Der Ungeist von 9/11

Abgrenzung statt Inklusion: Sarah Carter und Noah Wyle in "Falling Skies"; Foto: TNT

Der geistig-kulturelle Backlash in den USA nach den Anschlägen von 2001 ist auch im Genrefernsehen angekommen. Eine kurze Geschichte der Darstellung von Patriotismus und Religiösität in modernen US-amerikanischen Science-Fiction-Serien von „Deep Space Nine“ bis „Falling Skies“.

Von Marcus Kirzynowski

Wahrscheinlich ist mal wieder der 11. September Schuld – daran, dass auch in neueren US-Sci-Fi-Serien wie „Falling Skies“ verstärkt in affirmativer Weise Patriotismus und christlicher Glaube thematisiert werden. Eine besonders stark ausgeprägte Tradition haben diese Themenkomplexe in der US-amerikanischen Seriengeschichte jedenfalls nicht. In den meisten „Star Trek“-Serien etwa spielte Religion so gut wie gar keine Rolle. Wenn sie einmal in einer Folge thematisiert wurde, dann eher als etwas Rückständiges. Mit dem modernen, wissenschaftlich-aufgeklärten Weltbild, für das die Förderation und ihre Sternenflottenoffiziere standen, schien sie kaum vereinbar. Oder haben Sie jemals Kirk oder Picard vor einer schwierigen Mission beten sehen?

„Deep Space Nine“: Die positiven und negativen Effekte des Glaubens

Geändert hat sich das erst mit „Deep Space Nine“. Hier war Religion von Anfang an eines der zentralen Themen. Mit der Bajoranerin Major Kira fand sich zum ersten Mal eine Gläubige unter den Hauptfiguren einer „Star Trek“-Serie. Allerdings keine Christin, sondern eine Anhängerin einer fiktiven polytheistischen Religion, die Wesen verehrt, die gleichzeitig als Götter und als Propheten betrachtet werden. Die nominale Hauptfigur der Serie, Commander Sisko, steht diesem Glauben und vor allem der Rolle als Botschafter der Propheten, die ihm von den Bajoranern zugeschrieben wird, zunächst mehr als kritisch gegenüber. Ob er selbst religiös erzogen wurde, thematisiert die Serie nie, man kann das aber getrost bezweifeln.

Erst im Laufe der späteren Staffeln legt Sisko seine Skepsis nach und nach ab. Obwohl er weit davon entfernt ist, die Propheten als übernatürliche Wesen anzusehen (für ihn sind sie schlicht Wurmlochwesen, die eben über eine andere Raum-Zeit-Wahrnehmung verfügen als Normalsterbliche), akzeptiert er seine Rolle. Nicht aus religiöser Überzeugung, sondern weil er erkennt, dass sie ihm Einfluss gibt, die gesellschaftliche und politische Entwicklung auf Bajor positiv zu beeinflussen. Am Ende erfährt er, dass er selbst der Sohn eines der Wurmlochwesen ist. Man kann das so lesen, dass er tatsächlich der Prophet ist, der von seiner göttlichen Mutter zum auserwählten Volk geschickt wurde. Nur dass die Götter eben keine sind und ihr Prophet selbst kein Gläubiger ist.

Verblendung vs. reiner Glaube: Kai Winn (Louise Fletcher) und Major Kira (Nana Visitor) in DS9; Foto:Paramount

Religiösität wird in „Deep Space Nine“ durchaus ambivalent dargestellt. Sie hat postive Effekte, wenn Figuren wie Kira Nerys Kraft aus ihr ziehen, ebenso wie negative in der Form von Fanatismus und Machtmissbrauch. Das Gegenbild zur mit unschuldigem Herzen glaubenden Kira ist die machtbesessene Kai Winn, die ihre Rolle als religiöses Oberhaupt nur be- und ausnutzt, um ihre eigenen egozentrischen Interessen zu verfolgen. Ihr Glauben ist in der letzten Staffel zur heuchlerischen Fassade degeneriert.

„Battlestar Galactica“: Der Staat ist nur noch Fassade

Ebenso ambivalent erscheint Religion in Ronald D. Moores Neuauflage von „Battlestar Galactica“. Während sie einigen Protagonisten Kraft für ihren harten Alltag gibt (Starbuck), nutzen andere sie überwiegend für ihr eigenes Machtstreben (Gaius Baltar). Zwar betont die Serie immer wieder, dass es in der Welt mehr gebe, als Physik erklären könne. Wie diese höhere Gewalt nun letztlich aussieht, ob es ein Gott ist oder viele, die das Schicksal der Figuren lenken, oder doch nur etwas, das man eher als Natur bezeichnen kann, lässt sie weitgehend offen. Es ist auch völlig irrelevant, wie Dr. Baltar in der Schlussepisode treffend zusammenfasst.

Obwohl das Staatengebilde in BSG ganz offensichtlich nach dem Vorbild der USA entworfen wurde, spielt Patriotismus in der Serie keine wesentliche Rolle. Zwar versucht der überlebende Teil der Menschheit in der „Galaxis, weit, weit entfernt“ nach dem Zusammenbruch der planetaren Zivilisation und der Vertreibung ins All, ihren Staat und dessen Regeln aufrecht zu erhalten. Sowohl das Militär als auch Widerstandskämpfer jeglicher Couleur und selbst Spitzenvertreter des Staates selbst sind aber jederzeit bereit, diese Regeln über den Haufen zu werfen, wenn die Situation es zu erfordern scheint. Militärputsche sind in den fünf Staffeln schon fast an der Tagesordnung, Demokratie betrachten die meisten Protagonisten eher verächtlich und auch die Präsidentin der Zwölf Kolonien schreckt nicht vor Wahlbetrug zurück, um ihre eigene Macht zu sichern.

