Die Gewalt des Staates an seinen Dienern: „Der Aufsteiger“ neu im Kino

Immer im Einsatz: Minister Saint-Jean (Olivier Gourmet) als Streikschlichter; Fotos: Koolfilm

Das Ambiente erinnert an Politserien wie „The West Wing“ oder „Borgen“, aber anders als deren Protagonisten sind der französische Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean und seine Mitarbeiter keine Idealisten. Vielmehr sind sie vorrangig an ihrer eigenen Karriere und dem Machterhalt interessiert. Dabei ist der Minister kein schlechter Mensch: Er liebt seine Frau, trinkt gerne mal ein Gläschen (zu viel) mit seinem Fahrer, einem Langzeitarbeitslosen im Praktikum, und hat auch in seinem Ressort durchaus das Wohl des Volkes im Blick. Aber wenn der Präsident es verlangt, ist er bereit, seine politischen Vorstellungen schnell über Bord zu werfen, um den eigenen Stuhl zu retten. Olivier Gourmet spielt ihn als ebenso einsamen wie getriebenen Menschen. „4000 Kontakte und keinen echten Freund“, sagt er einmal resigniert nach dem Durchstöbern seines Handy-Telefonbuchs. Wirkliche Macht hat ein Minister auch nicht, ist vielmehr gefangen zwischen Loyalität zu seiner Regierung, öffentlicher Meinung und anderen widerstreitenden Interessen. Die Staatsgewalt des französischen Originaltitels „L’exercise de l’état“ ist auch die Gewalt, die der Staat seinen eigenen Dienern antut.

Der Minister schläft schlecht: Surreale (Alp-)Traumsequenz

Regisseur Pierre Schoeller durchbricht die Bilder der talking heads des Politbetriebs in ihren motorisierten Büros und prachtvollen Regierungspalästen immer wieder mit surrealen Momenten. Das sind vor allem die Träume des Ministers, in denen auch schon mal eine nackte Frau von einem Krokodil verschlungen wird. Aber auch ein blutiger Unfall reißt den Zuschauer jäh aus der Routine des administrativen Alltags. Zynischerweise wird er für Saint-Jean zum Karrieresprung.

Trotz der modernen Inszenierung ist der Film klassisches Dialog- und Schauspielkino. Darin überzeugen vor allem Gourmet als aufstrebender Politiker zwischen körperlicher Erschöpfung, Selbstekel und Ehrgeiz sowie Michel Blanc als in seinem Schatten stehender Staatssekretär und langjähriger Vertrauter. Auch wenn der von den Brüdern Dardenne produzierte Film wesentlich überhöhter inszeniert ist als deren eigene Werke, dürfte er von der Wirklichkeit der Spitzenpolitik nicht allzu weit entfernt sein.   kir

Ab 22. November im Kino.

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