Bittersweet Symphony: die britische Teenagerserie „Skins“

Sechs der ersten "Skins"-Generation: Maxxie, Tony, Sid, Michelle, Cassie und Jal; Foto: E4 / Tellyvisions

Die britische Teenagerserie „Skins“ sorgte im UK für empörte Eltern und begeisterte Jugendliche. Sex, Drugs und Rave verstellen vielen Zuschauern den Blick darauf, was sich hinter ihrer provokativen Oberfläche verbirgt: eine ebenso witzige wie tiefgründige Ode an die Freundschaft. Von Marcus Kirzynowski

Manchmal erwartet man von einer Serie erst einmal wenig bis gar nichts, weil alle Rahmenbedingungen zunächst gegen sie sprechen: eine Teenagerserie um eine Gruppe von Oberschülern, von einem kleinen britischen Digitalsender produziert, mit einem Haufen unbekannter Schauspieler in den Hauptrollen, die noch dazu selbst erst im Teeniealter waren. Und dann soll es noch hauptsächlich um die wilde Jugend gehen, wobei sich das wild vorrangig auf Drogenkonsum, Partys und Sex beziehen soll. Das klingt nicht unbedingt viel versprechend für Zuschauer, für die die eigene Schulzeit nur noch eine bestenfalls nostalgische Erinnerung ist.

Aber wenn man „Skins“ erst einmal eine Chance gibt, entdeckt man eine der fesselnsten und vielschichtigsten Serien der letzten Jahre überhaupt, die sich vor teuren HBO- oder AMC-Produktionen nicht zu verstecken braucht – gerade, weil sie so völlig anders ist als diese. Immerhin vier Jahre hat es gedauert, bis auch ein deutsches DVD-Label das gemerkt hat und so müssen deutsche Serienfans nun nicht mehr auf Importboxen zurück greifen, um die vielleicht beste High School-Serie aller Zeiten zu entdecken. Aber „Skins“ (der Name ist übrigens ein Slangausdruck für Zigarettenpapiere) kommt ja aus dem UK, und da ist natürlich alles etwas anders. Deshalb heißt das Gymnasium hier auch nicht High School, sondern College, und statt aus der gehobenen Mittelschicht wie in den meisten US-Teeniedramen stammen dessen Schüler überwiegend eher aus der Arbeiterklasse. Im Mittelpunkt der ersten beiden Staffeln steht eine achtköpfige Clique um den beliebten und erfolgreichen Tony, seine Freundin Michelle und seinen besten Freund Sid. Der ist ungefähr das Gegenteil von Tony: nicht besonders attraktiv, schlecht in der Schule, eher schüchtern und leicht trottelig. Bei den Mädchen kann er nicht landen, schon gar nicht bei Michelle, in die er mehr oder weniger heimlich verliebt ist. Wohingegen sich Tony durch alle Betten schläft. Aus der Dreiecksgeschichte wird bald eine Vierecksgeschichte, denn die magersüchtige Cassie verliebt sich in Sid, der aber zunächst nur Augen für seine angebetete Michelle hat. Komplettiert wird die Clique durch die schwarze Jal, eine begabte Klarinettistin, die unter dem Verschwinden ihrer Mutter leidet, den offen homosexuellen Maxxie, dessen bester Freund ironischerweise ausgerechnet der Muslim Anwar ist, und den chaotischen Partyhengst Chris, in dessen Kopf nur Platz für Drogen und Sex zu sein scheint.

Erst nach und nach wird klar, dass diese Figuren nicht annähernd so klischeehaft sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Dank eines interessanten Erzählkonzepts, bei dem in jeder Folge eine andere Figur im Mittelpunkt steht – manchmal auch zwei –, bekommt jeder Charakter Gelegenheit, Tiefe zu entwickeln. So verstehen wir etwa Chris plötzlich viel besser, nachdem wir gesehen haben, welche familiären Umstände ihn zu dem gemacht haben, der er ist. Nebenfiguren werden für jeweils eine Folge pro Staffel zu Hauptfiguren, während die übergreifende Handlung um Tony, Sid, Cassie und Michelle im Hintergrund weiterläuft. Ein Konzept, dass an Edgar Reitz’ Meisterwerk „Die zweite Heimat“ erinnert, wo die Liebesgeschichte um Hermann und Clarissa als Rahmen diente für die Entfaltung der Vielzahl starker Charaktere in den einzelnen Folgen.