Eine "Gang" auf der Flucht vor den Zylonen: Der Hauptcast von BSG; Foto: SyFy

Der Staat erscheint nur noch als Fassade, die mühsam aufrecht erhalten wird, um den Überlebenden einen Anschein von gesellschaftlicher Normalität zu vermitteln. In Wahrheit sind sie längst nur noch eine mehr oder weniger gesetzlose „Gang“, wie der kurzzeitige Präsident Lee Adama einmal treffend feststellt. Als sie schließlich einen neuen bewohnbaren Planeten besiedeln, gründen sie nicht etwa einen neuen Staat (oder führen den alten fort), sondern beschließen, es diesmal mit einem anarchistischen Naturzustand zu probieren.

„Falling Skies“: Die falschen filmischen Vorbilder

Leider nimmt sich TNTs im vergangenen Jahr gestartete SF-Serie „Falling Skies“ nicht diese modernen Genreserien zum Vorbild, was die Darstellung von Religion und Patriotismus angeht, sondern eher postapokalyptische Filme wie „Independance Day“ oder „Postman“. Insbesondere in letzterem diente die Actionhandlung im Grunde nur zur Vermittlung seiner patriotischen Botschaft: Das Fortbestehen der USA ist wichtiger als das Überleben des Einzelnen, für den Staat lohnt es sich auch zu sterben. Spätestens, wenn Kevin Costner im Schlusskampf seinem Gegner ins Gesicht brüllt: „Ich glaube an die Vereinigten Staaten von Amerika“, dürften sich wohl 95 Prozent der Weltbevölkerung nicht mehr angesprochen fühlen (während zum Beispiel „Ich glaube an die Freiheit“ ein universell verständliches Bekenntnis gewesen wäre).

Warum ausgerechnet im Angesicht des Untergangs der gesamten Menschheit – wie in „Falling Skies“ – nationale Symbole wie Flaggen und Adler so hochgehalten werden, erscheint unverständlich. Gerade eine solch ausweglos erscheinende Situation sollte doch Menschen verschiedener Nationen, Kulturen, Sprachen zusammenschweißen. Oberste Priorität hätte bei einem Angriff feindlicher Aliens wohl eher das Überleben der menschlichen Spezies als die Betonung nationaler Besonderheiten. Und wenn die Apokalypse schon nicht begünstigen würde, dass unterschiedliche Menschen sich vereinigen, dann sähe die Welt danach wohl eher so aus wie in J. Michael Straczynskis Showtime-Serie „Jeremiah“ (2002-2004): aufgelöst in kleine Grüppchen, die fast alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Jeder gegen jeden, und nur wenige, die am Gemeinwohl arbeiten. Der Gedanke, die USA wieder zu gründen, ist in „Jeremiah“ jedenfalls auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch noch niemandem gekommen.

Zurück zum alten Schwarz-Weiß-Denken

Auch die Art, wie „Falling Skies“ Religion darstellt, wirkt eher wie der Versuch der Autoren, dem Publikum ihre Botschaft mit dem Holzhammer einzubläuen, als wie eine realistische Auseinandersetzung. So wirkt die gläubige Christin Lourdes (!) mit ihrer unerschütterlichen Gottestreue nach der globalen Katastrophe („Auch wenn 95 Prozent unserer Freunde und Familie ausgelöscht wurden, haben wir noch genügend Gründe, Gott täglich zu danken.“) unbeabsichtigt wie eine Verblendete. Mag sein, dass auch viele Juden in den Konzentrationslagern weiterhin beteten, wie manch Diskutant im Internet argumentiert. Aber taten sie es wirklich ohne Zweifel wie die Protagonistin in „Falling Skies“?

In ihrem politischen und religiösen Weltbild stellt Spielbergs neue Serie leider einen gewaltigen Rückschritt in der Science-Fiction-Seriengeschichte dar: weg von einem progressiven, aufgeklärten Gesellschaftsentwurf wie in „Star Trek“ oder einer differenzierten Auseinandersetzung mit ideologischen Systemen wie in BSG, hin zu einer simplen Schwarz-Weiß-Dichotomie („hier wir, die Guten, da die bösen Anderen“). Ganz im Ungeist, der sich im Post-9/11-Amerika ausgebreitet hat.

Tele 5 wiederholt „Deep Space Nine“ ab Sonntag, 29. April um 20 Uhr 15. Ab 2. Mai läuft die Serie werktags um 19 Uhr 10. Die zweite Staffel von „Falling Skies“ startet am 17. Juni in den USA bei TNT und am 22. Juni in Deutschland bei TNT Serie.

2 comments

  1. Der sehr frontale Umgang mit Religion in „Falling Skies“ war mir auch (teilweise unangenehm) aufgefallen – exemplarisch die Szene mit Hände halten und Beten beim kargen Essen (S1E4). Mich interessiert die Serie aber wegen des postapokalyptischen Grundsettings auch trotz dieser Holzhammer-Wertekeule, und angesichts des Finales der 1. Staffel frage ich mich, ob da nicht noch etwas Reflexion zu den Themen Religion & „We fight back“-Patriotismus kommt.

  2. Es passt nicht zum Zusammenhang mit den Sci-Fi-Serien, aber die schlimmste Serie in punkto Post-9/11 ist für mich „24“. Wie da Folter als legitimes Mittel präsentiert wird, das ist gerade aus dem Handbuch der Bush-Administration.

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