Die Bretter, die mehr bedeuten: „Slings & Arrows“, eine Liebeserklärung an das Theater

Auftritt Geist: Der tote Oliver (Stephen Ouimette) erscheint regelmäßig seinem Freund und Nachfolger Geoffrey (Paul Gross)

Die wunderbare kanadische TV-Serie „Slings & Arrows“ (2003-2006) beginnt mit dem Gegenüberstellen zweier Theater, die zugleich zwei diametral entgegengesetze Welten verkörpern: Auf der einen Seite das „Theatre sans argent“ des künstlerischen Derwischs Geoffrey Tennant (Paul Gross), dessen avancierte Aufführungen immer vor leeren Rängen stattfinden, weswegen der Vermieter nun einen Räumungsbescheid an die Pforte hängt. Auf der anderen Seite das Event-Theater des New Burbage Festival of Shakespearean Theatre, kulturell-kommerzielles Highlight der beschaulichen Kleinstadt, inklusive Geschenkshop und Posaunisten, die in zeitgenössischen Kostümen zum Einnehmen der Plätze blasen. Dessen Spielleiter Oliver Welles (Stephen Ouimette) hat sich schon seit Jahren mit dem künstlerischen Ausverkauf seines Hauses abgefunden und dem Alkohol hingegeben, während er besseren Zeiten hinterhertrauert. Namentlich denen, als Geoffrey noch sein bester Freund und Schauspieler war, bis der, während er als gefeierter Hamlet auf der Bühne stand, seinen Verstand verlor und während der Vorstellung auf nimmer Wiedersehen verschwand. Gerade, als Oliver sich mit Geoffrey versöhnen will, wird er volltrunken von einem LKW überfahren. Und erscheint seinem alten Freund und Rivalen künftig in den unpassendsten Momenten als Geist, während der als (Interims-)Intendant nach sieben Jahren an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt.

Allein die Prämisse, dass der Held der Serie gerade in der Rolle des dänischen Prinzen dem Wahnsinn verfiel, ist schon ein herrlicher Theaterwitz, und von solchen wimmelt es in der Serie nur so. In der ersten Staffel, die mit ihren sechs Teilen und der im Grunde danach abgeschlossenen Handllung deutlich als Miniserie angelegt war, beziehen sich diese naturgemäß überwiegend auf „Hamlet“, denn ausgerechnet den soll Geoffrey nun in New Burbage inszenieren. So begegnen uns in der zweiten Folge zwei (echte) verschrobene Bestatter (nein, nicht Totengräber) und Olivers ausgefallener letzter Wunsch hat zur Folge, dass für den Schädel-Monolog kein Requisiteur aktiv werden muss. Vor allem ist „Slings & Arrows“ (auch der Titel ist ein, nicht ganz so berühmtes „Hamlet“-Zitat, aus dem umso berühmteren „To be or not to be“-Monolog) aber eine Liebeserklärung an das Theater, an seine Magie und an die mehr oder weniger verrückten Menschen, die es zu ihrem Beruf erkoren haben. Dabei ist es das große Verdienst der Autoren, dass ihre Figuren, die Schauspieler und Regisseure, nie klischeehaft erscheinen, obwohl sie sämtliche Stereotypen verkörpern, die es über diese Berufsgruppen gibt. Aber immer wenn man denkt, man könnte ihr Verhalten voraussehen, handeln sie eben doch wieder ganz anders.

Neben dem zwischen manischer Outriertheit und ständigen Selbstzweifeln pendelnden Geoffrey und dem höflich-sarkastischen Geist Oliver ist da noch die Diva Ellen (Martha Burns), Geoffreys einstige große Liebe, die inzwischen altersbedingt vom Ophelia- ins Gertrude-Fach wechseln musste, der bürokratische Geschäftsführer Richard (Mark McKinney), der eher an Bilanzen als an hehrer Kunst interessiert ist, sowie in der ersten Staffel das „Traumpaar“ Kate (Rachel McAdams) und Jack (Luke Kirby), die in der Inszenierung als Hamlet und Ophelia auf der Bühne stehen und sich auch nach Probenschluss näher kommen. Während erstere überhaupt noch nie in einem professionellen Stück spielte, hat letzterer ebenfalls keinerlei Theatererfahrung, ist aber ein Star des Actionkinos, der seine Chance nutzen will, auch künstlerisch endlich ernst genommen zu werden. Geoffrey muss sich also nicht nur mit seinen inneren Dämonen und (teils allzu wörtlich) den Geistern der Vergangenheit herumschlagen, sondern auch mit einem Cast, der zwischen Unerfahrenheit, Eitelkeiten und Selbstüberschätzung gefangen scheint.

„Slings & Arrows“ ist zunächst einmal einfach sehr witzig, voller brillanter Dialoge, auf die die meisten Bühnenautoren zu Recht sehr stolz wären. Darüber hinaus ist es aber auch beseelt von einer Warmherzigkeit und Lebensweisheit, die man nicht oft in Fernsehserien findet. Getragen wird all das von einem hervorragenden Ensemble, angeführt vom grandiosen Paul Gross, dem man in jedem Moment abnimmt, dass er als Hamlet gefeiert wurde. Aber auch alle anderen Schauspieler bekommen Gelegenheit zu glänzen, auch jene, die man sonst vielleicht eher auf ihre jungen, schönen Gesichter reduziert, wie Rachel McAdams und den – zurzeit in Sarah Polleys wunderbarem „Take This Waltz“ in den Kinos zu sehenden – Luke Kirby. Und nicht zuletzt ist die Serie natürlich auch eine Feier Shakespeares, der Kunst seiner Worte und der Tiefe seiner Einblicke in die menschliche Seele. Die Welt ist eben doch eine Bühne und wir alle spielen darin nur unsere Rollen, aber diejenigen, die das professionell tun, erleben dabei dann meist wohl doch mehr Leidenschaft als die meisten von uns.

4 comments

  1. Hallo,
    gibt es die DVDs auch als region 2?
    Wenn ich nichts übersehen habe, bieten z.B. amazon.de /-.co.uk /-.com diese nur als Region 1 an, und da ich meist am PC Serien schaue, müßte ich mein internes DVD-Laufwerk patchen bzw. auf region 0 setzen.

    Danke.

  2. Hi,
    soweit mir bekannt ist gibts Slings and Arrows leider nicht als Region 2-DVD. Von daher muss man leider mit dem Import vor sich nehmen. Sie ist halt ein Geheimtipp. Noch.
    Und Marcus wird sich wundern, denn die zweite und dritte Staffel ist alles andere als eine bemühte Fortsetzung des Ganzen. Vor allem die dritte ist nochmal eine Klasse für sich.
    Ad Astra

  3. Das ist eigentlich kein Problem bei einem Stand-alone player/recorder: im Netz nach seinem Modell suchen + keyword „code free“ oder „region 0“ etc.
    Diese Geräte kann man, sofern ein Code verfügbar, über die DVD/BR-Fernsteuerung einrichten, indem man in verborgenene Menüs geleitet wird: e.g. Taste x, Taste y, 01325 – Region 0 auswählen.

    Bei internen, im PC verbauten Playern geht das aber m. W. nur über ein Überspielen der Firmware und ggf. dem Einsatz von Zusatzsoftware, die den Player dann „überlisten“. Abgesehen vom Verlust der Garantie kann es auch passieren, daß im schlimmsten Fall der player inoperabel wird!

    Reine Softwarelösungen gibt es natürlich auch: http://www.slysoft.com/en/anydvd.html – gegen Entgelt im Abo!

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