Polit-Drama auf Dänisch: die neue arte-Serie „Borgen“

Idealistin auf dem Weg zur Macht: Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) mit Familie; Foto: arte © Mike Kollöffel/DR

Auf den ersten Blick wirkt Birgitte Nyborg ganz harmlos: sympathisch, gutherzig, attraktiv, vielleicht etwas zu naiv-idealistisch. Nicht gerade wie eine Frau mit dem Willen zur Macht. Auch sie selbst scheint anfangs nicht so ganz von ihren Führungsqualitäten überzeugt, als ihre kleine „Moderate Partei“ am Wahlabend plötzlich als Überraschungssieger dasteht, nachdem die Spitzenkandidaten der Favoriten sich vorher gegenseitig und selbst zerlegt haben. Eher zaghaft greift sie als erste Frau in Dänemarks Geschichte nach dem Amt der Premierministerin. Aber schnell wird deutlich, dass sie einen starken politischen Instinkt hat, mit dessen Hilfe sie es schließlich doch noch schafft, alle männlichen Platzhirsche hinter sich zu lassen.

Von der Wandlung der sympathisch, aber unbedarft wirkenden Parteivorsitzenden zur toughen Regierungschefin erzählen die ersten beiden Folgen der dänischen Erfolgsserie „Borgen“, die arte ab 9. Februar ins Programm nimmt. Aber natürlich fangen ihre Probleme damit erst an. Kurz vor der Verabschiedung des Staatshaushalts kommt der neuen Premierministerin die Koalitionsmehrheit abhanden, ein journalistischer Scoop droht, einen Politskandal auszulösen und auch das bisher harmonische Familienleben lässt sich nicht mehr so einfach gestalten, wenn die Mutter und Ehefrau plötzlich die wichtigste Frau im Staate ist.  Und obwohl Dänemark keine Supermacht ist und sein Politbetrieb im Vergleich zu den USA eher familiär wirkt, steht Nyborg vor ganz ähnlichen Grundsatzfragen wie schon Präsident Bartlet in „The West Wing“: Wie weit kann man sich als Staatsführer selbst treu bleiben und wie weit ist man nur Getriebener des Apparats?

Mit der NBC-Serie ist das dänische Politdrama oft verglichen worden und das liegt natürlich auch nahe. Die Storylines erinnern tatsächlich ein wenig an „The West Wing“, aber der Tonfall ist doch sehr eigen und zeichnet sich neben aller Spannung gerade durch seinen leisen Humor aus. Für Schmunzeln sorgt vor allem immer wieder das Familienleben der Spitzenpolitikerin, etwa wenn sich ihr verständnisvoller Ehemann ironisch darüber beschwert, dass „scheduled sex with the prime minister“ (zwei feste Abende in der Woche) doch eine sehr schräge Idee wäre. Überhaupt spielt das Privatleben der Politikerin in „Borgen“ eine größere Rolle als bei Bartlets. Diese Szenen tragen erheblich dazu bei, dass Nyborg nicht abgehoben wirkt, sondern wie die Frau von nebenan. Ihr Idealismus bekommt allerdings schon in der vierten Folge eine erhebliche Delle, wenn die Journalistin Katrine, die zweite starke weibliche Hauptfigur der Serie, aufdeckt, dass die US-Army auf Grönland afghanische Kämpfer gefangen hält. Was den Autoren der Folge Gelegenheit gibt, auf hohem Niveau sowohl Kritik am Umgang der USA mit ihren kleineren westlichen Verbündeten zu üben als auch das schwierige Verhältnis zwischen Dänemark und seiner ehemaligen Kolonie zu thematisieren. Gerade letzteres macht einen zusätzlichen Reiz der Serie aus: etwas über Gesellschafts- und Politiksysteme zu erfahren, von denen wir im Grunde keine Ahnung haben.

Waren einmal ein Paar: Die ambitionierte Journalistin Katrine (Birgitte Hjort Sorensen) und PR-Berater Kasper (Pilou Asbaek); Foto: arte © Mike Kollöffel/DR

Der Nachrichtenbetrieb ist die zweite wichtige Säule von „Borgen“, die Redaktion einer TV-Newsshow sein zweiter Hauptschauplatz. Politik wird in einer Demokratie eben nicht nur in Parlament und Regierungssitz gemacht, sondern auch im Austausch mit der Öffentlichkeit. Verbindendes Element der beiden Welten ist Nyborgs PR-Berater Kasper, der zugleich der Ex-Freund der Nachrichten-Anchor-Woman Katrine ist. Deren problembeladenes Privatleben ist allerdings das schwächste Element der Serie, da es in den ersten Folgen zu sehr in Richtung Soap abgleitet. Wobei hier natürlich nicht mit eindimensionalen Charakteren gearbeitet wird, sondern sowohl die ehrgeizige Journalistin als auch der prinzipienlos wirkende Spin Doctor mehr Seiten in sich tragen als es zunächst den Anschein haben mag.

Überstrahlt werden diese und alle kleineren Rollen aber von Birgitte Nyborg, für die Sidse Babett Knudsen die Idealbesetzung darstellt. Sie trägt die Serie praktisch alleine und verkörpert in ihrer leisen und doch bestimmten Art eine Politikerin, die die meisten Zuschauer wohl sofort wählen würden – wenn es sie denn in der Realität gäbe. Knudsen fiel Freunden des dänischen Kinos bereits in Filmen wie Susanne Biers „Nach der Hochzeit“ auf, ist mit „Borgen“ aber verdient zu einem Star des dänischen Fernsehens geworden. Insgesamt braucht sich die Serie nicht vor internationaler Konkurrenz zu verstecken. In unserem kleinen nördlichen Nachbarland scheint tatsächlich eine filmische Kreativität zu herrschen, die hierzulande Seltenheit hat – und nicht etwa nur im Krimibereich (der Sender ist derselbe wie beim international gefeierten „The Killing“ alias „Kommissarin Lund“).

arte hat mit diesem Einkauf erneut ein gutes Gespür bewiesen. Zu kritisieren ist lediglich der doch arg reißerische deutsche Titel „Gefährliche Seilschaften“ (der den Tonfall der Serie überhaupt nicht trifft) sowie die Tatsache, dass man in Deutschland wieder nur eine synchronisierte Fassung zu sehen bekommt. Gerade bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, die Zweikanalton zur Verfügung haben, wäre es ja kein Problem gewesen, (mittels Videotext) auch eine OmU-Fassung anzubieten. Selbst die sprachverwöhnten Briten haben kein Problem, „Borgen“ zurzeit im dänischen Originalton mit Untertiteln auszustrahlen und 650.000 Zuschauer sprechen dabei eigentlich für sich.

Ab 9. Februar um 20.15 Uhr in Doppelfolgen bei arte.

2 comments

  1. Danke für die DVD-Kritik in der aktuellen Ausgabe.
    Hat hier jemand vielleicht schon Erfahrungen mit der dänischen bzw. der britischen BluRay gemacht? Die dänische hatte jedenfalls englische Untertitel. Es wäre interessant ob sich darauf noch weitere Specials (für die dänische Disk, untertitelt) finden lassen.
    Schade, dass wir wiedermal nur mit einer „Minimal-DVD“ versehen werden.

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