Gewalt und Zivilisierung: „Hell on Wheels“ startet bei TNT Serie

AMC hat 2011 endlich wieder eine Westernserie ins US-Fernsehen gebracht: „Hell on Wheels“ erzählt von der Erschließung des Kontinents durch den Eisenbahnbau und dem schwierigen Erbe des amerikanischen Bürgerkriegs. Am Mittwoch (30. Januar) beginnt die Ausstrahlung im deutschen Pay-TV.

Ex-Sklavenhändler und Ex-Sklave treffen sich beim Bau der Eisenbahn: Cullen Bohannon (Anson Mount) und Elam Ferguson (Common); Foto: Endemol Worldwide Distribution

Die erste Szene gibt den Ton vor: Ein Mann legt in einer Kirche die Beichte ab, aber sein Gegenüber auf der anderen Seite des Beichtstuhls ist kein Mann Gottes. Dieser Cullen Bohannon hat eine ganz andere, unchristliche Mission: Rache. Rache an den Männern, die im amerikanischen Bürgerkrieg seine Frau getötet haben. Nachdem der Gläubige ihm eine Spur geliefert hat, erschießt Bohannon ihn kurzerhand. Die Spur führt den ehemaligen Südstaaten-Soldaten – wir befinden uns kurz nach Kriegsende – nach Hell on Wheels, einer Zeltstadt, die die Baustelle der transkontinentalen Eisenbahnlinie der Union Pacific begleitet.

Selten genug startet in den USA eine neue Westernserie, umso größer war die Vorfreude auf das Ende 2011 auf Sendung gegangene „Hell on Wheels“ des seit einigen Jahren für seine anspruchsvollen Eigenproduktionen bekannten Kabelsenders AMC. Und die Auftaktfolge fiel durchaus viel versprechend aus. Die folgenden Episoden konnten jedoch dieses Versprechen nicht wirklich einlösen.

Von der technischen Seite her ist die Show fast perfekt. Set Design und Kostüme wirken authentisch und detailverliebt, als Zuschauer kann man den Schlamm unter den Stiefeln förmlich spüren. Die Landschaftsbilder sind beeindruckend, erinnern eher an zeitgenössische Kinowestern wie „Erbarmungslos“ oder „True Grit“ als an Genreserien früherer Zeiten. Da „Hell on Wheels“ anders als die meisten US-amerikanischen Kabelserien, anders auch als die besten AMC-Shows wie „Mad Men“ oder „Rubicon“, nicht überwiegend in Innenräumen spielt, wirkt die ganze Inszenierung sehr filmisch, fast schon wie in Cinemascope. Was dem Genre durchaus angemessen ist, denn was wären die klassischen Westernerzählungen ohne die unendliche Weite der Wüste oder das Leuchten des Himmels?

Auch inhaltlich erfinden die Serienschöpfer Joe und Tony Gayton den Western nicht neu. Ihre Erzählung ist aus allerlei hinlänglich bekannten Versatzstücken zusammengezimmert, was zunächst einmal nicht schlecht sein muss. Ist doch der Western wahrscheinlich das Genre mit den meisten archetypischen Figuren und Topoi. So stoßen wir bereits im Piloten auf hilflos-naive Siedler, todbringende “wilde” Indianer, den Widerstreit zwischen Zivilisationsbemühungen und Sündenpfuhl und natürlich reichlich Männer mit dunklen Geheimnissen. Das mag alles nicht originell sein, bietet aber genügend Stoff, um zu einer packenden Geschichte ausgebaut zu werden. Für das Fortschreiten der Zivilisation steht zunächst einmal der Bau der Eisenbahn selbst, aber auch die Versuche, die vormaligen Bürgerkriegsparteien zu versöhnen, auf der gewaltsamen Vergangenheit eine gemeinsame friedliche Nation aufzubauen. Dass die gleich wieder den nächsten blutigen Krieg anzettelt, diesmal gegen die Ureinwohner, durch deren Gebiete die Bahnstrecken gebaut werden sollen, ist fast schon eine Ironie der Geschichte.

