Festival Großes Fernsehen: Flics ohne Chic

Zurzeit läuft in Köln wieder das Festival Großes Fernsehen. Vom 27. Februar bis zum 3. März präsentiert die Landesmedienanstalt NRW aktuelle internationale TV-Produktionen auf der Kinoleinwand. Am Freitag eröffneten zwei Thriller aus Frankreich um Cops und ihren Kampf gegen Vorgesetzte das Tagesprogramm: der Fernsehfilm „Manipulations“ und die Pilotfolge von „Braquo“. Was ist von den Polizeigeschichten aus unserem Nachbarland zu halten?

Allein gegen den Staatsapparat: Frank Barrot (Lambert Wilson) in „Manipulations“; Foto: Jéromè Prébois/Breakout Films

Der Rezensent freut sich, da er nur über miserable Französisch-Kenntnisse verfügt, immer, wenn er die Gelegenheit hat, einmal TV-Produktionen aus diesem Land sehen zu können, die in einer Sprache untertitelt sind, die er besser beherrscht. Denn nur selten schaffen es Serien und Fernsehfilme aus Frankreich in die deutschen TV-Programme oder DVD-Regale. In Köln wurden beide Beiträge mit englischen Untertiteln präsentiert, was es einem größeren Publikum ermöglichte, der Handlung zu folgen. Bei dem 90-Minüter „Manipulations“ von Laurent Herbiet ist das mit dem Folgen allerdings auch dann nicht so einfach, wenn man sprachlich keine Probleme hat. Das beginnt mit den fremden Abkürzungen für irgendwelche Polizei- und Armeeeinheiten, die man nicht auf Anhieb zuordnen kann, und setzt sich fort bei der insgesamt etwas verworrenen Handlung.

Die Präsidentschaftswahlen stehen an und ausgerechnet jetzt erpresst eine terroristische Gruppe von Globalisierungsgegnern die Regierung mit einer Reihe von Bomben auf Gleisen der Bahngesellschaft. Der Polizeikommissar Frank Barrot (Lambert Wilson), der kurz zuvor für eine misslungene Geiselbefreiung verantwortlich war, wird mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt. Barrot hat beste Beziehungen zur politischen Elite des Landes, ist er doch mit der Tochter eines Regierungsmitglieds verheiratet. Der neue Stabschef des Präsidenten ist zudem der Patenonkel seiner Tochter. Doch kurz nach Eingang der Bombendrohung begeht sein Schwiegervater völlig überraschend Suizid und auch sonst kommt ihm bald einiges verdächtig vor. Welche Rolle spielt etwa die junge Elitesoldatin, die er vom Elysée-Palast direkt zur Seite gestellt bekommt, und die einen der Erpresser überstürzt erschießt, bevor er verhört werden kann? Barrot, dessen Ehe sich ohnehin ihrem Ende zu nähern scheint, nutzt seinen Charme, um dieser Philippine Maklouf (Sabrina Ouazani) näher kommen und sie ausspionieren zu können. Je mehr er erfährt, desto deutlicher geraten hochrangige Staatsvertreter in den Kreis der Verdächtigen und bald ist auch Barrots eigene Familie nicht mehr sicher.

Herbiet und seine Drehbuchautoren Jacques Labib und Philippe Madral machen das ganz große Fass auf. In der Tradition von Filmen wie „Die drei Tage des Condors“ und Serien wie „Rubicon“ erkennt der ermittelnde Beamte nach und nach, dass die Männer, für die er arbeitet und die den Staat verkörpern, die eigentlichen Feinde sind. Leider erschöpft sich die Handlung überwiegend in einer Aneinanderreihung von Dialogen, die viel zu selten durch kurze Aktionsszenen unterbrochen werden. Um eine spannende Atmosphäre alleine über den Dialog aufzubauen, reichen die Mittel der Filmemacher aber leider nicht. So verliert man trotz durchweg sehr guter Schauspieler (Hauptdarsteller Lambert Wilson kennt man aus Filmen von Alain Resnais wie „Coeurs“, aber auch aus US-Genreproduktionen wie „Catwoman“ oder den „Matrix“-Filmen) schrittweise das Interesse. Zumal das Ganze viel zu konventionell inszeniert ist. Ein Zeitraffer hier und da und eine Kameraeinstellung aus den zerbrochenen Fenstern einer stillgelegten Fabrik reichen halt nicht, um aus den allzu vertrauten Fernsehspielbildern auszubrechen. Zudem ist die Verschwörung, die am Ende aufgedeckt wird, einfach ein paar Nummern zu groß, um noch glaubwürdig zu sein. Natürlich ist die Regierung skrupellos und geht nicht nur über irgendwelche Leichen, sondern sogar über die von Freunden. Und wofür das alles? Um die Wahl zu gewinnen – ist klar. Da haben andere TV-Produktionen – etwa die schon erwähnte, leider viel zu früh abgesetzte AMC-Serie „Rubicon“ – schon wesentlich besser motivierte Szenarien mit Politikerbeteiligung entworfen.

