Jenseits der Grenze(n): Dominik Grafs „Das unsichtbare Mädchen“ bei arte +7

Die Vergangenheit ruht nicht: Ex-Kommissar Altendorf (Elmar Wepper, r.) und Kollege Tanner (Ronald Zehrfeld); Fotos: ZDF/Julia von Vietinghoff

Der neue TV-Thriller des wohl besten deutschen Krimiregisseurs hat am heutigen Freitag (30. März) um 20 Uhr 15 Fernsehpremiere bei arte und ist danach noch eine Woche in der Mediathek zu sehen. Die fiktive Bearbeitung eines realen Kriminalfalls führt ins tschechische Pädophilenbordell und in die hohe Politik.

Die Realität schreibt manchmal die krassesten Geschichten. Wäre der „Mordfall Peggy“ erfunden, würde man ihn wohl als unglaubwürdig bezeichnen. Es hat ihn aber tatsächlich gegeben: Das achtjährige Mädchen verschwand 2001 spurlos in einem oberfränkischen Ort kurz vor der tschechischen Grenze. Obwohl ihre Leiche bis heute nicht gefunden wurde, sitzt ein geistig behinderter Gastwirtsohn als ihr verurteilter Mörder im Gefängnis: Er hatte nach stundenlangen Verhören die Tat erst gestanden und später widerrufen. Außerdem wollen mehrere Zeugen das Kind noch nach dessen angeblichem Tod lebend gesehen haben. Friedrich Ani und Ina Jung haben diesen skandalösen Kriminalfall als Ausgangspunkt für ein Drehbuch genommen, aus dem Thriller-Altmeister Dominik Graf den ZDF-TV-Film „Das unsichtbare Mädchen“ gemacht hat. Sie liefern Erklärungen, die weite Kreise ziehen, bis hinein in die hohe Landespolitik.

Alles fängt damit an, dass ein neuer junger Kriminalbeamter aus Berlin ins bayerische Dorf versetzt wird, Tanner „ohne h“ (Graf-Stammschauspieler Ronald Zehrfeld). Als eine Frau ermordet wird, stößt er schnell darauf, dass seine alteingesessenen Kollegen ihm etwas verschweigen: Sie war die Nachbarin der Mutter der vor zehn Jahren verschwundenen und scheinbar ermorderten Sina Kolb – und sie hat kurz vor ihrem Tod behauptet, das Mädchen letztens in Tschechien wieder erkannt zu haben. Als wenig später auch der Ehemann der Ermorderten tot aufgefunden wird, sieht es für Tanner so aus, als versuche jemand, brisante Enthüllungen um jeden Preis zu verhindern. Während sein Vorgesetzter Michel (Ulrich Noethen als herrlich schmieriger Kripobeamter) gegen ihn arbeitet, bekommt der Außenseiter Hilfe von dem pensionierten Kommissar Altendorf (Elmar Wepper). Der ist nie darüber hinweg gekommen, dass man ihn damals als Leiter der Sonderkommission abgesetzt hat – und fest davon überzeugt, dass Sina noch lebt.

Die Verstrickungen im Ort sind dicht, fast jeder hatte anscheinend schon mal etwas mit fast jeder anderen, etwa Michel mit der Mutter des Opfers, die auch Tanner gleich nach seiner Ankunft auf einem Volksfest abschleppt. Und Michel hat Verbindungen bis ins Innenministerium, dessen Leiter sich anschickt, bald Ministerpräsident zu werden. Daraus hätte ein bemühter Zeigefinger-Film werden können. Aber nicht bei diesem Regisseur-Autoren-Gespann. Graf streut einige seiner berüchtigten Sexszenen ein, in denen dann Sätze fallen, bei denen man glaubt, man höre nicht recht. Da fragt der zukünftige One-Night-Stand, schon im Bett, aber völlig besoffen: „Ficken müssen wir nicht unbedingt mehr, oder?“ Und Michel nagelt seine Assistentin gleich tagsüber in seinem Büro – und spricht dabei dieses unglaubliche Oberfränkisch, das er schon vor 15 Jahren in Grafs berühmtem „Tatort“ „Frau Bu lacht“ zelebrierte (in einer ganz ähnlich angelegten Rolle). Graf scheut sich auch nicht, den Kindersex im tschechischen Bordell recht drastisch anzudeuten.

Herrlich schmierig: Ulrich Noethen als Michel (r.) mit seinem neuen Mitarbeiter Tanner

Wie in den meisten seiner Polizeifilme gibt es unter den Staatsdienern mindestens genauso viele Kriminelle wie außerhalb der Dienstflure. Und gegen die haben aufrechte Beamte wie Tanner und Altendorf immer einen schweren Stand. Das lässt sie manchmal moralisch fragwürdige Entscheidungen treffen, aber das war bei den großen Rächern der Literatur von Robin Hood bis Batman auch nicht anders.

War sein letzter Krimi „Cassandras Warnung“ ein reinrassiger deutscher Giallo, so hat Graf diesmal eine fast klassische Tragödie inszeniert, mit Verstrickungen und Enthüllungen von beinahe hamletschen Ausmaßen. Viel Stoff für sein hervorragendes Schauspielensemble: Zehrfeld steigert sich von Film zu Film, Noethen ist ein verkommener Antagonist par excellence, Wepper grantelt herrlich bayrisch vor sich hin und Silke Bodenbender (neulich bereits einmal an der Seite von Zehrfeld im Mysterydrama „Die Stunde des Wolfes“ zu sehen) überzeugt als leidende Mutter, taumelnd zwischen Verzweiflung und Hoffnung, die versucht, ihren Schmerz mit Sex auszulöschen. Wie meistens bei Graf muss man ständig genau aufpassen, da er mehr Anspielungen und Wendungen in einzelne Dialoge legt als andere Regisseure in ganze Filme.

Und obwohl er diesmal nicht mit Sozialkritik spart, den ganzen CSU-geführten Regierungs- und Verwaltungsapparat als so verkommen wie sein süditalienisches Pendant darstellt, fehlen auch nicht die leiseren, menschlichen Momente. Wenn am Schluss der unschuldig Verurteilte in der Dorfkneipe die Mutter seines vermeintlichen Opfers umarmt und die dann nach einer Beerdigung noch kathartisch tanzt (wie neulich schon Matthias Brandt am Ende von „Cassandras Warnung“) sind das ganz starke emotionale Szenen, die jeder 08/15-Dramaturgie entgegen laufen, wie sie auch das ZDF sonst gerne pflegt.  kir

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