Abgesehen davon ist „Skins“ stilistisch und erzählerisch ungefähr das Gegenteil der „Heimat“-Filme oder auch gängiger Serien amerikanischer Pay-TV-Sender: Statt langsamen Erzähltempos jagt meistens eine Party die nächste, eine skurrile Situation folgt auf die letzte Enthüllung, Tragik auf Komik auf Dramatik. „Skins“ ist schnell, schrill, knallbunt und in Humor, Handlung und Sprache immer etwas over the top – ganz angemessen seinem Sujet Jugend. Wobei viele britische Zuschauer der Serie genau das vorgeworfen haben: Die Darstellung des Teenielebens habe nichts mit der Realität zu tun, in der es sich eben nicht nur um Sex, Drugs und Rave drehe. Diese Kritik geht aber völlig am Gehalt der Serie vorbei: Natürlich ist sie übertrieben. Das Leben eines Jugendlichen in Bristol ist in Wirklichkeit wahrscheinlich über weite Strecken ähnlich langweilig wie das eines Mittdreißigers in Düsseldorf oder eines Rentners in Paris. Aber die Probleme, die die „Skins“-Protagonisten haben, die Dinge, die sie beschäftigen, haben nicht nur ihre Altersgenossen in New York oder Castrop-Brauxel, sondern sind auch für ältere Zuschauer universell nachvollziehbar: Erwachsenwerden, veränderte Beziehungen zu den Eltern oder das Leiden daran, dass diese nicht mehr da sind, die Angst, anders zu sein als die Anderen, die Suche nach Liebe und einem Platz im Leben. Dass sie all dies meistens mit einer rüden Sprache, mit dem Einwerfen aller möglichen legalen und illegalen Drogen und einer „Fuck you“-Attitüde zu überspielen versuchen, ändert nichts an ihrer Verletzlichkeit.

Vor allem aber ist „Skins“ auch eine Ode an die Freundschaft, an ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, wie man es vielleicht nur in einer Phase seines Lebens erfahren kann. Trotz aller Unterschiede in Temparement, Charakter, Herkunft, Ethnie, Religion und sexueller Orientierung, trotz aller Konflikte und Konkurrenzen untereinander sind diese Jungs und Mädels vor allem eines: unzertrennlich. Sie teilen alles, von einem Platz auf der Couch nach einer durchzechten Nacht bis zu ihren tiefsten Gefühlen. Ihre Freundschaft ist wahrhaft bedingungslos. Wer ernsthaft behauptet, hier ginge es nicht um Werte, hat die Serie vermutlich nie länger als zehn Minuten gesehen. Nur sind es vielleicht nicht die Werte der Elterngeneration. Dabei schafft „Skins“ wie kaum eine andere Serie den Spagat, sowohl die jugendliche Zielgruppe als auch ein erwachseneres Publikum anzusprechen und emotional zu berühren. Vielleicht gelingt das, weil ihre beiden Erfinder, Brian Elsley und Jamie Brittain, selbst Vater und Sohn sind. Angeblich erzählte letzterer seinem Vater, einem etablierten TV-Autor, seine Serienidee am Küchentisch. Brittain war Anfang 20, viele der Mitautoren waren selbst noch Teenager. Ebenso wie die Schauspieler, anders als in vergleichbaren US-Serien, wo Oberschüler meist von Mitte 20-Jährigen dargestellt werden, wie selbst im hervorragenden „Freaks and Geeks“.

Überhaupt die Schauspieler: Wenn man bedenkt, dass (außer vielleicht Tony-Darsteller Nicholas Hoult, den man als knapp 13-Jährigen aus der Nick Hornby-Verfilmung „About a Boy“ kennt, aber hier kaum wieder erkennt) wohl niemand professionell diesen Beruf ausübte, sind ihre Leistungen absolut erstaunlich. Fast alle jugendlichen Akteure agieren dermaßen natürlich und vielschichtig, dass man sich fragt, warum die Gesichtsverleiher aus „Glee“ mit Golden Globes ausgezeichnet wurden und sie nicht.