Zwischendurch ertappt man sich manchmal bei dem Gedanken, dass das deutsche Fernsehen vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie immer wieder diskutiert wird. Was hätte wohl ein Dominik Graf aus einem solchen Stoff gemacht? Bei ihm hätten zumindest nicht alle Beamten auch im größten Eifer des Gefechts immer schön brav einer nach dem anderen gesprochen wie in „Manipulations“. Realismus sieht anders aus, das kann jeder feststellen, der sich mal auf einen Pausenhof, Uni-Campus oder in die Kantine einer beliebigen Firma stellt, wo eben alle durcheinander reden und sich gegenseitig unterbrechen (in Grafs „Die Sieger“ kann man bewundern, wie man solche Kommunikationssituationen bei Lösegelderpressungen richtig in Szene setzt).

Großer Schweiger in Lederjacke: Jean-Hugues Anglade als Eddy Caplan in „Braquo“; Foto: Tibo & Anouchka/Capa Drama/Canal+

Ähnlich realitätsfern wirkte der zweite französische Festivalbeitrag des Abends. Die achtteilige erste Staffel der Canal+-Serie „Braquo“ von Autor und Regisseur Olivier Marchal lief in Frankreich bereits vor 3 1/2 Jahren, auch die Ausstrahlung der zweiten liegt schon mehr als ein Jahr zurück. Warum die Kölner die erste Folge der Serie nun als neue Produktion verkauften, ist mir nicht klar. Canal+ vergleichen Kenner des französischen Fernsehmarktes gerne mit HBO, da der Pay-TV-Kanal ebenso gewagte wie aufwändige Serien in Auftrag geben soll. Bei „Braquo“ war das aber nicht zu merken, das Produktionsdesign wirkte reichlich billig, auch wenn der dreckige Look mit abblätternden Fassaden wohl beabsichtigt war. Trotzdem: Es reicht nicht, ein paar Polizeiwagen in einer schmutzigen Parkhalle abzustellen, damit die Illusion entsteht, das sei die Garage des Polizeipräsidiums.

Die Episode „Max“ beginnt mit einer Klischeesituation, die man so schon Dutzende Male in Thrillern gesehen hat: Ein Kriminalbeamter verhört einen Tatverdächtigen (der eine schwangere Frau vergewaltigt und getötet haben soll) mit harten Methoden, bis das Blut fließt. Darauf folgt eine Szene, in der seine Kollegen einen Mann bei einem bizarr wirkenden Sexualakt hochnehmen: Er lässt sich gerade, bekleidet fast nur mit einem Lederhalsband, von einer Domina zurechtweisen. Ist also in den ersten Minuten schon mal alles drin, Gewalt, Sex und so weiter. Leider bleiben die Männer der Spezialeinheit, deren Anführer immerhin von Jean-Huges Anglade gespielt wird, im Verlauf dieser ersten Folge völlig farblos. Sie sind loyal zueinander, verlieren nicht viele Worte und feiern gerne mal ausgelassen am Feierabend. Außerdem hat einer ein Drogenproblem und ein anderer offenbar eine alkoholkranke Frau. Anglade, der wohl für die meisten Kinogänger immer der Geliebte von „Betty Blue“ bleiben wird, trägt am liebsten Sonnenbrille und Lederjacke. So weit die Klischees. Nach zehn Minuten ist Max, dem von der Internen Ermittlungsabteilung Folter während des Verhörs und zudem Korruption vorgeworfen wird, tot, und seine ehemaligen Kollegen versuchen, natürlich auf eigene Faust, seinen Ruf posthum wiederherzustellen.

Wie das vonstatten geht, erfuhren die Kölner Zuschauer allerdings nicht mehr, da mittendrin schon der Abspann kam. Zum Weitergucken lud diese zu 08/15 wirkende Cop-Show zwar nicht gerade ein, ohne Französichkenntnisse hätte man dazu aber ohnehin keine Gelegenheit. Wie sinnvoll die isolierte Aufführung dieser Folge ist, die ungefähr so wirkte, als habe man sich die vierte Episode von „Im Angesicht des Verbrechens“ angeschaut, ohne die drei davor und die sechs danach, kann jeder für sich selbst beantworten. Mag durchaus sein, dass die Serie im weiteren Verlauf an Originalität und Sogwirkung gewinnt, das ließ sich aber bei dieser Aufführungspraxis ebensowenig beurteilen, wie wenn man die ersten 20 Minuten eines 150-Minuten-Films gesehen hätte.

Die Franzosen kochen also auch nur mit Wasser und verstehen sich anscheinend doch nicht so gut auf ihre Zutaten wie die TV-Macher aus englischsprachigen Ländern. Das war das generelle Fazit, das der Rezensent nach diesem Abend für sich zog. Denn zum Abschluss folgte noch der Auftakt der britischen Miniserie „Secret State“, in der es wie in „Manipulations“ um eine Verschwörung bis in die höchsten Kreise des Staates geht. Und was war das für ein Unterschied! Ungefähr so, als würde man nach dem „Tatort“ auf „Homeland“ umschalten. So muss man einen Politthriller erzählen und inszenieren! Aber dazu in den nächsten Tagen mehr an dieser Stelle.

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