 2009 mehr als ein Jahr in der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Von Schirach beschreibt darin Fälle, die sich in seiner Berliner Kanzlei zugetragen haben. Aus verständlichen Gründen ist er dabei darauf bedacht, die Identität der handelnden Personen so weit wie möglich zu verbergen. Dies tut er unter anderem durch eine pragmatische Sprache, die das Geschehen nur grob skizziert und auf großflächige Gemälde verzichtet. Im Vorfeld stellte sich dann die Frage, ob eine derart verdichtete, oft nur auf einem guten Dutzend Seiten untergebrachte Handlung den Atem für 45 Minuten Fernsehunterhaltung besitzt.

Der Produzent Oliver Berben („Rosa Roth“) wählte für die Verfilmung sieben der Storys aus dem Buch aus (die Folge „Notwehr“ nimmt sich als einzige gleich zweier Kurzgeschichten an) und überließ die Dramaturgie den Drehbuchschreibern André Georgi, Nina Grosse und Jobst Christian Oetzmann. Bei den von ihm geschriebenen Folgen übernahm Oetzmann selbst die Inszenierung, bei den übrigen saß der in Deutschland lebende Finne Hannu Salonen auf dem Regiestuhl. Für die Darstellung konnten diverse namhafte Schauspieler wie Edgar Selge, Dennis Moschitto, Jan Fedder und Katja Flint sowie der US-Amerikaner Tomas Arana („Gladiator“, „Derailed“) gewonnen werden.

Inhaltlich decken die „Verbrechen“ ein breites Spektrum ab: von der einfühlsamen Episode „Fähner“, einem Bericht über eine Ehe, die fast schon zwangsläufig in einen Mord gipfelt, über „Der Igel“, einer launigen Verwechslungs- und Verschleierungskomödie, bis hin zum mysteriösen Fall „Notwehr“, in dem ein identitätsloser Mann zwei Nazis mit zwei präzisen Schlägen tötet. Obwohl die einzelnen Episoden unabhängig voneinander funktionieren, sind sie durch zwei Gemeinsamkeiten miteinander verbunden: Zum einen taucht Josef Bierbichler, der Darsteller des Anwalts Friedrich Leonhardt, als einziger Schauspieler in sämtlichen Folgen auf. Und zum anderen ist die Optik durchgehend bestechend schön. Satte Farben, schnelle Schnitte, ungewöhnliche Kamerafahrten und Bildmontagen, kurze Sequenzen, in denen sich verwendete Gegenstände wie Messer und Schlagstöcke schwebend um sich selbst drehen – derlei ästhetische Stilmittel sieht man in einer deutschen Produktion selten.

Auch die Erzählweise ist ungewöhnlich und frisch, das genaue Gegenteil zur Behäbigkeit einer durchschnittlichen „Tatort“-Episode. „Verbrechen“ springt sofort in die Handlung hinein und verschwendet keine Zeit mit der Einführung der Figuren; nötige Informationen werden beiläufig in Textform eingeblendet. Erst wenn Anwalt Leonhardt die Bildfläche betritt, langsam seinen schwarzen Hut mit der großen Krempe absetzt und seinen Mandanten Fragen stellt, wird dem Zuschauer Raum gegeben, Luft zu holen und über das Erlebte nachzudenken. Und das ist einiges, denn „Verbrechen“ spart nicht an Gewalt, Sex und verstörenden Szenen. Aber dank der visuellen Umsetzung erhält selbst ein brutaler Axtmord oder ein herausgeschnittener Augapfel eine makabere Schönheit.

Angesichts so hoher Produktionswerte wäre eine zweite Staffel dringend zu wünschen. Und die Chancen stehen gut, schließlich hat Oliver Berben auch die Rechte am „Verbrechen“-Nachfolger „Schuld“ erworben.

D 2013 R.: Jobst Christian Oetzmann, Hannu Salonen; B.: André Georgi, Nina Grosse und Jobst Christian Oetzmann. 270 Min. T.: Deutsch. Extras: Making-Ofs, Interview mit von Schirach, Musikvideo, Booklet. Label: Studio Hamburg. DVD/BluRay, ca. 16 €

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