Obwohl das Budget laut einer Äußerung Brittains gegenüber dem amerikanischen Televisionary-Blog sehr niedrig gewesen sein soll, sieht man das der Produktion an keiner Stelle an. Bildgestaltung, Schnitt, Einsatz von Musik beweisen eine unfassbare Souveränität im Einsatz filmischer Mittel: Sie sind innovativ, ohne die Handlung zu überfrachten. Obwohl in den ersten beiden Staffeln nie namentlich erwähnt, wird Bristol zum heimlichen Hauptdarsteller, eine Stadt, die zugleich natürlich völlig austauschbar ist. Zunehmend gewinnen auch Popsongs aller Art an Bedeutung für die Unterstreichung von Emotionen. Anders als in US-Produktionen wie „Grey’s Anatomy“ kleistern sie aber nie die Szenen zu, sondern bleiben immer angenehm zurückhaltend. Meistens handelt es sich um Gehimtipps, wenn nicht gerade Sid & Co. im brillianten ersten Staffelfinale wie in einem Musical unvermittelt anfangen, Cat Stevens’ „Wild World“ zu singen.

Beginnt die erste Staffel schon gut, steigert sich die Serie in Episode 8 und 9 und insbesondere in der zweiten Staffel noch gewaltig. Wie ernsthaft hier Themen wie Essstörungen, psychische Probleme, Teenagerschwangerschaften etc. behandelt werden, wie trotz aller Tiefgründigkeit der oft haarsträubende Humor nie zu kurz kommt, das hat man selten gesehen. Und der Einfall, ausgerechnet den so selbstbewussten wie egozentrischen Tony, der in der ersten Staffel seine Freunde manipuliert, wie es ihm gefällt, in der zweiten all seiner Selbstsicherheit zu berauben und ihn durch einen unvorhersehbaren Zwischenfall um Jahre zurück zu werfen, ist fast schon genial.

Zum Konzept der Serie gehört auch, dass immer 16-18-jährige Schüler im Mittelpunkt stehen. Deshalb tauschen die Macher alle zwei Jahre den kompletten Hauptcast aus. Am Ende der zweiten Staffel heißt es also Abschied nehmen von diesen Charakteren, die einem innerhalb von nur 19 Folgen so ans Herz gewachsen sind. Lediglich Tonys jüngere Schwester, die geheimnisvoll-exaltierte Effy, bleibt weiterhin dabei. Um sie formiert sich dann in der dritten Staffel eine neue Clique, die sich diesmal erst zusammenfinden und kennen lernen muss. Leider sind die meisten dieser neuen Figuren nicht halb so einnehmend wie die alten und die dritte Staffel kann dann auch das hohe inhaltliche Niveau nicht halten, das die Serie in ihren ersten Jahren erreicht hat. Die Ur-„Skins“ aber zerstreuen sich in Folge 19 nach dem Abitur in alle Himmelrichtungen. Auch das wie im richtigen Leben: So nah man sich auch in der Schulzeit gestanden hat, selten ist eine solche Freundschaft von Dauer. Wobei die Autoren keine endgültigen Auflösungen geben, viele Handlungsstränge und Beziehungskonstellationen offen lassen. Es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen, wie es nach dem Abi mit den Figuren weitergeht.

Für den Channel 4-Digitalableger E4 war „Skins“ 2007 ein Wagnis – und ein großer Erfolg. Bisher fünf Staffeln, ein geplanter Kinofilm, eine allerdings schon wieder abgesetzte US-Version – die trotz Abmilderung gleich empörte Elternverbände mit Zensurforderungen und, wegen des jugendlichen Alters der Darsteller, dem Vorwurf der Kinderpornografie auf den Plan rief –, und ein Image als Sender für hippe Jugendserien. Letzteres baute er mit „Misfits“ aus, einer genauso abgefahrenen und freizügigen Fantasy-Serie um Straftäter in ihren 20ern, die es ohne den Erfolg der Vorgängerserie sicher nie gegeben hätte. In Deutschland können wir währenddessen weiter nur von solchen gleichermaßen innovativen wie tiefgründigen Serien träumen. Bei uns heißen Schulserien „Dr. Specht“ und fast alle deutschen TV-Autoren würden sich wohl den rechten Arm abreißen, wenn sie einmal solche Drehbücher schreiben könnten. Rule Britannia!

Die Staffeln 1-3 sind in Deutschland bei Tellyvisions, die Staffeln 1-5 im UK bei Channel 4 DVD erschienen. Die ersten beiden Staffeln sollen ab Mitte Oktober beim deutschen Fox Channel wiederholt werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.