„Webserie“ à la TNT: Mit „Add a Friend“ startet die erste deutsche Pay-TV-Serie

Am Mittwoch (19. September) ist es soweit: Bei TNT Serie läuft die erste Folge von „Add a Friend“, der ersten seriellen Eigenproduktion im deutschen Pay-TV. Ganz zeitgemäß dreht sich darin alles um Kommunikation via Internet. Kann die ambitionierte Comedy die hohen Erwartungen erfüllen?

Von Marcus Kirzynowski

Der Mac als Draht zur Welt: Felix (Ken Duken) im Krankenbett; Fotos: Chris Hirschhäuser; TM & © Turner Broadcasting System

Felix (Ken Duken), ein erfolgreicher Fotograf Mitte 30, wird plötzlich aus der Bahn geschleudert – fast im Wortsinn, denn ein Autofahrer fährt ihn an und begeht danach Fahrerflucht. Als Felix im Krankenhaus aufwacht, ist er ans Bett gefesselt, und das noch mehrere Wochen. Und wie das heutzutage im Leben junger Großstadtmenschen so ist, hat er zwar Hunderte von Freunden bei Google+, aber niemand hat Zeit, ihn auch mal persönlich am Krankenbett zu besuchen. So ist ein Laptop fast seine einzige Kontaktmöglichkeit zur Außenwelt. Mittels Chat und Webcam kommuniziert er mit Freunden, Eltern und seiner großen Jugendliebe Julia (Friederike Kempter), die er nach 20 Jahren in dem sozialen Netzwerk wiedergefunden hat.

TNT Serie hat sich für seine erste fiktionale Eigenproduktion „Add a Friend“ viel vorgenommen: Modern soll sie sein (auch was die Dramaturgie angeht), die Lebenswirklichkeit einer jungen Zielgruppe abbilden und eine deutliche Sprache sprechen. Ähnlich wie bei den US-amerikanischen Vorbildern HBO oder Showtime landen auch die Autoren der ersten deutschen Pay-TV-Serie gerne mal einen Gag unter der Gürtellinie und lassen ihre Protagonisten kein Blatt vor den Mund nehmen. Ansonsten erinnern die ersten beiden der zehn knapp halbstündigen Episoden zunächst eher an eine klassische Sitcom als an die erfolgreichen Dramedys, denen die Macher vielleicht nacheifern wollen: Statt aufwändiger Dekors gibt es extrem begrenzte Handlungsorte, hauptsächlich das Klinikzimmer und das Büro von Felix‘ bestem Freund Tom (Friedrich Mücke).

Harter Klinikalltag: Felix mit Krankenschwester, Arzt und Bettnachbar

Die meisten anderen Akteure bekommen die Zuschauer genau wie Felix nur über seinen Laptopbildschirm zu Gesicht. Neben den nervenden Best Agers-Eltern sind das vor allem junge, hübsche Frauen, neben Ex-Freundin Julia auch eine etwas übereifrige Jungfotografin. Die Dialoge sind vorwiegend auf Pointe geschrieben, wobei leider nicht alle richtig zünden. Von den angekündigten dramatischen Elementen ist in den Auftaktfolgen (noch?) nicht viel zu sehen, auch wenn einige Fundamente gelegt werden. So ist Tom (einem etwas schmierigen, aber nicht unsympathischen Investmentbanker) zur Befriedigung seiner Spielsucht fast jedes Mittel recht und auch Felix‘ Autounfall scheint nicht wirklich ein Unfall gewesen zu sein.

Die schauspielerischen Leistungen sind durchweg solide, ohne große Ausreißer. Man hat sich bemüht, für die Hauptrollen einigermaßen unverbrauchte junge Gesichter zu finden, wobei Ken Duken eine durchaus sympathische Identifikationsfigur abgibt. In den Nebenrollen begegnen einem dann leider doch einige Darsteller, die man vielleicht schon zu häufig im deutschen Fernsehen gesehen hat (Ralph Herforth oder der als Reporter aus der „heute-Show“ bekannte Dietrich Hollinderbäumer). Insgesamt fehlt der Serie etwas der Biss, das besondere Element. Der Einsatz der Webcam und der sozialen Medien (da die Show von Google gesponsert wird, benutzt skurrilerweise keiner der Protagonisten Facebook) ist grundsätzlich keine schlechte Idee, liefert aber für sich genommen noch keinen echten Mehrwert. Die Möglichkeiten zur Fehlkommunikation, die diese bereithalten, nutzen die ersten Folgen zu wenig.  Mit einer Webserie wie „Dating Rules from My Future Self“ haben die Amerikaner bereits gezeigt, wie man moderne Kommunikationsmedien wesentlich origineller und erfrischender als Ausgangsidee eines Comedyformats einsetzen kann.

Facebook unbekannt: Auch Felix' Ex Julia (Friederike Kempter) kommuniziert nur über Google+

Auch wenn nicht gleich mit einem deutschen „Six Feet Under“ oder „The Sopranos“ zu rechnen war, war nach der ambitionierten Ankündigung von TNT Serie, als erster deutscher Bezahlsender ins Geschäft der eigenproduzierten Serien einzusteigen, doch etwas mehr zu erwarten. Dass man auch ohne große Budgets großartige Serien produzieren kann, beweisen etwa seit Jahren die Briten mit „Skins“ oder „Shameless“. Lobenswert ist bei „Add a Friend“ immerhin der Ansatz, Handlungsstränge auch über eine ganze Staffel zu entwickeln und in einer eher humoristischen Serie mit klassischen Spannungselementen wie Cliffhangern zu arbeiten. Den Grundstein hat TNT Serie gelegt, bis die Eigenproduktionen mit den amerikanischen Pay-TV-Serien im eigenen Programm mithalten können, ist es aber noch ein weiter Weg.

„Add a Friend“ läuft ab 19. September immer mittwochs um 20 Uhr 15 bei TNT Serie.

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