Das wohl beste Serienfinale aller Zeiten: „Six Feet Under – Everyone’s Waiting“

Die Zukunft liegt vor ihr wie ein endloser Highway: Claire Fisher (Lauren Ambrose) im Serienfinale; Foto: HBO

Nach fünf Staffeln und 63 Episoden hieß es 2005 Abschied nehmen von der oft so gestörten und doch so sympathischen Familie Fisher und ihrem Bestattungsinstitut. Serienschöpfer Alan Ball selbst griff sowohl zum Stift als auch zum Regiestuhl, um „Six Feet Under“ zu einem runden Ende zu führen. Für das Ergebnis sollte ihm ein Platz in der Hall of Fame der Serienmacher für immer sicher sein.

Von Marcus Kirzynowski

Die letzte Folge der Serie ist die erste, die nicht mit einem Tod beginnt – sondern mit einer Geburt, derjenigen der gemeinsamen Tochter von Brenda und ihrem drei Folgen zuvor gestorbenen Ehemann Nate, der eigentlichen Hauptfigur der Show. Dass Ball Nate sterben ließ, war nur konsequent. Denn eine Serie mit dem Thema Tod sollte ihre Zuschauer daran erinnern, dass nicht immer nur die Anderen sterben. So wenig wie wir selbst, sind auch die Hauptprotagonisten einer TV-Serie unsterblich. Da die große Identifikationsfigur Nate also in der letzten Folge für diese Rolle auffällt, steht Claire, die jüngste Nachkommin der Fisher-Familie, in deren Mittelpunkt. Ein unerwarteter Anruf aus New York schickt sich an, ihr Leben komplett zu verändern, was auch heißt, Abschied von ihrer oft so verhassten Familie in L.A. zu nehmen. Bevor es soweit ist, schafft Ball es aber tatsächlich noch, die Geschichten aller wichtigen Figuren zu einem gleichermaßen befriedigenden wie überzeugenden Ende zu bringen. Auch wenn es in der ersten halben Stunde noch nicht so aussieht, finden alle so etwas wie Erlösung: von ihren Ängsten und Selbstzweifeln, ihrer Trauer und auch von ihren inneren Dämonen.

David erkennt, dass er sich letztlich immer nur selbst im Wege stand und entscheidet sich, den Familienbetrieb doch nicht zu verkaufen, damit er ihn irgendwann an seine beiden angenommenen Jungen weitergeben kann. Ruth gelingt es, sich aus der Depression nach dem Tod ihres Sohnes zu befreien und dank ihrer Enkeltöchter einen neuen Sinn im Leben zu entdecken. Brenda hilft ein Traum, ihre neugeborene Tochter endlich anzunehmen, nachdem sie lange befürchtete, sie könne doch schwer krank sein. Und die oft so unsichere Claire bricht in ein neues Leben auf, nicht ohne zu erkennen, wie viel ihr ihre Familie letztlich doch bedeutet. Nach all den widersprüchlichen Gefühlen, die die Autoren im Laufe der vorhergehenden gut 60 Folgen dem Konstrukt Familie – dem zweiten großen Thema der Serie – entgegengebracht haben, fällt Balls Fazit versöhnlich aus: Es mag oft nicht mit ihr gehen, aber ohne sie geht es noch weniger. Trotzdem muss jeder für sein Leben seinen eigenen Weg finden, ob er die Familientradition weiterführt wie David oder alles hinter sich lässt wie Claire, um woanders sein Glück zu suchen. „Du hast hier nichts verloren“, sagt Nate ihr in einer Vison. Das stimmt natürlich nicht, denn Freiheit hat immer einen Preis.

Geschickt bringt Ball noch einmal fast alle wichtigen Figuren der Serie zusammen, sei es bei einem Besuch bei Brenda und ihrer Neugeborenen oder bei Claires Abschiedsfeier. Viele kleine Anspielungen erinnern an teils lange zurückiegende Ereignisse, an Nathaniel Fishers „schmutziges kleines Zimmer“ oder an die Nacht seines Todes, die Nate und Brenda gleich nach ihrem Kennenlernen zusammenschweißte (im Pilotfilm). Wirken die ersten 30 Minuten weitgehend noch wie eine normale Folge, zieht Ball in der letzten halben Stunde alle Gefühlsregister. Wem dabei nicht permanent die Tränen in den Augen stehen, der hat die Serie wohl nie geliebt. Es beginnt mit Ruth, die Brenda ihre Hilfe bei der Erziehung ihrer Enkeltöchter anbietet, setzt sich fort mit der hoch emotionalen Aussöhnung von Ruth und Claire und findet einen ersten Höhepunkt in der Szene am Esstisch, in der alle Familienmitglieder reihum einen Toast auf Nate aussprechen – und damit ihren Frieden mit ihm und seinem Tod machen. Menschen mögen von uns gehen, aber Erinnerungen sind unauslöschlich.

Nach dem ebenfalls sehr emotional inszenierten Abschied Claires von ihrer Familie am Morgen vor dem Haus der Fishers (das nun David mit seiner neuen Familie, Keith und den Pflegekindern, übernommen hat), folgen die vielleicht genialsten letzten Minuten der TV-Geschichte. Claire steigt in ihr Auto, legt die CD ein, die ihr Freund Ted ihr für die Fahrt gebrannt hat und steuert auf den Highway Richtung New York. Während vor ihrem inneren und unseren Augen kurze Szenen aufblitzen, die zeigen, wie das Leben aller Hauptfiguren weiter verlaufen könnte – inklusive ihres jeweiligen Todes. Wie Ball es hier schafft, innerhalb weniger Minuten und fast ohne Worte ganze Leben zu skizzieren, gleichzeitig tiefe Gefühle zu vermitteln, ohne auf den für die Serie typischen schwarzen Humor zu verzichten, alleine das wäre jeden Drehbuchpreis wert. Auch wenn er höchst konsequente Möglichkeiten zeigt, wie die Leben seiner Figuren dereinst enden könnten, macht das letzte Bild doch klar, dass die Zukunft für uns alle noch ungeschrieben ist.

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