Die Geister der Vergangenheit

Cullen Bohannon, die Figur, die im Mittelpunkt der Handlung steht, trägt den Kampf zwischen Gewalt und Zivilisierung quasi in sich selbst aus. Einerseits ist er ein Mann der Vergangenheit, selbst ehemaliger Sklavenhalter, der auf der Seite des Südens für den Erhalt der alten Gesellschaft gekämpft hat. Auf der anderen Seite wird er ausgerechnet zum Vorarbeiter eines Trupps schwarzer Arbeiter ernannt. Und identifiziert sich, so Showrunner Joe Gayton in einem Interview für hitfix.com, zunehmend mit dem Bau der Bahnstrecke und versucht, ein anderer Mensch zu werden – wobei ihm doch immer wieder die Geister der Vergangenheit in den Weg kommen.

Hauptdarsteller Anson Mount erinnert mit seinem Vollbart ein wenig an Viggo Mortensen in “The Road” (2010), überzeugt aber durchaus in seiner archetypischen Rolle als schweigsamer Rächer. Als Thomas Durant ist Colm Meaney nach “Star Trek” endlich einmal wieder in einer Serienrolle zu sehen – diesmal gibt er den Bösewicht hinter großbürgerlicher Fassade. Die Figur des Unternehmers, der den Bau der Bahnstrecke ohne Rücksicht auf Verluste vorantreibt, basiert auf einem historischen Vorbild. Die Autoren haben sich aber bei ihm viele kreative Freiheiten gelassen, da der echte Durant hauptsächlich in New York und Washington die geschäftliche Seite seines Vorhabens betreute. In der Serie überwacht er hingegen persönlich das Fortschreiten der Arbeiten. Dabei nutzt er jede gesetzliche und moralische Lücke, die sich ihm bietet. Diesen unbedingten Willen, sein Vorhaben gegen alle Widerstände zu verwirklichen, haben die Autoren nach Aussage Tony Gaytons wiederum dem echten Durant nachempfunden.

Zu den weiteren Hauptfiguren zählt Lily Bell (Dominique McElligott), die Witwe eines Streckenplaners, der in der ersten Folge brutal von Indianern getötet wird. Sie wirkt mit ihrer distinguierten Schönheit zunächst fehl am Platz, beweist aber schnell, dass sie sich durchaus im rauen Westen zu behaupten weiß. Interessant ist der Ansatz, mit Elam Ferguson, einem von dem Rapper Common gespielten ehemaligen Sklaven, eine schwarze Hauptfigur einzuführen. Die gesellschaftliche Position dieser Ethnie bleibt sonst im Genre zwischen all den Cowboys-and-Indians-Konflikten meist unbeleuchtet. Schauspielerisch kann der Musiker aber zumindest zu Beginn noch nicht richtig überzeugen und auch die Beziehung zwischen dem befreiten Sklaven und dem ehemaligen Sklavenhalter Bohannon wirkt sehr unentschlossen: Mal retten sie sich das Leben, mal lassen sie sich ohne ersichtlichen Grund auf einen brutalen Faustkampf ein. Überhaupt ist Charakterentwicklung nicht gerade eine Stärke der Serie.

Ein brutales Milieu

Woran es hingegen nicht mangelt, ist (ein bisschen) Sex und (viel) Gewalt. Bereits im Piloten werden Hälse in Großaufnahme von Pfeilen durchstoßen, Männern bei lebendigem Leib der Skalp abgetrennt (das alles übrigens in den USA ab 14 Jahren freigegeben). Das reicht quantitativ schon an die Gewaltdarstellungen in HBO-Serien wie „Rome“ oder „The Sopranos“ heran, die in vergleichbar brutalen Milieus spielen.

In späteren Staffeln wollten die Serienschöpfer den Wettlauf zwischen der Union Pacific und der konkurrierenden Eisenbahngesellschaft Central Pacific in den Mittelpunkt rücken. Der sollte laut der Gayton-Brüder von Anfang an Teil des Konzepts sein, wurde aber aus Budgetgründen und um die ersten zehn Folgen inhaltlich nicht zu überfrachten, zunächst ausgeklammert – ebenso wie die chinesischen Arbeiter, die maßgeblich am Bau der transkontinentalen Schienenwege beteiligt waren. Im Dezember hat AMC bereits die dritte Staffel in Auftrag gegeben. Damit war nach den ersten Folgen nicht unbedingt zu rechnen, die zwar mit großartigen Bildern, einer authentischen Atmosphäre und stimmungsvoller Musik überzeugen, aber noch nicht mit einer packenden Geschichte oder faszinierenden Charakteren.

Die erste Staffel läuft ab 30. Januar mittwochs um 20 Uhr 15 bei TNT Serie.

(aus torent 1/2012; der Text wurde nach Ansehen der ersten sieben Folgen verfasst)

 

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