„Polizeiruf“-Folgen mit der Ermittlungsgruppe Fuchs: 20 Jahre deutsch(-deutsch)e TV-Geschichte im Schnelldurchgang

Dank des 40-jährigen Jubiläums der Sendereihe und vor allem dank des Mitteldeutschen Rundfunks konnte man sich in den letzten zehn Tagen einen rudimentären Überblick über die (Früh-) Geschichte des „Polizeiruf 110“ machen.

1971 als Gegenstück zum West-„Tatort“ gestartet, erinnern die frühen (schwarz-weißen) Folgen mit ihren rund 70 Minuten Laufzeit formal und inhaltlich eher an damalige ZDF-Serien wie „Derrick“ oder „Der Kommissar“: Die Hauptfigur, Oberleutnant Fuchs (Peter Borgelt) ist wie deren Protagonisten eher ein Mann ohne Privatleben und auch fast ohne Eigenschaften. Er macht halt seine Arbeit, seine Gefühle tun dabei nichts zur Sache. Eine Ausnahme bildet da der in der DDR verbotene und erst vorletzte Woche erstmals im Fernsehen ausgestrahlte Fall „Im Alter von…“ (1974), in der er auch mal emotional in einen Fall involviert sein darf. Und nach seiner Suspendierung auch mal seinen Vorgesetzten anschreien darf, weil er diesmal eben keine Lust hat, sich streng an die Vorschriften zu halten.

Völlig dekonstruiert wird Fuchs, inzwischen mit dem neuen (West-)Dienstgrad Kriminalhauptkommissar versehen, dann in seinem letzten Fall „Thanners neuer Job“ von 1991, der gestern wiederholt wurde. Der war dann zwar schon Post-DDR, aber noch nicht Post-DFF, denn der produzierende Deutsche Fernsehfunk wurde erst Ende jenes Jahres abgewickelt. Während sein Assistent Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) seinen alten Boss am liebsten schon in die Frührente abschieben will, wird den beiden ausgerechnet Thanner als Interims-Vorgesetzter aus dem Westen vor die Nase gesetzt. Eben jener nett-gemütliche Schimanski-Thanner, mit dem zusammen Fuchs und Grawe bereits ein Jahr vorher ermittelt haben, im „Tatort“/“Polizeiruf“-Crossover „Unter Brüdern“, in dem noch vor der Wiedervereingung die damaligen WDR-Kommissare auf ihre DFF-Kollegen trafen.

Während Thanner sich erst mal bei seinen neuen Ost-Kollegen unbeliebt macht und sich anschließend in eine lange Mittagspause begibt, lässt sich Fuchs bei einem Banküberfall von Neonazis als Geisel austauschen. Der Film ist aus drei Gründen hoch interessant: erstens wegen des damals hoch aktuellen Themas Ost-Neonazis nach der Wende, zweitens wegen der Darstellung der Konflikte zwischen Ostpolizisten, deren Lebensleistung plötzlich nichts mehr gilt, und einem Chef aus dem Westen – und drittens eben, weil der altgediente TV-Charakter Fuchs hier dekonstruiert wird. Nicht moralisch, denn von seiner eigentlichen politischen Gesinnung erfahren wir nichts. Aber indem er aus der Sicherheit seiner 40-jährigen Berufs- und 20-jährigen Serienrolle gerissen wird (eben so wie sich auch für Millionen Genossen in der Realität das gesamte Rollengefüge schlagartig veränderte) und er statt als distanzierter Ermittler nun als leidendes Opfer zu sehen ist, dass von den Jungnazis gefesselt und geknebelt, beleidigt und gedemütigt und mit dem Tod bedroht wird. Sie beschimpfen ihn als „rote Sau“ und verspotten ihn als ehemaligen Volkspolizisten, indem sie alte Pionierlieder singen. Am Ende will einer ihn gar erschießen und er flieht verzweifelt um sein Leben bettelnd vor seinem Häscher durch den Wald. Hier zeigt sich auch, zu was der Schauspieler Borgelt fähig war, wenn man ihm nur Gelegenheit dazu gab. Im unmittelbaren Vergleich mit dem davor ausgestrahlten Fall von 1971 und seinem hölzernen Spiel darin ist das umso auffälliger.

Am Ende dankt Thanner Fuchs für seinen besonderen Einsatz. Der, geistig abwesend am Fenster stehend, sagt nur: „Ich hatte Angst. Ich hatte einfach nur Angst.“ Während Thanner seinen Kollegen sagt, man müsse halt einfach immer weiter machen,  verlässt Fuchs wortlos den Raum – um danach nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurück zu kehren. Grawe machte danach noch ein paar Jahre alleine weiter. Ab Mitte der 90er wurde die Reihe endgültig zum Parallel-„Tatort“ mit weitgehend gleichem Konzept (verschiedene Sendeanstalten schicken verschiedene Ermittlerteams in diverse Städte in ihren jeweiligen Bundesländern). Mit der ehemaligen DDR oder ihrer eigenen Geschichte hat die Reihe heute nichts mehr zu tun. Zwei der alten Ermittler überlebten die Wende nicht lange: Borgelt starb bereits 1994, sein Kollege Jürgen Frohriep, der seit Mitte der 70er den Genossen Oberleutnant Hübner gespielt hatte, schon ein Jahr eher.

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