Zwischen Märchenkitsch und Dramasoap: „Once Upon a Time“

Die letztjährige Seriensaison in den USA brachte den Boom der Märchenstoffe: Neben „Grimm“ sorgte vor allem „Once Upon A Time“ für Furore. Mitte September startet die erfolgreiche ABC-Show um Schneewittchen, Rumpelstilzchen & Co. im Exil auch im deutschen Free-TV. Ob das ein zauberhaftes Vergnügen wird, weiß Christian Spließ.

In den dunklen Wäldern von Maine: der Hauptcast; Foto: ABC

Vor langer, langer Zeit sorgte der böse Fluch der Stiefmutter von Schneewittchen dafür, dass jeder bekannten und nicht so bekannten Märchenfigur dessen Happy Ending genommen wurde. Ein furchtbarer Fluch schleuderte die Märchenfiguren in ein Land ohne Magie und setzte sie in dem Ort Storybrooke in Maine fest. Ohne Erinnerung an ihr früheres Leben steht dort für sie die Zeit still und keine Märchenfigur kann den Ort verlassen. Bis auf Henry, den Adoptivsohn der Bürgermeisterin, der eines Tages nach Boston ausreißt, um seine richtige Mutter zu finden. Schließlich ist diese die Tochter von Snow White und Prince Charming und die Einzige, die in der Lage ist, den Fluch zu brechen. Mit Emma Swans Einzug in die Kleinstadt Storybrooke beginnt „One Upon A Time“, die aktuelle Serie der Drehbuchautoren von „Lost“.

Es scheint, als ob Edward Kitsis und Adam Horowitz sich nach dem Ende von „Lost“ von all den Fast-Forwards, Flash-Backs, Fast-Sidewards etwas erholen mussten. Zumindest die Flash-Backs allerdings bleiben dem Zuschauer bei „Once Upon A Time“ erhalten: Sie erzählen die Vorgeschichte in der Märchenwelt und scheuen sich nicht, einen etwas anderen Blick auf die Figuren zu werfen. Die Umdeutung von Rumpelstilzchen hat schon das Finale der „Shrek“-Reihe vorweggenommen: von einem goldspinnenden Zwerg zum Herrn der Verträge, die er zwar immer erfüllt, aber nicht immer so, wie man es glaubt. Doch auch die traditionellen Figuren wie Schneewittchen oder Rotkäppchen werden von den „Once Upon A Time“-Machern in ein anderes Licht gestellt.

Gespiegelt wird diese Geschichte dann in der realen Welt von „Storybrooke“. Zumindest zwei Figuren können sich hier an ihr Vorleben erinnern: Rumpelstilzchen (Robert Carlyle) alias Mister Gold, sowie die Bürgermeisterin Regina Mills, die böse Stiefmutter von Schneewittchen (Lana Parrilla, bekannt als Sarah Gavin aus „24“). Es dürfte nicht verwundern, dass diese alles daransetzt, den Aufenthalt von Emma Swan (Jennifer Morrison, die Alison Cameron aus „Dr. House“) so schwierig wie möglich zu machen. Neben diesem Katzenkampf der beiden Hauptfiguren ist es die Geschichte von Schneewittchen (Ginnifer Goodwin aus „Big Love“) und Prince Charming, die den Handlungsbogen in beiden Welten bildet. Dabei scheuen sich die Macher nicht, eine gehörige Portion von Soap in die Handlung zu streuen. Was der Serie nicht gut tut. Irgendwann einmal ertappt man sich bei den 22 Folgen der ersten Staffel dabei, frustriert den Fernseher anzubrüllen: „Verdammt, ihr Idioten, entscheidet euch jetzt endlich mal, ob Schneewittchen den Prinzen auch in unserer Welt bekommt oder nicht.“

Zudem hat „Once Upon A Time“ das Problem, dass die Serie nach dem ersten Teil mit den Handlungsbögen nicht so recht vorankommt. Dies ist begreiflich, da ABC zuerst nur 12 Folgen bestellte, bevor es das Okay für den Rest der Staffel gab – deswegen gibt es in der ersten Hälfte der Staffel auch eher „die Märchenfigur der Woche“ mit ihrer Vorgeschichte. Dass diese dann letzten Endes doch irgendwie mit dem großen Handlungsbogen zusammenkommen, ist dann immerhin logisch und, soweit es möglich ist, auch stringent konstruiert.

Dabei sind die Macher durchaus bemüht, eine Erklärung dafür zu finden, warum die Figuren so geworden sind, wie sie sind. Besonders interessant ist dabei der heimliche dritte Handlungsbogen der Serie: die Geschichte von Rumpelstilzchen, dem packendsten Charakter der ganzen Serie. Wenn man schon nicht mit der schnulzigen Handlung um Schneewittchen mitleiden mag oder dem Schlagabtausch zwischen Regina und Emma etwas abgewinnen kann, allein wegen Rumpelstilzchen lohnt sich dann doch, die Serie zumindest bis zum Ende durchzustehen. Des Weiteren ist Maine mit seinen dichten Wäldern, stark schwellenden Flüssen und drohenden Abgründen eine sehr dunkle, bedrückende Landschaft. Nicht von ungefähr hat Stephen King hier einige seiner Romane angesiedelt. Vor allem die Szenen in den nachtdunklen Wäldern vermitteln gelungen etwas Schauerromantik. Die Märchenwelt selbst wird mit viel CGI-Effekten dargestellt und man sieht des Öfteren deutlich, wann sich die Macher ins Studio begeben haben. Wer ausladende Kostüme, breite Bettvorhänge und kunstvoll gewebte Teppiche sowie prächtige Kronsäle erwartet, wird nicht enttäuscht. Es ist Märchenkitsch in Reinkultur.

Wer ab dem 12. September Super RTL einschaltet, wird also keine Serie im Format von „Lost“ erleben, eher eine, die sich perfekt bei „Merlin“, „Robin Hood“ oder „Sindbad“ einreiht: kurzweiliges Popcorn-Serienvergnügen, guilty pleasure, das man sich im Fernsehen mit Werbung anschauen kann, aber nicht unbedingt auf DVD im Schrank haben muss.

Die erste Staffel läuft ab dem 12. September mittwochs um 20 Uhr 15 bei Super RTL und wird jeweils sonntags um 10 Uhr 55 bei RTL wiederholt.

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